RASTA Vechta

RASTA Vechta und die Ineffizienz der Wurfauswahl

Zahlendreher: 19,07%

19,07%. Diese Zahl beschreibt den Anteil an Würfen, die der derzeit Tabellenletzte RASTA Vechta aus der Mitteldistanz abfeuert. Anders ausgedrückt sind somit fast ein Fünftel seiner Versuche ineffiziente lange Zweier, die im modernen Basketball immer mehr vermieden und meist nur bei passendem Spielermaterial genutzt werden. Im ligaweiten Vergleich führen die Vechtaer diese Kategorie mit großem Abstand an. So haben die FRAPORT Skyliners die zweitmeisten Midrange-Jumper genommen, welche allerdings nur noch 15,16 Prozent ihrer Würfe ausmachen und somit immer noch ganze vier Prozent weniger sind als beim Aufsteiger. Grund genug also, um diese doch relativ auffallende Statistik genauer zu untersuchen und möglicherweise weitere Schwachstellen von Vechta aufzudecken.


Um diese fast 20 Prozent an genommenen Mitteldistanzwürfen besser erklären zu können, muss zuerst ein Blick auf die Kaderzusammenstellung Vechtas geworfen werden. Nach einigen Wechseln während der Saison steht nun das Gerüst an Kontingentspielern aus Rashaun Broadus, Frank Gaines, Moses Ehambe, Larry Gordon, Derrick Allen und Devin Searcy. Dazu kommen die wichtigen deutschen Spieler um Christian Standhardinger, Niklas Geske, Philipp Neumann, Travis Warech und Besnik Bekteshi. Von den Namen her sollte es mit dem Kader normalerweise reichen, um in der Bundesliga bleiben zu können. Vor allem, wo mit Phoenix Hagen schon ein Absteiger sehr früh feststand.

Doch Vechta hat mit dieser Konstellation des Rosters gleich zwei Probleme: zum einen den Spielaufbau über den Backcourt. Dieser sollte eigentlich über Scott Machado laufen, doch nach wenig überzeugenden Leistungen, vor allem auch in der Defensive, wurde der US-Amerikaner entlassen. Des Weiteren konnte auch Trevor Cooney, der von Baskonia kam, kaum die geforderten Aufgaben übernehmen und verließ ebenfalls schnell wieder das Team. So fiel extrem viel Last auf die beiden jungen deutschen Aufbauspieler Niklas Geske (22) und Besnik Bekteshi (24) zurück, die über kaum Erfahrung als startender Einser in einem Bundesligateam verfügen.
Dies blieb natürlich nicht folgenlos und so schwankten die Leistungen der Youngsters doch erheblich. Genauso wurde dieser Punkt natürlich von vielen Gegnern auch als vermeintliche Schwachstelle ausgemacht und so war es immer wieder zu sehen, dass ihr Ballvortrag meist mit ganz hohem defensiven Druck am Ball begleitet wurde. Dies hatte zur Folge, dass sich Vechta bereits in diesem Spielaufbau Ballverluste leistete oder einfach erst extrem spät oder sogar gar nicht in die Halbfeld-Offense hineinkam. So verpufften viele Vechtaer Angriffe schon bevor sie überhaupt richtig begannen.

Trotzdem wäre es grundlegend falsch die Schuld hier den beiden jungen Deutschen zuzuweisen. Immerhin wird Basketball mit fünf Spielern auf dem Court gespielt und im modernen Basketball vor allem auch mit mehr als einem vernünftigen Ballhandler. Doch genau hier krankte das Spiel der Norddeutschen häufiger. Wenn einer der Aufbauspieler eng verteidigt wurde, mussten andere Spieler den Ballvortrag übernehmen. Dort zeigten sich außerhalb von Frank Gaines immer wieder Schwächen im Ballhandling, womit weitere wichtige Possessions zerstört wurden. Dabei sind nun auch die größeren Spieler zu nennen.


So fällt beim Blick auf die Kaderzusammenstellung weiterhin auf, wie einseitig die großen Positionen besetzt sind. Mit Christian Standhardinger, Derrick Allen und Devin Searcy waren schon zu Saisonbeginn drei Akteure in der Frontcourt-Rotation, die am liebsten brettnah spielen und höchstens aus der Mitteldistanz treffen können. Standhardinger kann bei 0,8 Dreierversuchen pro Spiel nur mit viel Fantasie als Floorspacer bezeichnet werden. Als dann für den entlassenen Rakeem Buckles ein Ersatz für die große Position gesucht wurde, fiel die Wahl von Coach Andreas Wagner ausgerechnet auf Philipp Neumann von ratiopharm Ulm. Der 24-Jährige besitzt ebenfalls nicht die Fähigkeit eines Wurfs von außen und agiert fast ausschließlich im Low-Post. Spätestens hier wird das enorme Ungleichgewicht im Kader von Vechta deutlich, welches es ihnen bisher kaum ermöglicht hat effizienten Basketball zu spielen.

