Telekom Baskets Bonn

Telekom Baskets Bonn: eingespielt?

Der kontinuierliche Findungsprozess über die ersten Monate

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und nach einer chaotischen Saison 2015/16 möchten die Telekom Baskets in der aktuellen Spielzeit Vieles besser machen. Dieser Artikel widmet sich dem Prozess der Teamfindung der Bonner, Umbrüchen im Team, Entlastung der Go-to-Guys und der defensiv geprägten Identität. 

Chris O’Shea hat in seiner ersten Spielzeit als Assistenztrainer in Bonn viel erlebt. In vielen Bereichen spiegeln seine Erfahrungen den Saisonverlauf 2015/2016 der Telekom Baskets wieder. Nicht ahnend, dass er in den kommenden 12 Monaten unter vier verschiedenen Trainern arbeiten würde. Über die vergangene Spielzeit der Telekom Baskets Bonn wurde viel und ausbreitend berichtet.

Die vier Phasen

Die Saison 2016/2017 der Telekom Baskets Bonn teilt sich so aufgrund von Rotationen im Kader in vier Phasen auf:
Am 24.9.2016 starten die Rheinländer mit einer 96:89 Niederlage in Berlin: Der Kader steht so, wie ihn Silvano Poropat über den Sommer zusammengestellt hatte. Wenig später verletzt sich Ken Horton im Spiel gegen Frankfurt am linken Knie (Teilruptur des Innenbands) und auf dem Hardtberg sieht sich die Führungsebene zu einer Nachverpflichtung gezwungen.

Die Verpflichtung von Ojars Silins läutet die zweite Phase ein. Anfang Oktober verpflichtet, gilt sein vorläufiger Kontrakt bis Anfang November. Trotz kräftiger Dunks im individuellen Training, dauert die Rekonvaleszenz bei Horton länger als erwartet bis in den November hinein und er wird langsam fortschreitend in die Rotation integriert. Der lettische Nationalspieler überzeugt im Bonner Spiel durch die Treffsicherheit aus der Distanz und Zug zum Korb.

Seit Beginn der Spielzeit blieb ein Roster-Spot offen: Im November spekulieren die Bonner mit zwei Optionen. Ein neuer Spieler im Backcourt oder eine Vertragsverlängerung für den jungen lettischen Forward, der bisher durchaus zu überzeugen wusste. Die Entscheidung pro Silins erwirkt eine formelle Überbesetzung auf den großen Positionen, die besonders Johannes Richter nur wenig zu Gute kommt.

Nachdem die letzten Phase die Verhältnisse im Frontcourt veränderte, so wirft der doppelte Bänderriss bei Konstantin Klein, Backup-Point-Guard mit wichtigen 20 Minuten von der Bank, die Situation auf der Aufbauposition durcheinander. Klein muss voraussichtlich bis 2017 pausieren. Die folgende Kausalkette involviert Josh Mayo und TJ DiLeo. Letzterer begann die Saison auf Position zwei und drei (die er bereits im Vorjahr in Gießen besetzte), spielte in vorherigen Stationen seiner Karriere auf der Aufbauposition und übernimmt von nun an große Teile der Rolle von Klein. Der Zeitpunkt der Verletzung lässt sich auch durch die parallel steigende Formkurve von Josh Mayo kompensieren, der mit aktuell 32 Minuten pro Spiel am längsten auf dem Feld steht.

Frontcourt-Experimente

Der nun dicht besetzte Frontcourt verleitet Headcoach Predrag Krunic immer wieder zu Experimenten. In den letzten Spielen startete seine Mannschaft mit drei seiner nominellen Big Men. Gegen Bamberg läuft das Team mit Mayo und Thompson im Backcourt und Horton, Silins und Gamble im Frontcourt auf. Dabei ermöglichen es die Spielanalgen von Silins und Horton eine solche Lineup.

