BG Göttingen

Pace and Space auf Holländisch

Die Saison der BG Göttingen in der Analyse

Die BG Göttingen steht nach 26 Spieltagen mit einer Bilanz von 9 Siegen und 17 Niederlagen auf dem zwölften Tabellenplatz. Trotz des Überraschungserfolgs über ALBA Berlin vor wenigen Wochen haben die Göttinger mit dem Kampf um den Einzug in die Playoffs wohl nur noch sehr wenig zu tun. Wer nun aber glaubt, es folge eine Problemanalyse zu den Göttingern, hat sich getäuscht und die Veilchen in dieser Spielzeit womöglich kaum verfolgt. Denn unter der Führung von Headcoach Johan Roijakkers ist es dem finanziell limitierten Verein gelungen, eine sportlich sorgenfreie Saison zu spielen. Anders als noch in der Saison 2015-16 hatten die neuen Spieler Roijakkers‘ System früh verinnerlicht und phasenweise exzellent umgesetzt. Kurz um: Die BG Göttingen hat in 2016-17, ganz unabhängig vom abschließenden Tabellenplatz, viel Spaß bereitet.

Kaderzusammenstellung

Bevor wir detaillierter auf die taktischen Konzepte der BG Göttingen eingehen, wird im Folgenden anhand eines chronologischen Rückblicks festgestellt, welches die Eckpfeiler für die erfolgreiche Saison sind.

Zuerst einmal mussten sich die Göttinger vor der Saison selbst realistisch einschätzen, um Ziele für eine Saison aussprechen zu können. Laut den im September von SPONSORS veröffentlichten Zahlen haben die Niedersachsen mit einem Gesamtetat von 2,5 Millionen Euro einen der kleinsten Etats der gesamten Liga. Lediglich das mittlerweile insolvente Phoenix Hagen (2,4 Millionen Euro) und Bundesliga-Aufsteiger Science City Jena (2,0 Millionen Euro) sollen mit noch weniger finanziellen Mitteln in die Saison gestartet sein.

Da die Göttinger nur begrenzte Mittel für die Kaderzusammenstellung von Coach Roijakkers zur Verfügung hatten, war schon vor Beginn des Sommers klar, dass Göttingen, wenn die finanziell besser ausgestattete Konkurrenz keine großen Fehleinkäufe tätigt, grundsätzlich erstmal nur um den Klassenerhalt spielt.

In der Vorsaion mussten die Göttinger lange darum kämpfen, die Klasse zu halten. In einem spannenden Finale behielt die BG aber letztendlich die Oberhand und setzte sich knapp vor dem Mitteldeutschen BC durch. Für die Göttinger war in diesem Fall allerdings nicht der abschließende 16. Platz enttäuschend, sondern die Art und Weise wie er zustande kam und wie die Spielzeit verlief. Roijakkers bemängelte nach der Saison die Einstellung der Spieler und merkte schon nach wenigen Wochen mit seiner neuen Mannschaft an, dass er jetzt bereits mehr Spaß habe, als in der kompletten Vorsaison. In dieser Saison haben die Göttinger schon nach 26 Spieltagen genau so viele Siege auf dem Konto, wie in der letzten Saison. Die verbesserte sportliche Leistung kann auf mehrere Gründe zurückgeführt werden.

Zum einen drehte sich in der laufenden Saison das Personalkarussell bei den Veilchen deutlich weniger, als im Jahr zuvor. Dort hatten die Göttinger erhebliche Probleme, einen passenden Aufbauspieler zu finden, der in der Basketball-Bundesliga in der Regel einen hohen Stellenwert besitzt. Gleich mehrere Spieler wurden innerhalb weniger Wochen getestet, doch so richtig glücklich wurde man in Göttingen mit keinem der Akteure. Erst als Khalid El-Amin zurückkam, konnten sich die Fans wieder mit einem Spielmacher identifizieren. Auch auf den anderen Positionen schien die Besetzung nicht ideal, welches sich letztendlich auf dem Court wiederspiegelte.

Dementsprechend baute Roijakkers den Kader der BG im Sommer kräftig um, damit er mit den richtigen Charakteren endlich wieder seine sehr teamorientiere Art von Basketball spielen lassen konnte. Insbesondere auf der Aufbauposition wurde kein Risiko eingegangen und mit Jesse Sanders und Leon Williams zwei grundsolide Spielmacher verpflichtet, die ihren Aufgaben bislang gut nachkamen. Beide sind keine Spieler, die viel aus dem Eins-gegen-Eins scoren, sondern klassische Teamspieler, die in einem funktionierenden Mannschaftsgefüge aufblühen. Während Sanders extrem viel Energie und auch Athletik mitbringt, ergänzt Williams dies durch einen sehr sicheren Wurf von Außen (44,7% Dreierquote) und seinen Fähigkeiten als Playmaker.

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Auf den Flügelpositionen sollte die Last hauptsächlich auf den deutschen Spielern wie Mathis Mönninghoff, Malte Schwarz oder Andrej Mangold liegen. Letzterer fiel allerdings schon früh mit einem Kreuzbandriss aus, weshalb die Göttinger hier noch einmal nachverpflichten mussten. Dabei bewies Roijakkers ein gutes Händchen und konnte mit Benas Veikalas und Adam Waleskowski noch zwei extrem erfahrene Spieler unter Vertrag nehmen. Auch dabei stand wieder im Fokus, dass die beiden sich problemlos dem Team unterordnen konnten.

Das größte Experiment stellte bei der Kaderzusammenstellung die Besetzung der großen Positionen dar. Hier entschied sich der holländische Coach früh für die beiden US-Amerikaner Scott Eatherton und Darius Carter. Nachdem die Center-Position in den Jahren zuvor von Harper Kamp und Raymar Morgan geprägt waren, schienen hier zwei unspektakuläre Akteure zu den Veilchen zu stoßen, die aber ihre jeweiligen Rollen sehr gut ausgefüllt haben. Während Carter anfangs noch große Probleme hatte, sich an das schnelle und physische Spiel der Basketball-Bundesliga zu gewöhnen, konnte Eatherton von Beginn an überzeugen, was Carters Schwächephasen zu Saisonbeginn überstrahlte.

Diese schnelle Anpassung von Eatherton zur BG Göttingen und dem deutschen Basketball kann sicherlich als wichtiger Eckpfeiler für den weiteren Saisonverlauf der Veilchen gesehen werden. Der 26-Jährige entwickelte sich sofort zum Leistungsträger, steckte trotz mangelnder Masse und Athletik nicht vor den Top-Big-Man der BBL zurück und überzeugte vor allem durch Spielwitz, Cleverness und seine starken Antizipationsfähigkeiten beim Rebounding. Insbesondere am offensiven Brett dominierte der schlaksige Amerikaner, wie kaum ein anderer Spieler in dieser Saison und griff sich mit 3,5 Offensivrebounds pro Partie folgerichtig auch die meisten aller BBL-Spieler ab. Dieses Skillset erlaubte den Göttingern ein ausgewogenes Inside-Outside-Spiel und letztendlich sogar, dass sie mit extrem schlechten Quoten von jenseits der Dreierlinie trotzdem viele Spiele eng gestalten konnten.

Doch wenn über wichtige Eckpfeiler bei der BG Göttingen gesprochen wird, darf ein Mann ganz sicher nicht fehlen: Alex Ruoff. Als Nachverpflichtung erst Ende November gekommen, half der US-Amerikaner mit seiner Flexibilität den Göttingern sofort weiter. Ruoff kann auf vier Positionen eingesetzt werden und von überall das Spiel übernehmen und lenken. Ganz egal, ob er selbst als Scorer in Erscheinung tritt oder nur für seine Mitspieler kreiert. Umso erfreuter waren die Veilchen-Fans, dass Ruoff, nach einem Jahr bei Bilbao Basket  und einem kurzen Intermezzo in Ludwigsburg zu Beginn der Saison, wieder zu den  Niedersachsen zurückkam. Mit ihm gewann das Team enorm an Qualität, welches letztendlich der letzte wichtige Schritt in Richtung des vorzeitigen Klassenerhalts war.

Ruoffs Rolle

Dabei ist vor allem die Rolle, die Alex Ruoff bei der BG Göttingen einnimmt, extrem interessant. Der US-Amerikaner verließ die Ludwigsburger, da er dort immer wieder auf der Vier eingesetzt wurde und folglich wenig den Ball in den Händen hielt. Er wurde von John Patrick als Stretch-Vierer benutzt, um das Feld breiter zu machen. Für das Ludwigsburger Spiel stellte dies eine starke Waffe dar, welches sich direkt im ersten Saisonspiel bemerkbar machte, wo Ruoff den s.oliver Würzburg 25 Punkte einschenkte. Allerdings schien der US-Amerikaner mit zunehmendem Saisonverlauf weniger Gefallen an dieser Rolle zu finden und entschied sich für einen Wechsel.

Das Paradoxe an der Situation: Ruoff spielt auch bei der BG Göttingen sehr häufig auf der Power-Forward-Position. Hier zeigt sich, wie irreführend die klassischen Bezeichnungen der Positionen sein können. Anhand der Positionsbezeichnung könnte vermutet werden, dass sich Ruoffs Aufgaben bei gleichbleibender Position doch kaum ändern sollten. Beim Blick auf die Spiele der beiden Teams lässt sich aber feststellen, dass Ruoff grundlegend anders eingesetzt wird. 

Unter Roijakkers erhält Ruoff deutlich mehr Freiheiten, kann die Offensive der Veilchen lenken und immer wieder selbst aus dem Dribbling oder als Spot-Up-Schütze zum Abschluss kommen. In der Open-Offense des holländischen Trainers fühlt sich der US-Amerikaner sichtlich wohl und schaffte es deshalb schnell, sich in das neuformierte Team zu integrieren.

Mit Alex Ruoff nominell auf der Vier hat die BG Göttingen häufig bis zu vier Ballhandler auf dem Parkett. In Lineups mit Jesse Sanders, Benas Veikalas, Mathis Mönninghoff und Alex Ruoff kann jeder den Ball führen oder ein Pick&Roll laufen. Ein weiteres wichtiges Merkmal der Veilchen-Offense ist das 4-Out. Dies bedeutet, dass gleich vier Spieler rund um die Dreierlinie postiert sind und sich nur ein Akteur innerhalb dieser befindet, um Blöcke zu stellen oder am Korb bedient zu werden. Natürlich verändert sich dies, wenn ein Spielzug gelaufen wird, allerdings haben die Göttinger grundsätzlich erstmal vier mögliche Schützen gleichzeitig auf dem Parkett und besitzen somit eine solide Basis für ein gutes Spacing. Auch wenn Adam Waleskowski das Feld betritt, ändert sich dies nicht. Selbst Scott Eatherton, der in der Regel als Innenspieler agiert, besitzt die Fähigkeit, auch mal von Außen abzudrücken und zu treffen. Somit ist die Offensive der Niedersachsen sehr variabel und nicht so leicht ausrechenbar für den Gegner.

Die folgende Szene steht beispielhaft für das, was Alex Ruoff den Göttingern gibt. Aus dem Fluss des Angriffs erhält der US-Amerikaner den Ball, nachdem er einen Block abseits des Balles gestellt bekommen hat. Nun setzt Darius Carter einen On-Ball-Screen gesetzt, der Ruoff die Möglichkeit gibt, daraus zu kreieren. Carter rollt zum Korb ab und die Berliner schaffen es nicht, die Hilfe beim abrollenden Spieler zu koordinieren. Ruoff liest das Spiel und findet Carter, der unter dem Korb komplett offen stehen gelassen wurde.

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Aufgrund seiner Vielseitigkeit weiß der 30-Jährige aber auch, wie er sich abseits des Balles zu bewegen hat. Beim klassischen Setplay HORNS stehen zwei Bigs an den Elbows und zwei Schützen in den Ecken. Dank seiner Beweglichkeit ist Ruoff für die gegnerischen Vierer nur schwer zu verteidigen, was sich Roijakkers in dieser Situation zu Nutze macht.

Die BG startet klassisch mit den beiden Shootern in den jeweiligen Ecken und dem Vierer und dem Fünfer auf Höhe der Freiwurflinie. Nun könnte der ballführende Spieler zum Beispiel einen der beiden Bigs als Blocksteller nutzen, um zum Korb zu gehen. In dieser Version kommt Ruoff allerdings zuerst auf den gegenüber stehenden Großen zu, um einen Block zu setzen.

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Auch dies ist bekannt und wird von den Veilchen häufiger so gespielt. Normalerweise könnte Ruoff in dem Fall auch den angedeuteten Screen von Waleskowski nutzen, um auf der ballfernen Seite für einen Wurf frei zu werden. Genau darauf spekuliert in diesem Fall auch die Verteidigung von Jena, was an den Bewegungen der beiden Bigs zu erkennen ist.

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Doch Ruoff deutet die Aktion nur an und rollt stattdessen zum Korb ab. Hier kann er seine Geschwindigkeitsvorteile auszunutzen. Während die Jenaer noch auf Waleskowski achten, hat sich Ruoff schon auf den Weg zum Korb gemacht.

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Durch die Dreierschützen in den Ecken, können die Verteidiger von dort nicht aushelfen und es ist kein Gegenspieler in der Nähe des Korbes zu sehen.  Ruoff kann von Sanders bedient werden und am Korb abschließen.

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Dieser Aspekt der Variabilität und des Vertauschens der Rollen macht die Offensive der Göttinger so schwer zu lesen. Als Außenstehender ist es schwierig zu beurteilen, wer gerade welche nominelle Position bekleidet, da fast alle Spieler der Positionen Eins bis Vier in jegliche Rolle schlüpfen können. Für gegnerische Mannschaften, die auf den großen Positionen nicht auf solch einen beweglichen Spieler zurückgreifen können, ist es somit sehr schwer solche Aktionen zu verteidigen. Am gerade aufgezeigten Beispiel ließ sich gut erkennen, wie Stephan Haukohl als Ruoffs Gegenspieler, in dieser Szene nicht mit der Beweglichkeit des US-Amerikaners mithalten kann. 

Offensive Grundstrukturen

Auch wenn Alex Ruoff eine ganz wichtige Stütze für die Offensive der Göttinger ist, hat das Angriffsspiel der Veilchen noch weit mehr zu bieten. Dabei gibt es einige Grundattribute, auf die Coach Johan Roijakkers besonderen Wert legt.

Dazu zählt unteranderem ein ausgeprägtes Passspiel, also eine gute Bewegung des Balles. Genauso sollen sich aber auch die Spieler viel bewegen und abseits des Balls damit Lücken in der Defensive reißen. Dies sind die Grundzüge einer guten Pace&Space-Offense, wie wir sie auch aus der NBA kennen. Das Spielfeld wird extrem breit gemacht, fast alle Spieler können werfen und bewegen sich zudem sehr viel. Besonders abseits des Balles werden gerne viele Blöcke gesetzt, um auch dort immer Anspielstationen zu kreieren. Um die Bewegung aufrecht zu erhalten, gibt es auch sehr viele Cuts. Kein Spieler der gegnerischen Mannschaft kann sich in der Verteidigung ausruhen, ohne dass Unaufmerksamkeiten bestraft werden würden. All diese Prinzipien hat die BG Göttingen in dieser Spielzeit in vielen Partien auf das Parkett gebracht und war damit offensiv fast immer gefährlich.

Im Folgenden sollen durch einige Beispielszenen aus den Spielen der BG verdeutlicht werden, wie diese lauf- und passintensive Offense aussieht und vor welche Probleme sie die Klubs der Basketball-Bundesliga stellt.

Grundsätzlich kann gesagt werden, dass die Göttinger vor allem durch einen Bereich ihres Angriffs immer wieder hervorstechen: Die Transition. Durch ihre vielen schnellen und beweglichen Spieler haben sie die Möglichkeit, nach dem Rebound schnell umzuschalten und sich vorne offene Würfe zu kreieren. Insbesondere die Big Men Scott Eatherton und Darius Carter können die Korb-Korb-Achse sehr schnell laufen und sind somit früh in der Shotclock immer schon für ein Anspiel unter dem Korb bereit. Mit Spielern wie Sanders, Williams, Ruoff, Veikalas, Mönninghoff oder sogar Waleskowski, gibt es mehrere Akteure, die dabei den Ballvortrag übernehmen können. Normalerweise gilt für das Umschalten in der Transition aber die folgende Aufteilung. So sollen die kleineren Spieler entlang der Seitenlinien sprinten, die Bigs auf der Korb-Korb-Achse laufen und der ballführenden Spieler sich am besten in einer der Spuren dazwischen aufhalten.

Dies soll dafür sorgen, dass das Spacing in der Folge bereits gut ist. Die Guards verteilen sich dabei meist am Perimeter und die Großen versuchen unter dem Korb eine gute Position zu erhalten. Bei den Göttingern kann beobachtet werden, dass auch hier lediglich nur ein großer Spieler in Richtung des Korbes läuft und der andere ebenfalls versucht das Spielfeld breit zu machen. Dieser zweite große Spieler wird normalerweise als „Trailer“ bezeichnet, da er derjenige ist, der den Rebound holt oder den Einwurf übernimmt und damit zwangsläufig erst etwas später ins Play hinzustoßen kann.

Dabei lässt sich diese Form der Early Offense unter einem bestimmten Begriff festhalten: Lithuanian Transition. Diese wird von einigen Teams der Basketball-Bundesliga gespielt und ist vor allem bei der BG ein immer wiederkehrendes Element. Hierbei kann grundsätzlich davon gesprochen werden, dass dem schnellen Ballvortrag in den ersten Sekunden eines Angriffs ein erster Sideline-Pick&Roll gespielt wird. Ergibt sich daraus nichts, wird in der Folge nun der sogenannte Trailer oben an der Birne angespielt.  Dieser kann dann die nächste Aktion initiieren. Meistens bewegt der Spieler sich dann mit dem Spalding auf die andere Seite des Courts, wo ein weiteres Pick&Roll gelaufen wird.

In wenigen Sekunden ist der Ball schon durch viele Hände gegangen und die Defensive musste bereits zwei Pick&Rolls auf den unterschiedlichen Seiten des Courts verteidigen. Natürlich kann jeder Spieler bei entstehenden Lücken aus dieser Variante aussteigen und eventuelle defensive Fehler ausnutzen. Somit ist es ein perfektes Beispiel für die freie Offense der Veilchen, die es für die Spieler erlaubt zu improvisieren.

Die grundsätzliche Ausgangssituation der Lithuanian Transition sähe also wie folgt aus. Zwei Spieler befinden sich auf der einen Seite des Courts, um dort in das erste Blocken und Abrollen zu gehen. Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich zwei weitere Akteure, die erstmal die Aufgabe haben für Spacing zu sorgen. Währenddessen kommt der fünfte Spieler, der Trailer, ins Bild hinein und kann in der Folge den Ball erhalten.

Nun wird der Ball über den oben stehenden Big Man von einer Seite zur anderen bewegt. Dabei gilt für den ballnähere Weakside-Spieler normalerweise, dass er, sobald der große Spieler den Ball erhält, bis in die andere Ecke durchcutten soll. Der Akteur aus der Ecke kommt dann nach oben, um ein Blocken und Abrollen zu laufen. 

In dieser Szene aus der Partie gegen die Telekom Baskets Bonn lassen sich die grundlegenden Abläufe dieser Early-Offense-Variante gut erkennen. Nach dem schnellen Ballvortrag positionieren sich Waleskowski und Williams direkt an der Seite, um das Pick&Roll zu laufen. Die restlichen Akteure verteile sich am Perimeter.

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Waleskowski rollt aber nicht zum Korb ab, sondern springt zurück hinter die Dreierlinie und sorgt nun für mehr Platz für den weiteren Ablauf, da die Veilchen aus der ersten Aktion noch kein Kapital schlagen konnten. Nun folgt der ball reversal, was lediglich bedeutet, dass der Ball von einer Seite zur anderen bewegt wird. Dabei geht es immer über den Trailer, der nach dem Erhalt des Balls erst seine Optionen prüft, bevor er sich zur anderen Seite bewegt.

Für den Big Man ist dabei vor allem die Fußstellung im Zusammenhang mit der Bewegung im Rumpf sehr wichtig. So sollte darauf geachtet werden, dass die Füße etwa parallel zum Korb gedreht werden, während der Pass gefangen wird. Nur durch dieses Detail hat der Passempfänger sofort den kompletten Court vor sich und kann schnelle Entscheidungen treffen und möglicherweise auch einen zum Korb schneidenden Spieler finden. Wenn er sich erst nach dem Fangen noch drehen muss, kostet dies einige Zeit, was der Defense selbstverständlich entgegenkommt.

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In dieser Situation findet Eatherton keinen freien Mitspieler, weshalb der Ball komplett auf die andere Seite verlagert wird. Nun hat der Nebenmann des Göttinger Centers, in dem Fall Malte Schwarz, die Aufgabe für Spacing zu sorgen. Im Normalfall cuttet er zur gegenüberliegenden Dreierecke. In dieser Spielszene spielen es die Veilchen etwas anders. Schwarz stellt abseits des Balles einen Screen für Mönninghoff, der aus der Ecke in Richtung des Perimeters curlt. Wird die Situation schlecht verteidigt, kann Mönninghoff den offenen Dreipunktwurf nehmen. Die Bonner sind allerdings auf der Hut und können das verhindern. Dadurch kommt es zu einem weiteren Pick&Roll.

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Interessant ist dabei auch wieder der Blick auf die Weakside, wo Waleskowski direkt wieder einen Block für Williams stellt, um diesen möglicherweise für einen Wurf in der Ecke freizublocken.

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Da diese Optionen aber alle nicht den gewünschten Erfolg bringen, folgt einfach wieder ein „ball reversal“ zur anderen Seite, wo Williams und Waleskowski nun erneut ein Two-Man-Game starten können.

In diesen simplen Strukturen kann die „Lithuanian Transition“ theoretisch immer weiter gespielt werden. Natürlich gibt es immer Raum für Improvisationen, um die Defensive auf dem falschen Fuß zu erwischen und einfache Punkte zu erzielen. Deswegen ist es wichtig zu beachten, dass natürlich nicht jede Aktion aus dieser Early Offense gleich aussieht. Es ist zwar das Ziel den Ball frühzeitig viel zu bewegen und damit eben auch die Verteidigung zu beschäftigen, doch wenn sich gute andere Optionen ergeben, nutzen die Niedersachsen diese auch immer sehr schnell.  


Im Zuge dieser Early Offense sind vor allem die Rollen der beiden Big Men spannend zu beobachten. Immerhin ist die Wahrung von viel Spacing und Bewegung ein ganz fundamentaler Teil dieses freien Spiels. Dabei passiert es aber gerade den Bigs häufiger, dass sie zu korbnah agieren, weil sie sich dort am wohlsten fühlen und damit möglicherweise Räume für ihre Mitspieler schließen. So ist es die Aufgabe für Eatherton, Carter & Co. auch selbst immer wieder ihre Positionen zu wechseln und anspielbar zu werden, um die Defense des Gegners zu beschäftigen.

Dies kann beispielsweise in den folgenden Szenen beobachtet werden. In diesem Spielzug aus der Partie gegen Jena kommt Adam Waleskowski nach dem Stellen eines Blocks nach oben gelaufen, während Dominik Spohr nach der Übergabe des Balls in die entgegengesetzte Richtung läuft.

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Der gute Dreierschütze Waleskowski rollt natürlich nicht ab, sondern geht nach dem Screen hinter die Dreierlinie. Der ballführende Spieler hat jetzt zwei gute Optionen. Er kann entweder Spohr im Post bedienen oder den offenen Waleskowski an der Dreierlinie anspielen. Genauso wäre nach dem Pass auf den Deutsch-Amerikaner auch noch ein High-Low-Anspiel möglich, wenn Spohr sich in die entsprechende Position brächte.

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Insbesondere dieses sogenannte High-Low, also das Zusammenspiel der beiden großen Spieler kann aus dieser Konstellation immer wieder genutzt werden. Dabei ist es zweitrangig, welche Big Men auf dem Parkett stehen. Immer wieder kommt einer an die Freiwurflinie hoch, um dort den Ball zu erhalten, während der Zweite versucht sich tief in der Zone eine gute Position zu verschaffen.

Hier bekommt Carter den Ball aus dem Fluss der Offensive auf Höhe der Dreierlinie und schaut sofort unter den Korb, ob Eatherton dort gut postiert ist, um angespielt zu werden.

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Nachdem dies nicht der Fall ist, geht der Ball wieder raus zu Leon Williams. In der Zeit tauschen beide Bigs wieder ihre Position, sodass nur wenige Sekunden später Eatherton in der Situation ist, um Carter zu bedienen. Die Bayreuther verteidigen in dieser Sequenz allerdings sehr gut, sodass der Göttinger Center einen langen Zweipunktwurf nehmen muss.

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Natürlich kann ein Basketballspiel auch nicht nur aus der Transition bestehen, denn der Gegner trifft für gewöhnlich ja auch einige Würfe, sodass man den Ball einwerfen und geordnet nach vorne spielen muss. Allerdings sind, wie bereits weiter oben angesprochen, auch in der Halbfeld-Offensive der Veilchen einige spannende Elemente außerhalb ihrer normalen Spielzüge zu erkennen.

Dabei handelt es sich vor allem um die vielen Cuts und Blöcke, die allesamt abseits des Balls passieren. Das verlangt von der gegnerischen Defensive sich nicht nur auf den Ball zu konzentrieren, sondern auch jederzeit die vier weiteren Spieler im Blick zu haben. Genauso muss in der Verteidigung dann auch die Kommunikation für eventuelle Übernahmen stimmen und jeder einzelne Defender darf nicht nur seinen Mann im Blick haben, da er wahrscheinlich auch immer wieder an anderen Stellen aushelfen muss.

In der Praxis sieht das dann wie in dieser Szene aus. Mathis Mönninghoff erhält den Ball und attackiert sofort den Closeout von Rickey Paulding. Dieser tritt beim Closeout zu aggressiv raus und kann dem Göttinger deshalb im Drive kaum mehr folgen. Deshalb müsste eigentlich von der ballfernen Seite ein Verteidiger aushelfen, um den Drive zu stoppen. Allerdings stellt dort gerade Sanders einen Block für Waleskowski, was die ganze Aufmerksamkeit der Oldenburger Weakside-Defense auf sich zieht. Dass Mönninghoff gerade zum Korb zieht, wird ihnen erst bewusst, als dieser den Spalding schon durch die Reuse gestopft hat.

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Auch in etwas unsortierten Spielsituationen schaffen es die Veilchen durch einfache Blöcke, verfahrene Situationen zu lösen und sich dadurch freie Würfe zu kreieren. Hier kommt Scott Eatherton aus der Transition auf Höhe der Freiwurflinie an den Ball, verweigert aber den Wurf und sucht dann eine Anspielstation.

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Da das Spacing in der linken Ecke mit Ruoff und Mönninghoff nicht stimmt und auch auf der rechten Seite wenig Bewegung zu sehen ist, hat Eatherton auf den ersten Blick keine offene Anspielstation. Mönninghoff reagiert und setzt abseits des Balles einen simplen Screen gegen den Gegenspieler von Ruoff.  Da Mönninghoffs Gegenspieler nur in Richtung des Balles guckt, kommt Ruoff in der Ecke frei und kann für den offenen Dreier bedient werden. Hier ist immer wieder Spielintelligenz von den Göttingern gefordert, um solche Situationen sinnvoll auflösen zu können.

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Des Weiteren gelingt es den Göttingern auch sehr häufig aus ihren Grundspielzügen heraus mit plötzlichen Cuts für Verwirrung zu sorgen. Wenn die Defensive meint ein Play bereits zu kennen und es dann besonders gut verteidigen will, können schelle Richtungswechsel gerne mal für freie Würfe sorgen.

In der folgenden Situation wird Alex Ruoff besonders eng von seinem Berliner Gegenspieler gedeckt. Dieser antizipiert, dass der Göttinger den Block von Eatherton nutzen wird, um nach oben an die Dreierlinie zu kommen. Dabei vergisst der Verteidiger allerdings für einen Moment, dass nun Ruoff näher zum Korb steht als er selbst. Der erfahrene Flügelspieler nutzt diese Konstellation sofort zu seinen Gunsten aus und schneidet direkt zum Korb.

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Der ballführende Spieler Adam Waleskowski erkennt die Situation blitzschnell und spielt den Pass direkt ans Brett. Dort wartet Ruoff komplett allein und kann den einfachen Korbleger verwandeln.

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Ähnlich wie bei den Blöcken abseits des Balls sind diese Cuts besonders effektiv, wenn die Aufmerksamkeit der Defense zu stark der Aktion des ballführenden Spielers gilt.

In dieser Situation zieht Jesse Sanders zum Korb, was die Blicke der Verteidiger auf der ballnahen Seite komplett auf sich zieht, da sie möglicherweise noch eingreifen wollen. Diese Sekunden nutzt Leon Williams in der Ecke und schneidet im Rücken von Anton Gavel zum Korb. Dort kann er nun einfach von Sanders bedient werden.

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Doch auch wenn diese Cuts nicht immer sofort zu einem Wurf direkt am Korb führen, bringen sie doch die Defensive immer wieder in Unordnung, die dadurch viel mehr kommunizieren und möglicherweise auch rotieren muss.

In der folgenden Szene bekommt Eatherton nach dem Pick&Roll an der Seite den Ball auf Höhe der Freiwurflinie. Durch dias Doppeln von Jena muss hier ein dritter Spieler aushelfen, womit  zwei Jenaer gegen drei Göttinger verteidigen müssen. Würden die Veilchen auf ihren Positionen stehen bleiben, wäre dies womöglich deutlich leichter zu bewerkstelligen für die Verteidigung.

Doch stattdessen cuttet Ruoff hinter Stephan Haukohl zum Korb und ist damit eine einfache Anspielstation für Eatherton. Dies bekommen Wayne Bernard und Marcos Knight auf der ballfernen Seite mit und rufen nun aus, wer welchen Spieler übernimmt.

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Wayne Bernard stoppt zuerst den Ballhandler und Marcos Knight übernimmt Ruoff. Dadurch bleibt jedoch Sanders auf der anderen Seite komplett offen. Eatherton passt den Ball zu Waleskowski und von diesem ist Sanders nur noch einen einfachen Pass entfernt. Knight muss von unter dem Korb einen sehr langen Weg zurückgehen, um diesen Wurf überhaupt noch erschweren zu können. Bevor Knight überhaupt in der Nähe ist, hat Sanders den Spalding bereits durch die Reuse befördert.

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Die Situation zeigt, dass ein Cut nicht immer gleich einen offenen Wurf für den schneidenden Spieler zur Folge haben muss. Viel eher können dadurch auch Lücken verursacht werden, die die Verteidigung in der Folge zu stopfen versucht. Dabei wird eine extrem gute Kommunikation und Bewegung erfordert, die schnell Fehler beinhalten kann, die die Offensive dann ausnutzen kann.

Das Playbook

Doch abseits von dieser sehr freien Offense, hat die BG Göttingen auch einige grundlegende Spielzüge, aus denen sie zwar auch improvisieren, aber auch immer wieder direkt zum Erfolg kommen können.    

Ein Setplay, welches dabei immer wieder im Göttinger Spiel zu erkennen ist, ist das “5 Up”. Dabei geht es in allererster Linie darum einem großen Spieler eine gute Post-Position zu verschaffen, aus der dieser agieren kann. Allerdings ist auch dieses Play mit Bewegung verknüpft, sodass sie jederzeit auch wieder klassisch in ein Pick&Roll übergehen können.

Der Spielzug startet mit einem Iverson-Cut eines kleineren Spielers, der dann auf der anderen Seite des Feldes den Ball erhält. Gleichzeitig wird unter dem Korb ein Crossscreen für einen Big gesetzt. Falls der Verteidiger das Play lesen will und schon vorher um den Block geht, hat dieser auch hier immer noch die Möglichkeit diesen Block nicht zu nutzen und kann möglicherweise sofort direkt unter dem Korb angespielt werden.

In der Folge wäre der Big Man nun also auf einer Seite im Post anspielbar. Zur selben Zeit bekommt der Spieler, der den Block unter dem Korb gesetzt hat aber noch einen Down-Screen und läuft zum Perimeter. Hier kann er nun ebenfalls den Ball empfangen, um dann entweder sofort abzudrücken oder in ein Pick&Roll mit dem zweiten Big zu kommen. Göttingen generiert hieraus viel Bewegung und hat beim abschließenden Blocken und Abrollen zumeist sehr gutes Spacing.

                                                                           

Ein weiteres häufiger wiederkehrendes Setplay ist “HORNS Side”. Roijakkers scheint sich sicher zu sein, dass die BG daraus häufig einfache Punkte generieren kann und setzt es sehr gerne nach einer Auszeit ein. Das Play  beginnt in einer leicht abgeänderten Version der klassischen HORNS-Aufstellung. Beide Bigs stehen standardmäßig auf Höhe der Freiwurflinie. Allerdings befindet sich nur ein Schütze in der Ecke und der andere Flügelspieler wartet in der Nähe des Korbes.

Dieser bekommt dann vom Power Forward einen Block gestellt und läuft nach oben, um selbst einen Screen für den ballführenden Spieler zu setzen. Der Big läuft anschließend in die naheliegende Dreierecke. Der Block für den ballführenden Spieler wird häufig nur angetäuscht, sodass der Flügelspieler weiterläuft und einen Flare-Screen des zweiten Bigs bekommt. In vielen Fällen erhält er dadurch einen offenen Dreipunktwurf. Gelingt dies mal nicht, kann er sofort wieder in ein Pick&Roll übergehen. Das Spacing dafür ist  vorhanden, da die restlichen Spieler weiterhin in einem guten Abstand postiert sind.

Trotz der Einfachheit ihrer Plays gelingt es den Göttingern zumeist nicht eindimensional zu werden. Diese Gefahr bestünde, wenn es der BG wenig gelingen würde aus der Transition zu agieren und sie damit immer wieder in ihre Basis-Spielzüge gezwungen werden würden. Um dieser Tatsache vorzubeugen hat Roijakkers aber genügend Plays, um den Angriff auch aus dem Halbfeld immer wieder variabel zu gestaten.

So kann beispielweise beobachtet werden, dass die Veilchen auch gerne mal das in der BBL mittlerweile bestens bekannte Pick&Roll mit einem zusätzlichen Backscreen einstreuen. Aus dem Fluss ihrer Offensive tauchen drei Spieler beim Blocken und Abrollen auf und meistens kann daraus dann der Ballhandler Kapital schlagen, da für die Verteidigung kurz unklar ist, wie rotiert werden soll.

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Doch es gibt noch weitere Spielzüge, die sehr effektiv sind, wenn sie in Maßen eingesetzt werden. Beispielsweise haben die Gättinger auch noch das Elevator-Play im Repertoire, bei dem zwei große Spieler mit zwei Screens die Türen schließen, damit dort ein Shooter hindurch laufen und einen freien Wurf bekommen kann.

Europäische Spitzenklasse

Ein weiterer wichtiger Aspekt im Spiel der BG Göttingen ist das Offensivrebounding. In dieser Disziplin zählt die Mannschaft von Johan Roijakkers zu den besten Mannschaften in ganz Europa. Nur wenige Teams aus den fünf besten Ligen des Kontinents können eine bessere Offensivrebounding-Percentage aufweisen, als die 36,3 Prozent der Göttinger.

Mehr als jeder dritte Fehlwurf landet somit wieder in den Händen eines Spielers mit einem violettfarbenen Jersey. In der Basketball-Bundesliga sind sie damit einsame Spitze. So steht das zweitbeste Team in dieser Kategorie, die MHP Riesen Ludwigsburg, bei gerade mal 31,3 Prozent.

Insbesondere Scott Eatherton ist für die starke Leistung der Göttinger an den offensiven Brettern verantwortlich und holt die meisten Offensivrebounds aller BBL-Spieler. Auch  Darius Carter kann, dank seiner 2,16m-Spannweite, beeindruckende 2,2 Rebounds pro Spiel am offensiven Glas abgreifen.

Neben den Bigs sind es aber auch die Guards, die vor allem bei Dreiern ein gutes Gespür dafür haben, wo lange Abpraller hinspringen können und häufig vor ihren Gegenspielern am Ball sind. Point Guard Jesse Sanders schnappt sich so pro Spiel auch durchschnittlich 1,1 Offensivrebounds und rangiert damit, unter den von der BBL als Aufbauspieler gelisteten Akteuren, hinter Marcos Knight (2,0) auf Platz Zwei.  

Trotzdem ist das starke Offensivrebounding der BG Göttingen natürlich nicht nur den Fähigkeiten der Spieler geschuldet, sondern geht auch auf die Ausrichtung des Teams zurück. So gibt es Coaches, die es präferieren das offensive Brett zu attackieren, während andere Coaches lieber die Anweisung geben, sich frühzeitig in die Defensive zu orientieren, um den Fastbreak zu unterbinden und geordnet verteidigen zu können.

Brose Bamberg zählt beispielsweise zu den schwächeren Offensivrebounding-Teams der BBL, könnten aber mit dem Spielermaterial sicherlich auch in dieser Kategorie besser darstehen. Trainer Andrea Trinchieri verfolgt jedoch eher das Ziel keine einfachen Zähler des Gegners zu zuzulassen.

Die Veilchen hingegen gehören zu den Mannschaften, die gleich mit mehreren Spielern den Ball verfolgen und so versuchen den Offensivrebound abzugreifen.  In der folgenden Szene lässt sich gut erkennen, wie aggressiv die Göttinger im Rebounding sind. Hier versucht sich Waleskowski an einem schweren Mitteldistanzwurf. Gleich drei Spieler sprinten von der ballfernen Seite herüber, um sich für einen möglichen Offensivrebound eine gute Position zu verschaffen. Dies birgt logischerweise das Risiko in der Transition überrannt zu werden, da nur wenige Spieler rechtzeitig wieder am eigenen Korb sein können.

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In manchen Situationen braucht es aber auch gar nicht so viel Manpower unter dem Korb, damit Göttingen nach einem Fehlwurf wieder in Ballbesitz kommt. Denn gerade Scott Eatherton hat ein extrem hohes Spielverständnis, welches gepaart mit seinem Gespür für Rebounds immer wieder für zweite Chancen sorgt. So gelingt es ihm häufig bei Wurfaktionen seiner Mitspieler sich von seinem Gegenspieler zu lösen und Mismatches unter dem Korb zu kreieren, welche ihm häufig das Abgreifen einfacher Abpraller ermöglichen. 

Wenn die Defensive, wie in der folgenden Szene, so stark auf den Drive von Alex Ruoff fokussiert ist und Eatherton damit aus den Augen verliert, ist es eigentlich schon zu spät. Der US-Amerikaner hat nun keinen direkten Gegenspieler mehr und ist einfach zu gut darin, sich unter dem Korb eine gute Position zu verschaffen. 

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Eatherton geht nun aggressiv zum Brett und hat mit Akeem Vargas keinen wirklichen Konkurrenten beim Kampf um den Rebound. Natürlich spielt auch das Spacing der Göttinger hier wieder eine Rolle. Durch die weite Verteilung der Spieler an der Dreierlinie kann nur schwer ausgeholfen werden, weshalb das am Ende Elmedin Kikanovic übernehmen muss. Doch gerade Kikanovic wäre eigentlich dafür zuständig Eatherton auszuboxen, um den Offensivrebound zu verhindern. 

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Defensiv unspektakulär gut

Auch wenn durch das attraktive Offensivspiel häufig der Eindruck entsteht, dass die BG Göttingen ihre Spiele hauptsächlich über den Angriff gewinnt, zeigen die Zahlen etwas Anderes. Denn gerade im defensiven Bereich zählen die Veilchen zu den besseren Teams dieser Liga. Das Defensive-Rating zeigt, dass die Göttinger gerade mal 110,9 Punkte pro 100 Ballbesitze zulassen und damit die elftbeste Verteidigung der Basketball-Bundesliga stellen. Die Offensive kommt mit 104,3 erzielten Zählern pro 100 Possession somit im Thema Effizienz lediglich auf einen schwächeren 14. Rang.

Beim Blick auf die Defensive der Göttinger sticht kaum etwas Besonderes hervor. Die Niedersachsen haben weder einen besonders guten Shotblocker, noch einen Lockdown-Defender auf den kleinen Positionen. Wo liegt also das Geheimnis der Göttinger?

Einfach gesagt könnte es so formuliert werden: Die BG Göttingen verteidigt so, wie sie auch angreift. Das heißt, dass dieses Pace&Space-Spiel aus der Offense auch ein Stück weit in der defensiven Identität des Teams wieder zu finden ist.  Die Veilchen sind häufig nur sehr klein aufgestellt und damit zwar häufig physisch unterlegen, aber von der Geschwindigkeit überlegen. Diese Tatsache machen sie sich in dem Sinne zunutze, dass sie bei körperlichen Nachteilen extrem viel helfen, um leichte Punkte zu verhindern. Das setzt voraus, dass sich die Mannschaft auch in der Defensive extrem viel bewegt und immer wieder Lücken schließt, die durch ein mögliches Doppeln entstehen. Das ständige Rotatieren ist eine wichtige Stütze, um mit diesem Kader defensiv dagegen halten zu können.

In dieser Situation hat Scott Eatherton Probleme den Oldenburger Center Brian Qvale vom Korb fern zu halten. Der Center alleine kann den wuchtigen US-Amerikaner nicht stoppen. Schon vor dem Pass in den Post, rotiert Carter zu Qvale, um das Anspiel zu erschweren. Die EWE Baskets wollen die Situation mit schnellem Passspiel auflösen, was zur Folge hat, dass alle Göttinger rotieren müssen, um einen freien Wurf zu verhindern.

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Ähnlich sieht es in dieser Sequenz aus dem Spiel gegen den FC Bayern Basketball aus. Jessie Sanders hat unter dem Korb ein klares Mismatch gegen Vladimir Lucic, weshalb Waleskowsi sich dazu entschließt zu doppeln. Damit hilft er allerdings einen Pass entfernt aus, sodass Lucic diese Situation schnell mit einem Zuspiel auf Maxi Kleber auflösen könnte. Hier hätte möglicherweise besser Eatherton ausgeholfen, weil es sehr schwer ist, so den Wurf von Kleber überhaupt noch zu verhindern.

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Insbesondere gegen Teams mit sehr viel Qualität auf allen Positionen wie es bei München der Fall ist, wurden den Veilchen defensiv Grenzen aufgezeigt. So haben die Niedersachsen auch hier Probleme den physischen Barthel vom Korb fern zu halten. Im Endeffekt helfen nun sogar gleich zwei Mann aus, womit der Big Man der Bayern viele Anspielstationen hat.

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Doch es ist wichtig die Veilchen nicht mit den absoluten Top-Teams der Liga zu messen, sondern viel eher auf die Leistungen gegen gleichwertige Gegner zu schauen. Dort lässt sich insgesamt schon feststellen, dass das schnelle Rotieren in der Defense gut gelingt. Dadurch können sie den Gegnern immer wieder viele Wurfoptionen nehmen, was natürlich gleichzeitig auch die Shotclock immer weiter herunterlaufen lässt und sich entsprechend in den zugelassenen Punkten niederschlägt. 


Auch in der Pick&Roll-Defense machen sich die Göttinger diese Beweglichkeit natürlich zu nutze. So erlauben es sich die Veilchen auch häufiger mal zu switchen. So entstehen zwar Mismatches, meist zu ihren Nachteilen, doch durch die Bewegung der restlichen Verteidiger können Gegenspieler zum Aufnehmen des Balles oder zum Weiterpassen gezwungen werden. So nutzen die Göttinger in der Verteidigung des Pick&Rolls auch gerne die Variante des Help and Recover, sodass der große Spieler kurz den Ballhandler übernimmt, um dann wieder zurück zu seinem eigentlichen Gegenspieler zu laufen. In dem Zusammenhang kann auch vom fake switch gesprochen werden.  Kurz sieht es aus, als würden die beiden Spieler ihre Gegenspieler tauschen, bevor beide wieder zu ihrem eigentlichem Matchup zurückkehren.

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Durch die physischen Nachteile der BG kommt es in diesem Zusammenhang zu einer weiteren Variante der Switch-Defense. Da die Göttinger erhebliche Probleme bekommen, wenn ihre kleinen Guards plötzlich gegen Big Man verteidigen müssen, switchen sie das Pick&Roll oben gerne zwei Mal, also praktisch Switch the switch.

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Dabei hilft ein dritter, größerer Spieler beim Switchen aus, um die Nachteile nach dem Tauschen des Gegenspielers zu egalisieren. Diese Sequenz aus dem Spiel gegen Oldenburg zeigt, wie die Göttinger Mismatches aus dem Weg gehen. Aus einem HORNS-Set wollen die Oldenburger die Veilchen attackieren. Chris Kramer entscheidet sich für das Blocken und Abrollen auf der rechten Seite, welches Göttingen sofort switcht.

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Bereits im oberen Bild kann erkannt werden, wie Scott Eatherton sich von seinem Gegenspieler weg zur Mitte bewegt, um Mathis Mönninghoff, der nun gegen Brian Qvale verteidigen müsste, zu helfen. Dies hat zur Folge, dass auch Jesse Sanders aus der Ecke etwas einrückt, um die Weakside besser abdecken zu können. 

Nachdem Eatherton weit in die Mitte gekommen ist, besteht die Chance den zweiten Switch vorzunehmen. Der Göttinger Center übernimmt Qvale, während Mönninghoff in der gleichen Sekunde nach außen zum offenstehenden Schützen sprintet. Kramer versucht diesen Sekundenbruchteil natürlich sofort auszunutzen, doch den Veilchen gelingt es den Wurf noch sehr gut zu verteidigen. Auch hier zeigt sich wieder die Beweglichkeit der Spieler und die gute Kommunikation, durch die solch eine Art der Verteidigung erst möglich wird.

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Die Probleme

Nachdem bisher fast ausschließlich von sehr positiven Aspekten aus dem Spiel der Göttinger die Rede war, soll nun natürlich nicht der Eindruck entstehen, es handele sich um eine der absoluten Top-Mannschaften in Deutschland. Auch wenn es beachtenswert ist, was Coach Johan Roijakkers aus den begrenzten Mitteln des Vereins in diesem Jahr wieder herausgeholt hat, haben die Göttinger noch genug Raum für Verbesserungen.

So waren die Göttinger in einigen Spielen gegen Spitzenteams in weiten Teilen chancenlos. Das ist allerdings von Roijakkers einkalkuliert und auch akzeptiert. Denn auch wenn der Holländer gerne mit viel Understatement daherkommt, scheint er doch auch sehr realistisch einschätzen zu können, welche Möglichkeiten die Göttinger haben.

So gibt es eben Spiele, wo die BG mit ihren Mitteln nicht mithalten kann und am Ende auch mal als deutlicher Verlierer vom Feld geht. Da können beispielsweise die beiden Partien gegen den noch ungeschlagenen Tabellenführer ratiopharm Ulm herangezogen werden. Dort offenbarte sich ein Qualitätsunterschied, den die Ulmer gnadenlos ausnutzten. Insbesondere in der Zone dominierte der Ex-Göttinger Raymar Morgan, den Roijakkers anschließend auf der Pressekonferenz als „Monster“ bezeichnete.

Damit offenbart sich hier bereits das erste deutliche Problem der Göttinger: die Physis. Der BG mangelt es auf vielen Positionen, insbesondere unter den Brettern, an Masse und Athletik. Da sind viele Bundesliga-Teams mit ganz anderen Kalibern ausgestattet, die die Veilchen vor wahrhaftig große Probleme stellen. Auch aufgrund des finanziellen Limits ist es für Teams wie Göttingen häufig nur schwer möglich auf diesen Positionen ansprechende Spieler zu finden, die das Zeug haben mit den Top-Big Man der Liga mitzuhalten. In dieser Spielzeit ist es Roijakkers, vor allem durch die Verpflichtung von Scott Eatherton, gelungen, diese fehlenden Eigenschaften so gut es geht vertuschen und andere Prioritäten zu setzen. Trotzdem kann sowohl offensiv als auch defensiv immer wieder festgestellt werden, dass viele Mannschaften sich durch eben diese Eigenschaft Vorteile verschaffen können, die die Göttinger nur schwer egalisieren können. 

Eine weitere große Schwäche der Mannschaft ist die Anfälligkeit für Ballverluste. Mit 16,2 Turnovern pro Partie stehen die Göttingern in dieser Kategorie im ligaweiten Vergleich ganz unten. Man könnte diesen Fakt auf eine neu zusammengestellte Mannschaft zurückführen, allerdings haben sich auch viele andere Teams komplett verändert und leisten sich trotzdem weit weniger Ballverluste. So findet sich die Wurzel dieses Problems wahrscheinlich eher im taktischen Bereich.

Durch den sehr offen gestalteten Vortrag des Angriffs kann es bei den Göttingern häufiger mal zu Absprachefehlern kommen. Anders als eine komplett durchstrukturierte reine Setplay-Offense, eröffnen sich durch die vielen Cuts und Screens abseits des Balls viele neue Räume, die die BG zu bespielen versucht. Wenn hier Anspiele verpasst oder Laufwege falsch interpretiert werden, kann es aufgrund von Missverständnissen öfters zu Turnovern kommen. Des Weiteren kann auch ganz allgemein gesagt werden, dass die Offense der Veilchen aus extrem viel Passspiel besteht. Durch viele Pässe erhöht sich natürlich wiederum auch das Risiko einen schlechten Pass zu spielen, der vom Gegner abgefangen wird oder im Aus landet. Wenn ein Spieler mit dem Ball dribbelt ist die Gefahr eines ballbesitzwechselnden Fehlers deutlich geringer. Diese passlastige Offensive ist zwar in Perfektion nett anzuschauen, aber eben auch genauso risikobehaftet, wenn Absprachen nicht stimmen.

Um über dieses eingegangene Risiko urteilen zu können, sollte der Blick nicht nur auf die Turnover-Statistik gerichtet werden. Immerhin erspielen sich die Göttinger durch die Pässe und Cuts viele einfache Punkte und kommen logischerweise auch auf viele Assists. Im Ligaranking steht die BG in Sachen Assists auf dem vierten Platz und damit lediglich hinter den Top-Offensiven von Ulm, Bamberg und München. So lohnt es sich letztendlich die Assist-Turnover-Ratio im ligaweiten Vergleich anzusehen. Mit einer Assist-Turnover-Ratio von 1,16 rangiert die BG Göttingen, wie auch in der normalen Tabelle, auf Platz Zwölf. So lässt sich sagen, dass die „open offense“ der Veilchen ein gewisses Risiko birgt, welches sich in vielen Ballverlusten niederschlägt, aber genauso auch immer wieder zu direkten Punkten führt.

Allerdings sollte erwähnt werden, dass sich unter den Ballverlusten auch viele möglicherweise vermeidbare Turnover befinden. So passiert es der BG ganz einfach zu häufig, dass sie sich Schrittfehler erlauben oder beispielsweise mit dem Ball in den Händen die Feldabgrenzungen betreten. Hier kommt vielleicht auch die Unerfahrenheit mancher Spieler zum Vorschein, die noch nicht über einen längeren Zeitraum auf diesem Niveau konstant agiert haben. Für Johan Roijakkers sind gerade diese leichten Ballverluste besonders bitter, da die Offensive selbst eben schon in gewisser Weise risikobehaftet ist. Mit daraus entstandenen Turnovern kann er nämlich auch viel eher leben, wie er selbst sagt.

Erfolgreich mit wenig Mitteln

Die BG Göttingen wird nach dem Zwischentief mit vielen Verletzten und fünf Niederlagen in Serie wohl nichts mehr mit dem Playoff-Rennen zu tun haben. Genauso wird aber auch der Abstieg nicht mehr möglich sein, da mit Phoenix Hagen und RASTA Vechta die beiden Absteiger schon so gut wie feststehen. Somit etabliert sich der Verein mit dem drittgeringsten Gesamtetat der Liga wohl im Tabellenmittelfeld.

Überzeugt haben die Veilchen aber vor allem durch ihre attraktive Spielweise mit extrem viel Bewegung und Passing, gepaart mit einer extrem hohen Spielintelligenz. Auch wenn davon auszugehen ist, dass im Sommer wieder ein Umbruch ansteht und ein Spieler wie Alex Ruoff nicht gehalten werden kann, haben die Veilchen-Fans die Gewissheit, dass mit Headcoach Johan Roijakkers ein Übungsleiter an der Seitenlinie steht, der es versteht aus einem geringen Etat viel heraus zu holen. So sollte dem holländischen Coach, der übrigens als einziger Trainer ohne einen festen Assistenztrainer arbeitet, extrem viel Respekt vor dieser Leistung gezollt werden. Göttingen hat die Liga in diesem Jahr auf ihre ganz eigene Art und Weise aufgemischt und sogar auch mal ein Top-Team ärgern können. Das Pace and Space-Spiel, wie sie es in dieser Saison mithilfe vieler erfahrener Spieler aufgezogen haben, hat gefruchtet und den Zuschauern nebenbei viel Spaß bereitet. Pace and Space auf Holländisch eben.  

 

 

Alle Bilder sind von telekombasketball.de – mit der Einwilligung der Eigentümer der Bildrechte – entnommen. Vielen Dank. 

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