NBA, Oklahoma City Thunder

Umbau nach dem Umbruch

Die Oklahoma City Thunder vor der Trading-Deadline

Leicht hatte es Sam Presti, seines Zeichen General Manager der Oklahoma City Thunder, in den letzten Monaten nicht. Nachdem er am Draftday Serge Ibaka für Domantas Sabonis, Victor Oladipo und Ersan Ilyasova (letzterer spielt inzwischen in Philadelphia) getraded hatte, machte Kevin Durant ihm einige Tage später große Teile seiner langfristigen Planungen zunichte, indem er die Thunder verließ und sich den Golden State Warriors anschloss. Das Team stand somit plötzlich mit nur noch einem Superstar da – Russell Westbrook, der in der Folge seinen Vertrag bis 2019 (Spieler-Option 2018) verlängerte und nun der unangefochtene Franchise-Player ist. Doch der Supporting-Cast um ihn herum ist nicht auf eine Situation mit nur einem Superstar ausgelegt. Daran konnte Presti nach Durants Abgang auch wenig ändern, denn alle begehrten Free Agents hatten zu diesem Zeitpunkt schon anderswo unterschrieben. Nach 55 Spielen steht der siebte Platz zu Buche, wobei Russell Westbrooks Triple-Doubles die Performance des Teams oft überstrahlen. Während man in der Defense bislang einen soliden zehnten Platz (DRtg 107.5) verzeichnen kann, ist die Offensive ein großer Grund zur Sorge. Lediglich Platz 17, bei der Dreierquote sogar nur der vorletzte Rang. Mit einem Satz: zur Trading-Deadline muss etwas geschehen.

Team ohne Struktur

Wie bereits erwähnt blieb Sam Presti nach Durants Entscheidung kaum noch Spielraum, die Zusammensetzung des Supporting-Casts an die neue Situation anzupassen. Er musste sich schließlich damit begnügen, Dion Waiters keinen neuen Vertrag anzubieten, stattdessen Alex Abrines, den 32. Pick aus 2013, zu verpflichten, anschließend Westbrooks Vertrag zu verlängern und schließlich für Joffrey Lauvergne und Jerami Grant zu traden. Presti blieb dabei seiner Linie treu und verpflichtete junge Spieler in Rookie-Verträgen, die noch weiteres Potential aufweisen. Zu guter Letzt wurden noch die Verträge von Oladipo und Adams vor der Deadline im Oktober vorzeitig verlängert.

Doch diese Akquisitionen reichten nicht. Der Kader ist nach wie vor eine nicht zu Russell Westbrook passende Zusammenballung von Spielern, voller Redundanzen und mit zahlreichen Löchern ausgestattet. Neben Westbrook bilden sicherlich der im Sommer verpflichtete Oladipo und Steven Adams den Kern des Teams. An sich sind diese drei Spieler keine schlechte Basis: ein absoluter Superstar, in Oladipo ein athletischer 3&D-Flügel mit Scoring-Fähigkeiten und mit Adams ein physischer Defensivanker in der Mitte. Durch die Vertragsverlängerungen sollten alle drei Spieler zu diesem Zeitpunkt unantastbar sein und auch weiterhin das Grundgerüst dieses Thunder-Teams bilden. Dahinter fehlt dem Team jedoch vor allem zwei Dinge: Shooting und eine Bank auf NBA-Niveau. 32.3 % ihrer Dreier haben die Thunder in dieser Saison getroffen, kein Spieler trifft mehr als die 39 %, mit denen Jerami Grant Würfe von weit draußen verwandelt. Und auch der nimmt nur 1,5 Dreier pro Spiel. Die Konsequenzen sind recht klar: Sowohl für den drive-orientierten Russell Westbrook als auch für Steven Adams im Pick-and-Roll bleibt extrem wenig Platz in der Zone, denn die Flügelspieler der Thunder, insbesondere Andre Roberson (24% Dreierquote), aber auch der eigentliche Scharfschütze Anthony Morrow (29%) sowie die Bigmen Sabonis (31.5%) und Lauvergne, können ein Absinken der Verteidiger in die Zone fast nie bestrafen. Nicht einmal so etwas wie Gravity kommt zustande: Roberson, aber auch andere Spieler, werden bisweilen vollständig ignoriert.

