Boston Celtics

(K)ein Ballhandler für die Zukunft?

Die Fähigkeiten Marcus Smarts in der Analyse

Als Evan Turner in der Free Agency einen Vertrag über 70 Millionen Dollar bei den Portland Trailblazers unterschrieb, wurde viel über die Beweggründe der Trailblazers gesprochen.  Warum gaben sie Turner einen hochdotierten Vertrag, der deutlich über dem Marktwert lag, obwohl sie ihn eigentlich nicht benötigten. Vergleichsweise wenig im Fokus stand, was der Abgang von Turner für die Celtics bedeutete.

Evan Turner wurde bei den Celtics hauptsächlich als Playmaker von der Bank eingesetzt. Auch wenn er nominell auf der Flügelposition spielte, übernahm er in der Offensive das Ballhandling und leitete den Angriff der Celtics. In dieser Rolle schaffte er es, wenn auch nicht immer effizient im eigenen Abschluss, die Offensive der Celtics am Leben zu halten, wenn Isaiah Thomas auf der Bank saß. Zudem spielte er aber auch häufig neben Thomas und entlastete diesen von Zeit zu Zeit bei seinen Aufgaben als Point Guard.

Den Abgang von Turner wollten die Celtics intern lösen. Marcus Smart sollte in seiner dritten Saison mehr Verantwortung in der Offensive übernehmen und die Rolle des Backup-Point-Guards ausfüllen.

Obwohl die Fußstapfen von Evan Turner auf den ersten Blick nicht sonderlich groß zu sein schienen, wirkt das Spiel der Celtics, wenn Isaiah Thomas auf der Bank sitzt, deutlich statischer als in der letzten Saison. Ohne ihren besten Offensivspieler können die Celtics nur ein Offensivrating von 102,7 aufweisen, mit ihm sind es grandiose 116,1 (diese und alle folgenden Ratings sind von baskeball-reference.com übernommen).

Solange Marcus Smart noch mit Thomas gemeinsam auf dem Feld steht, haben die Celtics kein Problem und können in durchschnittlich 18 Minuten pro Partie sogar ein Offensivrating von 117,0 aufweisen. Nur in den zwölf Minuten, in denen Smart ohne Thomas auf dem Feld steht, stockt die Offensive und die Celtics haben nur noch ein Offensivrating von 102,6.

Smart als Ballhandler

Als die Celtics sich im Draft 2014 an sechster Stelle die Rechte an Marcus Smart sicherten, wollten sie ihn als Point Guard der Zukunft aufbauen. Er galt als bulliger Point Guard mit einem starken Zug zum Korb und extrem starken physischen Anlagen.

Die Prognosen lagen insofern richtig, dass Smart mit seinen außergewöhnlichen physischen Anlagen bereits in seiner Rookiesaison zu einem wichtigen Faktor in der Defensive werden konnte. Auch wenn ihm sicherlich immer noch der eine oder andere Fehler unterläuft, hat er sich zu einem der besten On-Ball-Verteidiger der NBA entwickelt. Kaum ein anderer Spieler kann gegnerische Ballhandler so stark unter Druck setzen.

In der Offensive konnte Smart dagegen bisher wenig von dem zeigen, was ihm am College noch ausgezeichnet hatte. Tobias Berger beschrieb ihn 2014 in seinem Draftprofil mit den folgenden Worten.

Ob als Passgeber oder als Coast-to Coast gehender Ballhandler attackiert er ständig den gegnerischen Korb, sobald sich die Möglichkeit ergibt. Mit großem Erfolg – 1,1 PPP erzielt Smart in diesen Transitionpushes und sorgt so für circa 20% seiner Offense. Aber auch im Halbfeldangriff ist auf Smart Verlass. In der Manier eines modernen NBA-Point Guards schaut er dabei zunächst einmal auch auf das eigene Scoring und greift zumeist über eine Mischung aus Power und Finesse den Korb des Gegners an.

Wenig davon hat Smart bisher auf NBA-Niveau aufblitzen lassen. Zwar attackiert er gerne einmal in der Transition den Korb, doch gerade im Halbfeld hat Smart als Ballhandler große Probleme. Aufgrund seines wackligen Wurfes sinken gegnerische Bigs in der Verteidigung des Pick&Rolls häufig bis tief in die Zone ab. Trotz seiner enormen Kraft hat Smart, wie im folgenden Video zu sehen, häufig Probleme mit Kontakt am Korb abzuschließen.

Nach Drives trifft Smart nur 33 Prozent seiner Abschlüsse. Häufig schließt er dabei auch nicht direkt am Korb ab, sondern versucht es lieber per Floater oder Hakenwurf aus dem Dribbling. 41 Prozent von Smarts Abschlüssen finden zwar in der Zone statt, aber fast die Hälfte davon zwischen drei und zehn Fuß vom Korb entfernt.

Da Smart als Ballhandler in der NBA kaum Scoringgefahr ausstrahlt, ist es schwierig für ihn, für seine Mitspieler zu kreieren. Im Gegensatz zu seiner Zeit bei Oklahoma State, bei der er als bester Spieler seines Teams immer wieder die Aufmerksamkeit der gegnerischen Defensive zog, entstehen aus seinen Drives nur selten offene Würfe für seine Mitspieler.

Die Assistzahlen von Smart sind zwar in dieser Saison von 5.4 Assists per 100 Possessions auf 7.2 gestiegen, allerdings ist der Anstieg nur sehr gering, wenn in Betracht gezogen wird, dass Smart über zwölf Frontcourttouches mehr pro Spiel hat.

Smart als Rollenspieler

Marcus Smart hat es bisher nicht geschafft auf NBA-Niveau in einer Ballhandling-Rolle ein produktiver Faktor zu sein. Dennoch steht Smart über 30 Minuten pro Spiel bei den Boston Celtics auf dem Feld. Dies liegt in erster Linie an seiner starken Defensive.

Vor allem der Druck, den Smart auf den gegnerischen Ballhandler ausüben kann, ist bemerkenswert. Smart reagiert in der Defensive nicht nur auf die Bewegungen seines Gegenspielers, sondern agiert selbst und macht so dem Aufbauspieler das Leben schwer.

Wie im Video zu sehen ist, müssen Ballhandler, die von Smart verteidigt werden, immer darauf achten, ob Smart nicht mit einer blitzschnellen Bewegung in das Dribbling eingreift. Dies macht es schwierig für sie, die Offensive vernünftig zu initiieren.

Auch in der Offensive hat Smart durchaus Fähigkeiten, welche dem Spiel der Celtics weiterhelfen. Durch seinen massigen Körper wird er von Brad Stevens immer wieder als Screen-Setter eingesetzt. Vor allem Spieler, die sehr viel aus Screens abseits des Balles agieren, wie Avery Bradley, profitieren von seinen hart gesetzten Screens.

Das größte Problem von Smart ist weiterhin sein wackliger Sprungwurf, den er immer noch viel zu häufig nimmt. Obwohl der Guard der Celtics nur 28 Prozent von hinter der Dreierlinie trifft, schließt er von dort mehr als viermal pro Spiel ab. Dabei ist Smart eigentlich ein guter Cutter und sollte die Verteidigung öfter durch Cuts bestrafen, als an der Dreierlinie zu stehen.

Smart ist ein exzellenter Rebounder und kann sich am offensiven Brett das eine oder andere Mal gegen größere Spieler durchsetzen. Von allen Spielern unter 6’4 (circa 1,95 Meter) greift Smart sich pro Spiel die fünftmeisten Offensivrebounds. Nur Russell Westbrook, Patrick Beverley, Avery Bradley und Derrick Rose liegen knapp vor ihm.

Ein weiteres Element in Smarts Spiel sind seine Qualitäten als Post-up-Spieler. Nach Al Horford ist Smart der Spieler der Celtics, der am häufigsten in den Post geht. Dabei kann Smart seine außergewöhnliche Physis exzellent einsetzen und tief unter den Korb drücken. Mit 1,00 PPP schließt er seine Post-ups sehr gut ab und befindet sich deutlich über dem durchschnittlichen Liga-Wert.

Kein Ballhandler für die Zukunft

Als Ballhandler für die Zukunft wurde Marcus Smart gedraftet, letztendlich hat er sich zu einem soliden Rollenspieler entwickelt und ist in dieser Funktion ein Schlüsselspieler im Kader der Boston Celtics. Eine Rolle als erster Ballhandler eines Teams scheint er jedoch nicht ausfüllen zu können.

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1 comment

  1. Simon

    Schöner Artikel :tup:

    Smarts offensive Entwicklung hat mich wirklich enttäuscht. Ich hatte eigentlich erwartet, dass er seinen Dreier zumindest auf ca. 33-34 Prozent steigern kann (als Rookie war das auch ungefähr seine Quote) und dadurch dann mit seinem zumindest ordentlichen Passing und kraftvollen Zug zum Korb ein überdurchschnittlicher Offensivspieler wäre. In Verbindung mit seiner wirklich sehr guten Defense wäre er damit auf jeden Fall ein überdurchschnittlicher Starter, am besten als einer von zwei gleichberechtigten Ballhandlern. Aber mit 49% am Ring, 28% aus der Distanz und 48% TS ist er für mich bei einem Contender eher ein Spieler für höchstens 22-25 Minuten.

    Den Dreier trifft er ja bei geringerem Volumen deutlich schlechter als in seiner Rookie-Saison und auch am Ring ist das die schlechteste Quote seiner Karriere. In Korbnähe fehlt ihm irgendwie der Touch, mit Kontakt setzt er seine Layups und kurzen Floater/Hooks/Runner ja manchmal ziemlich weit daneben. Immerhin kommt er in dieser Saison etwas öfter an die Freiwurflinie und trifft dort auch erstmals über 80%.

    Seine Defense macht allerdings wirklich Spaß. Die Steals sind teilweise ähnlich fies wie bei Kawhi Leonard. Und wie er sich teilweise sogar gegen Small Forwards behauptet ist genauso beeindruckend.


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