Denn diese Mischung aus wenigen Ballhandlern und Big Men ohne Wurf hat bislang vor allem eine wichtige Eigenschaft des modernen Basketballs beeinflusst: das Spacing. Während Teams wie Ulm oder Bamberg mittlerweile mit bis zu fünf Shootern gleichzeitig auf dem Feld stehen, wird in Vechta verzweifelt nach Spielern gesucht, die den Court breiter machen und so auch mal einfache Zähler in der Zone für die restlichen Spieler ermöglichen können. Bereits in unserem Podcast deutete Niklas Geske an, dass es ihm im Vergleich zu seiner Zeit in Hagen durch das veränderte Spacing nun deutlich schwerer fällt zum Korb zu ziehen:

„Das Spacing ist im Vergleich zu den Jahren zuvor komplett anders geworden. In Hagen waren teilweise bis zu fünf Spieler außen, was Räume eröffnet hat, welche sich hier nur selten ergeben. So hatte ich mich anfangs selbst gewundert, wie schwer ich mich dabei tue, den Weg zum Korb zu finden.“

Dieser Fakt lässt sich gut mit Szenen aus den Partien der Vechtaer belegen. So ist es nicht nur Geske, der über einen guten Drive verfügt, sondern auch beispielsweise Frank Gaines bringt die Fähigkeiten mit, im Eins-gegen-Eins seinen Gegenspieler zu schlagen und nah am Korb zu finishen.

Doch häufig sah es dann so aus, wie hier beim Drive von Scott Machado im Spiel gegen Würzburg. Zum einen stehen gleich noch zwei weitere Vechtaer innerhalb der Zone und bringen damit ihre Gegenspieler unmittelbar in die Nähe des Geschehens, sodass diese aushelfen könnten. Während dies noch mit einem gut getimten Pass unter den Korb ausgenutzt werden könnte, hat Machado hier ansonsten kaum Möglichkeiten. Da er selbst schon extrem gut auf dem Weg zum Brett verteidigt wird, würde sich ein Pass anbieten. Allerdings ist RASTA hier fast in einer „Reihe“ aufgestellt, sodass sich praktisch überhaupt keine Passoption anbietet.  Die Würzburger können allesamt ihre Köpfe in Richtung des Balls drehen und können dafür kaum bestraft werden. Moses Ehambe, der wohl als wichtigster Floorspacer eingeschätzt werden kann, ist nahezu hinter den beiden Bigs versteckt und wäre bei möglicher Help-Defense als Anspielstation gar nicht verfügbar. Da Machado hier zur Baseline zieht, wäre es für Ehambe beispielsweise am sinnvollsten die ballferne Ecke zu besetzen, um noch angespielt werden zu können.

Das angesprochene Besetzen der Ecken, um Spacing zu schaffen, wurde von Vechta immer wieder übersehen.  Auch in dieser Sequenz, wo Christian Standhardinger ganz offensichtlich ein Mismatch gegen Peyton Siva ausspielen könnte, bleibt jegliche offensive Hilfe fern. So sind die drei Außenspieler allesamt „above the break“ postiert und somit hier komplett aus dem Spiel genommen. Standhardinger muss also nun versuchen, trotz seines mäßigen Ballhandlings, gegen einen kleineren Spieler zum Korb zu ziehen. Hier macht er noch das Beste daraus und wird gefoult.

Auch aus dem Pick&Roll fiel es den Guards nie leicht sich daraus Vorteile zu verschaffen. Im folgenden Beispiel kommt Machado aus einem Blocken und Abrollen, um ihm Middle Penetration zu verschaffen und damit Raum zum Kreieren zu geben. Doch während Searcy abrollt, versucht Standhardinger gleichzeitig eine gute Position in Korbnähe zu bekommen. Damit können die Göttinger in der Zone viel einfacher verteidigen und die Schützen außen ohne auszuhelfen weiterhin decken. Für den Vechtaer Ballhandler bleibt der Weg zur Mitte trotz des dafür genutzten Pick&Rolls versperrt.