Fehlende Balance im Team

Ebenfalls eklatant ist der Leistungsabfall ohne Russell Westbrook und Steven Adams. Mit den beiden erzielen die Thunder 1.108 PPP, ohne den Guard und den Center nur 1.046 PPP. Natürlich wird ein Team immer abfallen, wenn man die beiden besten Spieler vom Parkett nimmt. Doch die Bank-Lineups der Thunder spielen logischerweise auch gegen die Bank-Lineups der gegnerischen Teams und versagen dabei oftmals vollständig. Immer wieder muss Westbrook alles daransetzen, Rückstände aufzuholen, die sich die Bank-Lineup eingefangen hat. Eine besondere Rolle in den Bank-Lineups spielt dabei Enes Kanter. Mit ihm, aber ohne Westbrook erzielen die Thunder 1.076 PPP. Bis zur Verletzung des türkischen Bigman lief das Spiel der Bank-Lineups mit Kanter-Beteiligung fast ausschließlich durch den Post – Kanter war der einzige Spieler, der mit dem Ball etwas für sich selbst kreieren konnte. Auch  Point Guard Cameron Payne, der in der letzten Saison viel Kreativität mitgebracht hatte, konnte sich seit seiner Rückkehr aus dem Krankenstand bisher kaum gewinnbringend einbringen und verbucht in 20 Spielen lediglich ein ORtg von katastrophalen 88.

Drei Baustellen

Festzuhalten bleiben also gleich mehrere Baustellen. Zum einen benötigt das Team dringend Schützen, egal auf welcher Position. Dazu fehlt in der 2nd Unit ein Spieler, der für andere und sich selbst kreieren kann. Und zu guter Letzt klafft immer noch die Lücke, die Kevin Durant auf dem Flügel hinterlassen hat. Dies natürlich alles vor dem Hintergrund, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass Presti jetzt plötzlich einen kompletten Neustart beschließt. Für einen Trade Westbrooks wäre der Sommer der richtige Zeitpunkt gewesen. Nun heißt es, das Team um den verbliebenen Superstar aufzubauen und zu verbessern.

Welche Möglichkeiten gibt es?

Bei allen seinen Bemühungen hat Presti jedoch ein Problem: mit Assets, also begehrten Spielern oder Draftpicks, ist das Team zurzeit nicht gerade gesegnet. Die Erstrundenwahlrechte liegen für 2018 (Lottery-Protected) bei Utah und im zweiten Jahr nach der Abgabe des Picks an Utah in Philadelphia. Presti kann deswegen vor dem Draftpick 2022 keinen Firstrounder mehr traden. Neben dem erwähnten, wahrscheinlich unantastbaren Kern des Teams bleiben als begehrte Spieler somit Alex Abrines, Domantas Sabonis, Andre Roberson und mit Abstrichen Enes Kanter (aufgrund seines hohen Vertrages) und Cameron Payne (aufgrund seiner schwachen Leistungen dieses Jahr). Während Abrines und Sabonis wohl nur bei einem wirklich guten Angebot zu haben sind, stehen die anderen drei – neben allen anderen Spielern außer Teamlegende Nick Collison – durchaus auf dem Trade-Block. Neben diesen Überlegungen hat Presti die Möglichkeit, Spieler mit Hilfe einer 7.4 Millionen $ hohen Trade Exception aufzunehmen oder aber diese fallen zu lassen und stattdessen mit gut sieben Millionen $ Capspace zu agieren.

Wer könnte in Prestis Blickfeld rücken?