Bisher standen Gamble, Horton und Silins in 89 Possessions auf dem Court, dabei liegt ihr Team in Offense und Defense jeweils bei einem True Shooting von 60%. Pro Angriff erzielen die Bonner aus dieser Aufstellung 1,03 Punkte und erlauben defensiv 1,21 Punkte. 
Silins ist mit einer Trefferquote von 35% bei 4,4 Drei-Punkt-Versuchen eine solide Version aus der Distanz. Horton trifft bei einem ähnlichen Volumen 27%, ohne Beachtung läuft die gegnerische Defensive dennoch Gefahr ihm einen Lauf zu ermöglichen. Das forcierte Spacing kann Julian Gamble als klassischer Brettcenter nutzen. So ist es Gamble, der Mayo und Thompson das Pick&Roll läuft, wenn beide den Zug zum Korb suchen. Silins kann dank der soliden Wurfquote auch zur Wurftäuschung und dem Drive greifen oder Post-Up bedient werden. Greift Horton nicht zum Spot-Up-Wurf, sinken seine Wurfquoten (ohne den statistischen Beleg zu besitzen) drastisch.

Ryan Thompson – bloß nicht als Go-to-Guy

Die mediale Aufmerksamkeit erreichte ihren Höhepunkt in der Offseason, als Bonn die Verpflichtung eines gewissen Ryan Thompson bekannt gab. Nach dem Gewinn der Meisterschaft unter Andrea Trinchieri, zog es den US-Amerikaner in die Türkei zu Trabzonspor, doch auch aufgrund von gesundheitlichen Problemen konnte er dort sein Spiel nicht etablieren. Thompson steht wie kaum ein Zweiter in der Bundesliga im Ruf einer derartigen Scoring-Mentalität. Noch in der Vorbereitung ließ Thompson vermerken, dass die Schmerzen im Knie noch nicht vollständig verheilt waren. Und so stellte sich die Frage, wie das Team speziell in der Offensive eine Variabilität im Scoring entwickeln könne.

Um die Frage beantworten zu können, ist zuerst ein Blick auf einige weitere Akteure im Bonner Offensiv-Framework nötig.

Nach den ersten Spielen in der Saison sprach Josh Mayo im Interview mit Go-to-Guys.de über seine Rolle im Team. Bis dato traf er sehr schwache 24% aus der Distanz, bei einem team-internen maximalen Wurfvolumen (5,1 3PA).  Auf diese Schwäche angesprochen, sprach Mayo über den Eingewöhnungsprozess und die Adaption an neue Verteidigungsformen.
Mayo ist dem Drei-Punkt-Wurf gegenüber nicht abgeneigt, bis Weihnachten wird er pro Partie 7,1 Versuche pro Partie wagen. Er spürt das gegebene Vertrauen seiner Mannschaft, um auch in sehr komplexen Szenen schwere Würfe zu nehmen, deren erwarteter Erfolg bei sehr geringen Prozentwerten liegt. Aus Spot-Up-Situationen oder Floppy-Setplays trifft er mittlerweile kontinuierlich. Die Würfe aus dem Pick&Roll oder mit Ablauf der Wurfuhr fallen unregelmäßig (insgesamt 36,8%).
Das zweite charakterisierende Element ist die Penetration. Mayo besitzt die Anlagen, um mit hoher Geschwindigkeit den Korb zu attackieren. Um damit das Spiel seiner Mannschaft zu bereichern dauerte es jedoch einige Spiele. Im Auftakt in Berlin markierte Mayo einen Drive, beendet durch einen geblockten Wurfversuch in der Zone. Ähnliche Muster durchzogen die ersten Saisonspiele häufiger. Es ist schwer einen konkreten Bruchpunkt auszumachen, doch ca. ab Mitte November entwickelte sich der Drive zu einer veritablen Option. Die Kombination aus Drive und Distanzwurf lassen ihn offensiv zum zweiten Go-to-Guy neben Thompson avancieren.  Mayo ist in dieser Verfassung der Hauptgrund für die Entlastung von Ryan Thompson im Backcourt.

Die Verteidung: intensiv planlos?

Im Interview mit Josh Mayo überraschte speziell eine Aussage über die Verteidigung des Pick&Roll unter Krunic. Auf die Frage, nach welchen Parametern über die Variante der Verteidigungsform entschieden werden würde, antwortete der Aufbauspieler:

 „Auch hier kommt wieder viel über den Einsatz und Druck, den wir so ausüben wollen. Es ist abhängig von der Spielsituationen und Kommunikation, wie wir ein Pick&Roll verteidigen. Auf der anderen Seite ist es für eine Offense schwerer sich auf bestimmte Situationen eigene Lösungen zu suchen.“

Auf Nachfrage bei Trainern und Spielern der Liga, zeigte sich ein Erstaunen über die zumindest auf den ersten Blick so wirkende Chaos-Verteidigung. Sehr wenige Teams würden komplett nach einem solchen situationsabhängigem Schema arbeiten. Teams nutzen in den meisten Fällen weiterhin, zumindest simple, Absprachen: „wir verteidigen das Sideline PnR per ICE oder Down“.  Auf eine ähnliche Frage lässt sich Niklas Geske von Rasta Vechta zitieren: „bei uns ist theoretisch jede Situation komplett durchgeplant“.

Predrag Krunic trainierte bereits zwischen 2001-2005 Bonner Profimannschaften. Zwischen dem krankheitsbedingt ausgefallenem Silvano Poropat und Krunic liegen die Parallelen in der Spielidee in der Defensive. „Leading by Example“: Der 49-Jährige geht an der Seitenlinie mit gutem Beispiel voran, wenn er sein Team dazu auffordert nach Punkterfolgen den Gegner direkt anzupressen.
Sein Team sticht in der Defensive nicht durch neue, innovative Zonenpressen, überraschende Blockverteidigungen oder andere auffällige Charakteristika hervor. Es ist eine kontinuierlich hohe Intensität, mit der er Gegner zu Fehlern zwingen will. In der Thematik der Blockverteidigung von Josh Mayo angesprochen, ist es die Intensität über die Blöcke verteidigt werden sollen.

Yorman Polas Bartolo ist der Vorzeige-Verteidiger der Krunic-Defensiv-Philosophie. Der Deutsch-Kubaner stellt auf 1,91m in der Defensive den besten Bonner in der Kombination aus Perimeter-Verteidigung und seiner Physis, die er unter den Brettern zu Nutze macht.  Im Spiel gegen den FC Bayern München setze Krunic Bartolo für einige Zeit auf den bayrischen Aufbau Nick Johnson an. Das Crossmatch ging auf, und der positionelle Gegenspieler in Ryan Thompson entlastet werden.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Feldes sind seine Qualitäten nur selten einsetzbar. Ohne einen sicheren Distanzwurf und die Möglichkeit eines guten Ballhandlings kann er abseits des Balles ausschließlich über Cuts oder den Fastbreak agieren. Im Bonner Setplay-System ist Bartolo nur in wenigen Fällen einsetzbar.

Jede Wette: Julian Gamble als Defensiv-Anker?

Das Verteidigen der Zone steht gleichrangig bei Julian Gamble und dessen Backup Filip Barovic auf der Agenda. Ersterer erwischte einen schwachen Start in die Saison. In der Offensive laufen viele Angriffe über den US-Amerikaner im Low-Post. In den ersten Saisonwochen wirkten seine Aktionen für sein neues Team teils noch sehr unglücklich. Gamble äußerte sich in einem Interview, die größte Umstellung sei es gewesen, in einem stärker besetzten Kader zu spielen.
Zuvor zog es den University of Miami-Absolventen für zwei Spielzeiten in die belgische Hauptstadt. Er wird als Leistungsträger in Offensive und Defensive zwei überzeugende Spielzeiten durchlaufen. Im Nachgang spricht er auch von seiner körperlichen Überlegenheit, die ihm in vielen Situationen weiterverhalf. Mit dem Wechsel im Sommer auf den Hardtberg änderte sich die Physis seiner Gegenspieler. In vielen lässt sich vorstellen, wie Gamble diese Szenerien in der Vergangenheit gelöst hätte: Die Schulter ein wenig reinstellen, Power-Move, einfache Punkte. In diesen Szenen fällt aber auch auf, wie er sie nun (gehäuft in den ersten Saisonwochen) mit ähnlichen Muster zu lösen vermochte, jedoch am BBL-Center-Personal scheiterte. In den letzten Wochen glänzt der Pivot zuweilen mit einer schnellen Drehung aus dem Post-Up heraus, auch, um athletische Vorteile auszuspielen.

Filip Barovic ist der klassische Vertreter der osteuropäischen Post-Up-Schule. Beide stehen nur in weniger als einem Prozent gemeinsam auf dem Feld, denn weder der Montenegriner noch Gamble besitzen ein ausgefeiltes Spiel aus der Mitteldistanz. Barovic vermag es seine Würfe aus simplen Post-Moves zu generieren.  

Nach den präsentierten vier Phasen im Kader konnte sich über die Zeit keine klare Struktur in den Lineups bilden. Insgesamt erzielen die Baskets in 1097 Ballbesitzen in der bisherigen Saison 1,21 Punkte pro Angriff und lassen auf der Gegenseite 1,13 Punkte zu. Mayo, Thompson, Bartolo, Silins und  Gamble stellen dabei  mit 122 Possessions die meist gespielte Bonner Aufstellung, halten ihre Gegenspieler dabei bei 0,975 Punkten pro Angriff. Zu knapp 2/3 der Zeit stehen dabei Ryan Thompson und Josh Mayo gemeinsam auf dem Parkett. Währenddessen punktet ihre Mannschaft mit 60% im zwei-Punkte-Bereich (insgesamt TS% von 62%)! An beiden Enden des Parketts punkten Gegner und Offense hochprozentig mit ca. 1,3 Punkten.

Eintreten in Phase fünf: Entlastung im Backcourt

Thompson und Mayo sind aktuell die einzigen Bonner Akteure, die konstant für andere Würfe kreieren können. Noch zu Beginn der Saison wirkte die Offensive ohne ein Konzept, wenn Ryan Thompson eine Pause am Spielfeldrand nahm. Dies ist über den Verlauf besser geworden, Mayo besitzt einen deutlich größeren Einfluss auf das Offensivgeschehen und weiß Rollenspieler besser einzusetzen. Nichtsdestotrotz sind es für beide aktuell hohe Belastungen. Thompson laborierte während der Spielzeit bereits an einer Knöchelverletzung, sodass Krunic seine Spielzeit teils reduzierte oder ihn auf europäischer Bühne aussetzen ließ. Die Rückkehr von Konstantin Klein in den Spielbetrieb wird in dieser Hinsicht für beide eine Entlastung bedeuten. Dies wird er in seiner Rolle als direkter Backup für Mayo und für TJ DiLeo tun, der auf seine angestammte Position zurückkehren kann.

Mit dem Blick auf das kommende Kalenderjahr sind die Bonner weiterhin im nationalen und internationalen Wettbewerb vertreten. Hohe Belastungen müssen dann durch eine ausgeglichene Verteilung der Rollen in der Offensive geschaffen werden. Hält Gamble sein Niveau und seine Präsenz im Low-Post kann Krunic hier Würfe für das gesamte Team kreieren. Um den letzten Rückblick in die hier viel zitierten „ersten Saisonwochen“ zu werfen, so war der Post-Up für Gamble und Barovic in Phasen ohne Ryan Thompson die meist genutzte Option Würfe zu schaffen. Mit einer nun vertrauteren Mannschaft lassen sich aus diesen Situationen sicherlich vergleichsweise bessere Wurfoptionen als zu dieser Zeit kreieren.

Der Start ins neue Jahr

Nach dem weihnachtlichen Heimsieg gegen Gießen qualifizierten sich die Baskets für den Pokal. In der Tabelle stehen sie auf Rang fünf. Der Spielplan bringt in den kommenden Wochen unter anderem medi Bayreuth, brose Bamberg und Alba Berlin. Dann wird sich auch zeigen, ob die Bonner den positiven Trend halten können und wie die Rückkehr von Konstantin Klein das Bonner Spiel entlasten und bereichern kann.

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