Als sich Machado dann am Göttinger Big vorbei stiehlt, will plötzlich auch noch Gaines in die Zone cutten, welches eine komplett unübersichtliche Situation entstehen lässt. Im Endeffekt stehen dann gleich vier Vechtaer innerhalb des bemalten Bereichs. Göttingen schließt den Weg zu Ehambe, der dann nach einem Shotfake sogar noch einen relativ offenen langen Zweier bekommt. Chaos.

Wie gerade gesehen, kollidiert der Wunsch zum Korb zu ziehen auch immer wieder mit den Plänen der großen Spieler. Da sie nun mal kaum am Perimeter anzutreffen sind, bietet sich vor allem das Post-Up als wichtige Offensivoption im Vechtaer Spiel an. Mit Allen oder Neumann hat man dort auch durchaus Spieler, die Moves haben, um diesen Play-Type effektiv nutzen zu können. Doch während sich die großen Spieler dort natürlich ihre Positionen erarbeiten wollen, sind die Ballhandler genauso gewillt den Korb zu attackieren. So kommt es immer wieder zu Abstimmungsproblemen, die darin gipfeln, dass der Weg für die Guards versperrt ist.  

In so einem Fall macht es für den großen Spieler deutlich mehr Sinn sich an der Baseline zu befinden, um beim Aushelfen angespielt werden zu können. In diesem Beispiel aus der Partie gegen Würzburg sieht Ehambe den so gut wie freien Weg zum Korb und setzt zum Drive an. Der Gegenspieler von Allen sieht das kommen und positioniert sich bereits unter dem Korb. Dabei darf dieser allerdings Derrick Allen nicht ganz aus den Augen verlieren, da dieser gut an der Baseline postiert ist. Hier reicht ein einfacher Bodenpass von Ehmabe in der Zone zu Allen, um diesem zwei einfache Zähler direkt am Korb zu ermöglichen.


Wie bereits eben schon beschrieben, wäre neben dem Zug zum Korb vor allem das Spiel aus dem Low-Post eine wichtige Option für Vechta, um zu einfachen Punkten zu kommen. Doch auch beim Post-Up eines großen Spielers braucht es abseits des Balls eine gute Raumaufteilung, um dort wirklich effizient agieren zu können. Allerdings offenbarte RASTA dabei noch viel größere Probleme, als bei der Ermöglichung des Drives.

In dieser Sequenz aus der Partie gegen die WALTER Tigers Tübingen ist die Ausgangslage offensichtlich. Standhardinger wurde im Low-Post angespielt und soll daraus nun kreieren, wobei er sich für das Spiel mit Gesicht zum Korb entscheidet. Doch bereits da ist schon klar, dass der Weg für den deutschen Forward nicht weit gehen wird. Tübingens Isaiah Philmore „shadowed“ ihn praktisch schon, in dem er sich hinter Standhardingers eigentlichem Gegenspieler postiert. Dies kann Philmore allerdings nur machen, da sein eigener Gegenspieler (Searcy) direkt unter dem Korb steht und überhaupt keine Gefahr darstellt. Searcy kann nicht angespielt werden und ist somit für Philmore hier leicht zu decken. Sollte Standhardinger also nun zum Korb ziehen, wäre Philmore als direkter zweiter Verteidiger da. Doch auch auf der Weakside sieht die Situation nicht besser aus. Es scheinen keine wirklichen Principles erkennbar, die vorgeben, wie sich die offball-Spieler bei einer solchen Situation zu verhalten haben. Geske und Warech stehen sich praktisch gegenseitig auf den Füßen und sind somit selbst für einen Tübinger ganz einfach zu verteidigen. Die ballferne Corner ist wieder nicht besetzt und für Standhardinger bleibt wieder mal nur der ineffiziente Mitteldistanzwurf.

Ganz ähnlich funktioniert diese Szene aus dem Spiel gegen Göttingen. Wieder sucht Christian Standhardinger sein Glück in einer Post-Up-Situation, wieder zieht sich der Gegner in der Zone extrem zusammen. Auch hier können zwei Offball-Spieler (Machado und Ehambe) von einem Göttinger verteidigt werden, da sie so dicht zusammenstehen. Alex Ruoff hat somit sogar die Möglichkeit beim Drive von Standhardinger direkt auszuhelfen.

Doch es kam auch zu noch extremeren Situationen in Partien mit Vechtaer Beteiligung. Im Spiel gegen die Giessen 46ers wurde wieder Standhardinger im Low-Post gesucht. Als dieser gegen Marco Völler nicht weiterkam, musste er den Ball aufnehmen und sich einen Passempfänger suchen. Das Bild, welches er allerdings dann vorfand, brachte ihn nicht weiter. Gleich vier Spieler befanden sich auf engstem Raum in der rechten Ecke. Für Standhardinger war natürlich keiner der Vier überhaupt anspielbar. Des Weiteren scheint den Offball-Spielern nicht klar zu sein, wer wo postiert sein sollte. Immerhin gestikulieren alle, aber bewegen will sich im Endeffekt niemand. Unglaublich.