Natürlich ist es müßig, hier über konkrete Trades zu spekulieren, auch wenn das Spielen an der Trade Machine wohl jedem großen Spaß bereitet. Es gibt jedoch durchaus Spieler, die Gerüchten zufolge zu haben sind und in das oben genannte Anforderungsprofil passen. Lou Williams (18.6 PPG, 38.6 % 3P%, Vertrag bis 2018) von den LA Lakers könnte zum Beispiel die Bank beleben und zugleich für Spacing sorgen. Für ihn müsste man in jedem Fall Payne und vielleicht noch einen auslaufenden Vertrag wie den von Morrow berappen. Ein anderer Spieler, der gut ins Anforderungsprofil der Thunder passen könnte, ist Wilson Chandler. Der Flügel der Denver Nuggets legt dieses Jahr 15.6 PPG auf und ist – auch wenn der Dreier dieses Jahr mit nur 33% nicht so recht fällt – eigentlich als guter Schütze bekannt. Auch sein Teamkollege Danilo Gallinari wäre interessant für die Thunder, doch im Gegensatz zu Chandler läuft dessen Vertrag via Spieler-Option schon 2017 aus und der Preis für den versierten Scorer wäre deutlich höher. Bei Chandler könnte vielleicht schon ein Paket aus Roberson, der ja auch im Sommer Restricted Free Agent wird, und Payne reichen.

Weitere Gerüchte gab es zuletzt um die Flügelspieler Ben McLemore und Omri Casspi von den Sacramento Kings. Beide gelten als exzellente Schützen, werden aber ebenfalls im Sommer (Restricted) Free Agents. Wenn sie für einen geringen Preis zu haben wären, könnte Presti hier ordentlich Firepower für die schwächelnde Bank einkaufen.

Alle genannten Gerüchte betreffen jedoch bisher NBA-Veteranen, also Spieler, die direkt, aber nicht langfristig helfen könnten. Presti hat in der Vergangenheit jedoch oft für Spieler mit Entwicklungspotential getraded. Ob sich wieder so ein Trade auftun wird, ist eine Frage, die sich im Vorfeld nicht beantworten lässt. Bisher passierten alle derartigen Trade (beispielsweise für Waiters, Kanter, Oladipo, Grant, Lauvergne) relativ plötzlich ohne Vorwarnung. Ebenfalls könnte es sein, dass sich Presti – wie schon beim Waiters-Trade – als dritter Partner in einen schon entstehenden Trade zweier anderer Parteien einklinkt. Auch ein solches Szenario ist unmöglich vorherzusagen.

Das Team sofort und langfristig weiterbringen

Idealerweise findet GM Presti am nächsten Donnerstag einen oder mehrere Trades, die dem Team das benötigte Spacing und Scoring für einen Playoff-Run geben, gleichzeitig aber auch zukunftsweisend sind. Dabei muss nicht ein Spieler beide Rollen übernehmen. Denkbar und deutlich wahrscheinlicher ist es, dass Presti die Teile seines Kaders, die nicht zusammenpassen, also insbesondere Roberson mit seiner Shooting-Schwäche und Payne mit seiner Unfähigkeit zu kreieren, zusammen mit nicht mehr benötigten Spielern wie Morrow oder Singler, gegen einen Veteranen wie Lou Williams und einen perspektivisch interessanten Spieler eintauscht. Wer das sein wird, ist kaum zu sagen. Presti sollte allerdings dringend darangehen, das Team auch im hier und jetzt zu verbessern. Im Sommer muss Russell Westbrook sich entscheiden, ob er die neue „Designated Player Extension“ annimmt und einen neuen, extrem gut dotierten, langfristigen Vertrag unterschreibt. Hält er das Team für zu schwach und tut das nicht, stehen stürmische Zeiten im mittleren Westen bevor. Das Erreichen der zweiten Runde der Playoffs und ein auf ihn gut zugeschnittenes Team würden es Westbrook deutlich leichter machen, sich dafür zu entscheiden, auch die besten Jahre seiner Karriere in Oklahoma zu verbringen. Sam Presti hat es noch bis zur Deadline in der Hand – und sollte lieber keine Fehler mehr machen.

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