Es bleibt also festzuhalten, dass auch bei Post-Up-Situationen die Bewegung abseits des Balls häufig unklar scheint, sodass sich im Endeffekt die Spieler gegenseitig auf den Füßen stehen und damit den Court kein bisschen breiter machen. Um dem aufpostenden Spieler aber die Möglichkeit zu geben, sich überhaupt einen Vorteil verschaffen zu können, muss sich gerade diese Offball-Bewegung deutlich verbessern. Mit dem Spacing, wie es RASTA Vechta bisher gezeigt hat, wird es keinesfalls reichen, um die benötigten Siege einzufahren. Genauso wird durch das Nichtbesetzen der Ecken beispielsweise auch weiterhin nur viele eng verteidigte lange Zweier herausspringen, anstatt offene Dreipunktwürfe aus dem Passspiel heraus.

Denn dass Vechta elegante Lösungen hat, um zum Beispiel die Big Man-Konstellation beim Post-Up zu umgehen, zeigten sie bereits. In der folgenden Szene beispielsweise wurde der Post-Entry für Searcy von den Gießenern clever versperrt. Aus diesem Grund kommt nun Frontcourt-Partner Derrick Allen zur Freiwurflinie hochgesprintet.

Dort kann Allen den Spalding von Gaines dann erhalten. Durch das Fronten gegen Searcy kann sich dieser nun schnell zum Korb drehen und ist bereit, um sofort den Pass von Allen zu empfangen. Vechta spielt es hier in Perfektion und Searcy kommt zu einem ganz einfachen Korbleger. Durch die gute Verteilung der Perimeter-Spieler kann zudem auch keine Hilfe von der Weakside kommen.

Mithilfe solch einfacher Mittel muss es Vechta zukünftig gelingen, einfachere Zähler zu generieren, um im Abstiegskampf eine Chance zu haben. Durch die oben aufgezeigten Beispiele mit schlechtem Spacing ist es kaum möglich, wirklich offene Würfe in Korbnähe oder am Perimeter zu erhalten. So bleibt letztendlich meist der Raum dazwischen offen – die Midrange. Allerdings sind die meisten Defenses auch bereit dort Würfe, solange sie auch noch einigermaßen verteidigt sind, abzugeben. Genau diese standen dann meist am Ende der Possessions von Vechta. Da sie diesen langen Zweier aber gerade mal in etwas über 30 Prozent der Fälle treffen, ist der Wurf ineffizient. Wenn man das Rechenbeispiel weiterführt, müsste RASTA also lediglich etwa 20 Prozent der Würfe von jenseits der Dreierlinie treffen, um auf dieselbe Anzahl an Punkte pro Possession zu kommen (2×0,3=0,6 / 3×0,2=0,6).  


Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass RASTA Vechta nach 17 Spieltagen zwar zurecht auf dem letzten Tabellenplatz steht, allerdings genauso auch das individuelle Potenzial in der Mannschaft hätte, um diese Situation zu verbessern. Es muss aber trotzdem festgehalten werden, dass möglicherweise bereits anfangs in der Kaderzusammenstellung kleinere Fehler gemacht wurden, die sich bis jetzt nicht ausbessern ließen. So bleibt das Thema Spacing ein ganz offensichtliches für das Team von Headcoach Andreas Wagner, welches dabei in der laufenden Saison von allen Teams wohl den schlechtesten Job gemacht hat und auch wenig verwunderlich mit einem Offensive Rating von 101,42 die zweitschwächste Offense der Liga stellt. Genauso fiel während der Spiele auf, dass, möglicherweise auch bedingt durch die vielen Kaderveränderungen, häufig total unklar war, wie bestimmte Plays zu laufen sind und wie sich einzelne Spieler in bestimmten Situationen zu verhalten haben. Dieser Punkt sollte normalerweise nach 17 gemeinsamen Partien und etlichen Trainingswochen keine Rolle mehr spielen. Für Vechta bleiben somit also 16 Spieltage, um die Erstligatauglichkeit dieses Teams zu beweisen. Ob diese Anzahl an Partien auch ausreicht, um die nötigen zwei Siege auf Tübingen aufzuholen, bleibt abzuwarten. Sollte es am Ende nicht klappen, ist ein Grund dafür vor allem in einer Zahl auszumachen: 19,07%.

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben