Chicago Bulls, Debatte

Wer soll das Ballhandling der Bulls übernehmen?

Debatte #9: Rondo oder Butler?

Die NBA-Saison ist gestartet und auf eines von vielen Teams wird bei den Chicago Bulls vor allem darauf geachtet, wie die Situation um das Ballhandling gelöst werden soll. Mit Rajon Rondo, Dwyane Wade und Jimmy Butler stehen gleich drei Kandidaten zur Auswahl. Sebastian Seidel und Dennis Spillmann debattieren darüber, welche Ballhandling-Option die beste für das gesamte Team wäre, unabhängig davon, über wen die Bulls ihre Offense  momentan tatsächlich laufen lassen.

Dennis Spillmann: Müsste ich mich zum jetzigen Zeitpunkt entscheiden, wer das Ballhandling der Bulls übernehmen sollte, würde ich recht eindeutig auf Jimmy Butler zurückgreifen. Dies hat viele Gründe, aber der vorrangig schwerwiegendste ist für mich, dass Butler der beste Spieler dieses Teams ist. Ein Team, das maximalen Erfolg haben möchte, sollte nie den besten Spieler in seinen Anlagen oder Stärken beschneiden, sondern – im Gegenteil – ihn in die Situationen bringen, wo er am besten agieren kann. Dafür benötigt Butler den Ball in seinen Händen.

Sebastian Seidel: Auch wenn Butler ohne Frage der beste Spieler der Bulls ist, denke ich nicht, dass er der primäre Ballhandler sein muss, um seine Qualitäten bestmöglich auszuspielen. Gerade in Hoibergs Offense, welche viel auf Ball- und Spielermovement beruht, kann Butler exzellent aus dem Flow der Offensive agieren.

Auch Dwyane Wade hat in den letzten Jahren schon bewiesen, dass er durchaus abseits des Balles agieren kann. Sei es neben James als ballführenden Spieler oder in der letzten Saison neben Dragic. Zudem scheint er in dieser Saison den Dreier wieder vermehrt nehmen zu wollen und deutete in der Preseason das Potential an, diese auch solide treffen zu können (2.7 3PA- 44% 3P%). Demzufolge denke ich, dass Rajon Rondo derjenige sein sollte, welcher die Offense initiiert. Ich sehe das nicht gleichbedeutend damit, dass Butler und Wade weniger Spielanteile bekommen, im Gegenteil denke ich, dass beide davon profitieren können, erst nach der Initial-Action gegen die unsortiertere Defensive zu attackieren.

Spillmann: Wann hat Rondo denn das letzte Mal eine Defense konstant zum Kollabieren gebracht? Rondo attackiert zwar die Zone ungefähr zehn mal pro Spiel, aber die Defenses wissen recht adäquat darauf zu reagieren. Rondo verliert unter allen Point Guards den Ball beim Drive am häufigsten, zieht keine Freiwürfe und passt bei jeder zweiten Penetration den Ball weiter. Dadurch, dass er selbst keine Gefahr ausstrahlt, gehört er zu den zehn schlechtesten (relevanten) Guards, die nach Drives abschließen.

Dies wäre aber noch kein Argument für Butler. Wenn wir uns die Offense Butlers aus der letzten Saison aber ansehen, wo er neben Derrick Rose spielen musste, dann sollten wir uns nicht davon täuschen lassen, dass Rose in vielen Spielen mit Butler zusammen auf dem Feld stand.
Butler ist absolut kein Spot-Up-Schütze und kein häufiger Cutter. Auch agiert er kaum aus dem hand-off oder nach Screens der Mitspieler. Butlers Spiel war auch in der letzten Saison schon sehr on-ball-lastig – und er war gut darin. Jeder dritte Abschluss Butlers kam aus dem Pick ‘n’ Roll; er gehörte zu den besten 20 Prozent der NBA (Rondo war unterdurchschnittlich). Jeder achte Angriff kam aus der Isolation, wo er immerhin zu den besten 30% zählte (Rondo zum schlechtesten Drittel). Man sollte Butler diese Stärken nicht nehmen, nur weil Rondo im Kader steht.

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Seidel: Wie du richtig angemerkt hast, ist Rondo nicht unbedingt der Spieler, der aus seinen Drives viel selber abschließt. Dennoch muss die Defensive auf seinen Drive reagieren. Ohne eine Rotation von der Weakside verwandelt auch Rondo offene Korbleger. An der Anzahl der Drives ist durchaus zu erkennen, dass Rondo noch zum Korb kommt, auch wenn er diese dann nur selten selber abschließt. Genau diese erste Rotation kann es Butler und Wade dann ermöglichen gegen eine unsortiertere Defensive zu agieren. Dabei soll Butler unter keinen Umständen in eine Spotup-Shooter-Rolle zurückgedrängt werden soll. Auch in der letzten Saison fanden viele von Butlers Pick&Roll-Touches erst nach der Initial-Action und im Flow der Offense statt.

Auch Butlers Isolations sind für mich häufig nicht die eines klassischen Ballhandlers, wie zum Beispiel eines Kyrie Irving. Viel öfter bekommt er den Ball im Midpost oder am Elbow und agiert von dort aus im 1-vs-1.

Spillmann: Aus der Anzahl an Drives kann man nicht schließen, dass Rondo wirklich zum Ring durchdringt, da die Statistik schon einen Drive erfasst, wenn man vom Perimeter bis auf 10 feet zum Korb zieht. Diesen Raum lassen die Verteidigungen Rondo gerne. Rondo spielte in Sacramento nur 12% seiner Assists direkt nach einem Drive.  Dies liegt daran, dass der Drive gar nicht Rondos Motivation ist. Verdeutlichen lässt sich Rondos Spielgestaltung an dieser Szene:

Rondo sagt also einen Spielzug an, liest dann, wie sich beide Teams bewegen und spielt vom Perimeter aus einen Pass. Das ist bei der Mehrzahl der Angriffe der Fall. Im Unterschied zu anderen Playmakern, die zu einem größeren Teil die Würfe für ihre Teamkollegen selbst kreieren, indem sie agieren und nicht reagieren, ist Rondos “Assist-Game” davon abhängig, wie gut seine Mitspieler exekutieren.

Generell sind wir uns aber doch einig, dass Jimmy Butler der bessere Impact-Spieler sein wird – auch in dieser Saison. Wenn wir perspektivisch auf die Bulls schauen, dann werden diese nur  wieder relevant, indem ihr bester Spieler mehr wird als Klay Thompson. Jimmy Butler wurde in der letzten Saison von einer noch größeren Ballhandling-Rolle von Derrick Rose abgehalten, der ein schlechterer Spieler war; in dieser Saison nimmt Rondo Butler wertvolle Possessions weg, um den offensiven Schritt zu gehen, den Kawhi Leonard jetzt vollzieht oder den Paul George vor ihm vollzogen hat. Butler kann weit mehr als nur der sekundäre Ballhandler eines Teams sein. Sein Output muss maximiert werden.

Seidel: Zuerst einmal muss festgehalten werden, dass die 1.4 Assists, welche Rondo im letzten Jahr laut Player Tracking aus seinen Drives generierte, der Ligabestwert waren. Die Zahl 12% klingt sehr niedrig, ist aber im Vergleich mit anderen Ballhandlern exzellent. So kommen bei Chris Paul nur 10.0% und bei Russell Westbrook 10.6% der Assists aus Drives. Warum diese Zahlen im Allgemeinen sehr niedrig sind, ist für mich schwierig zu erklären,  muss aber auch mit der Zählweise im Player Tracking zu tun haben.

Die Floppy-Action in deinem Beispiel, ist ein Play, welches nahezu jedes NBA-Team läuft. Lediglich 6 Prozent der Abschlüsse von Sacramentos Offense kamen in der letzten Saison nach Blöcken abseits des Balles. Die Aussage “Mehrzahl der Angriffe” ist somit nicht korrekt.

Außerdem muss zwischen Rondos Rolle als dominanter Ballhandler in Sacramento und als Ballhandler in Chicago unterschieden werden. Keine Offense mit Wade, Butler und Rondo würde funktionieren, wenn einer der drei Spieler über längere Zeit den Ball dominiert. Stattdessen ist Chicago auf viel Ball- und Spielermovement angewiesen, damit die spacingschwache Offense funktionieren kann. Dies zeigt sich auch in den ersten Spielen, keiner der drei Spieler hat den Ball über längere Zeit in den Händen. Die Bulls zeigen exzellentes Ballmovement (haben in den ersten beiden Spielen bei sehr kleiner Sample Size 344.5 Pässe pro Spiel) und kreieren dadurch als Team eine Menge guter Abschlüsse in der Zone.

Rondo ist zwar der primäre Ballhandler, aber längst nicht immer der Fokus der Offense. Es geht nicht darum, den Impact eines einzelnen Spielers wie Butler oder Rondo zu maximieren, sondern als Team das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

Spillmann: Ich sagte nicht, dass die Floppy Action in der Mehrzahl gelaufen wird, sondern dass Rondo gehäuft auf der Stelle dribbelt und eben nicht die Defense zum Kollabieren bin, was dein Ausgangspunkt war. Meine Aussage, dass ein Rondo-Assist im Ligaschnitt mehr Arbeit für die Mitspieler als für ihn bedeutet, steht weiterhin. Damit will ich aussagen, dass eine Offense effizienter sein könnte, wenn der Ballhandler mehr Gefahr ausstrahlt und die Defense zu Fehlern zwingen kann.

Dass Passing nicht gleich gutes Ballmovement ist und Assists nicht für eine gute Offense stehen, hatte ich an anderer Stelle bereits dargelegt. Wichtig ist, dass der Initiator der Offense die bestmögliche Entscheidung für ein Team trifft – das tut Rajon Rondo seit Jahren nicht. Er sucht nach dem schönsten Pass, um weitere Assists zu verbuchen, aber er verweigert Abschlüsse am Korb oder aus der Distanz. Dies führt dazu, dass er seit Jahren die Offense seiner Teams nicht verbessert.
Die Kings hatten ohne und mit ihm dasselbe Offensive Rating; die Mavericks sind implodiert; die Boston Celtics haben mit Rondo schon generell eine schlechte Offense gestellt und Rondo hat diese seit 2012 nicht mehr verbessert, wenn er auf dem Feld stand. Rondos Assists blenden darüber hinweg, dass Offenses mit ihm als primärem Ballhandler nicht effizient sind. Boston musste dies durch extrem kraftraubende Defense wettmachen.

Faktisch dominiert Rondo in den beiden Spielen der Bulls den Ball weiterhin. Er hat mit Abstand die meisten Touches im Frontcourt und die Zahlen sind auf Sacramento-Niveau. Natürlich trifft Rondo auch richtige Entscheidungen und deshalb sind die Ballmovement-Ausschnitte auch schön anzusehen, aber auf eine ganze Partie betrachtet ist die Bulls-Offense  – kleine Sample Size, wie beim Ballmovement auch – mit Rondo wieder nicht besser als ohne ihn.

Seidel: Mein Ausgangspunkt war nicht, dass Rondo konstant eine Defensive zum Kollabieren bringt. Er kommt regelmäßig in die Zone, worauf die Defensive eben nicht gleich immer kollabiert, aber reagieren muss. Butler oder Wade können dann diese erste Unordnung nutzen und haben es einfacher den Korb zu attackieren.

Ich habe nicht behauptet, dass Assists immer gleichbedeutend mit einer guten Offensive sind. Jedoch geht es darum, einen Weg zu finden, wie die drei Spieler nebeneinander koexistieren können. Diesen habe ich aufgezeichnet.  Vor allem mit den offensichtlichen Spacingproblemen wäre es sehr schwer, auch für Jimmy Butler, in einer statischen Offensive effizient zu agieren. Deswegen halte ich den Weg, welchen Hoiberg eingeschlagen hat, für den Richtigen.

Gemessen an dem vorhandenen Spielermaterial war der 14. Platz in der offensiven Effizienz für die Kings sicherlich eine solide Leistung. Mit Collison kam zudem einer der besten Backup Point Guards der Liga von der Bank und konnte gegen die zweite Reihe der gegnerischen Mannschaften, die auch unter Rondo solide Offensive der Kings gut am Leben halten.

Faktisch dominiert Rondo den Ball in den ersten beiden Spielen überhaupt nicht. Obwohl er den Ball in jedem Angriff nach vorne bringt, hat er den Ball nur 3.99sek pro Touch in der Hand. In der letzten Saison hatten 82 Spieler den Ball pro Touch im Schnitt länger in den Händen. Dass sich die Zahl seiner Frontcourt-Touches dabei nicht verringert, ist wenig verwunderlich. Statt einem Touch, in welchem er den Ball lange in der Hand behält, erhält Rondo durch die vielen Pässe in der Bulls-Offense den Ball auch öfter mal wieder zurück und kommt so zu mehr Touches. Seine gesunkene Time of Possession von 7.5 auf 5.8 deutet dies ebenfalls an.

Spillmann: Ein letzter Absatz zur Dominanz Rondos: Wenn ein Spieler bei den Bulls den Ball dominiert, dann Rondo. Ja, er ist nicht so einschnürend dominant wie in Sacramento, aber ich würde gerne Butler in dieser Rolle sehen. Dieser hat sein Spiel neben Rose aus der letzten Saison, was Touches angeht, weitgehend verringert. Eine kleinere Ballhandling-Rolle Butlers stimmt vielleicht Rondo versöhnlich, aber für die Franchise ist dies keine gute Entscheidung.

Resümierend sind wir beide gar nicht so weit voneinander entfernt. Du siehst eine Aufgabenverteilung – mit Rondo als erstem Ballhandler – für am geeignetsten an, um die Bulls auf Playoffkurs zu halten. Das kann ich gut verstehen, aber die Betrachtung ist mir zu kurzfristig.
Ich würde sehr viel lieber ausprobieren, was Jimmy Butler noch alles kann. Gerade in der letzten Saison hat er angedeutet, dass er mit mehr Ballhandling umzugehen weiß. Wenn die Bulls die Prime von Butler so gestalten, dass sie ihm zwei weitere, hochdekorierte, aber ineffiziente Ballhandler zur Seite stellen, dann habe ich zumindest den Beweis noch nicht gesehen, dass Butler nicht noch mehr kann, als er zeigte. Die Bulls haben aus meiner Sicht auch zu wenig zu verlieren, um dies nicht auszuprobieren. Gerade das Ceiling dieses Teams veranlasst mich, dafür zu plädieren, zu schauen, ob Butler nicht doch ein junger Dwyane Wade, ein Kawhi Leonard oder zumindest ein Paul George ist: ein Ballhandler auf der “Zwei”, der noch 5-6 sehr gute Jahre vor sich hat und um den man aufbauen soll. Die Offseason der Bulls hat dies torpdiert.

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2 comments

  1. Poohdini

    Was mir noch nicht klar ist: Sebastian redet davon, dass eine Defense auf Drives von Rondo reagieren muss. Ich finde, dass jeder Defender der dies tut, umgehend entlassen werden sollte. Was hat man denn bei einem Drive von Rondo zu befürchten? Einfach Abstand lassen, kommt der Screen, drunter vorbei gehen und der Big Man kann absinken. Dass Teams es teilweise auch bei den obigen Ausschnitten falsch machen, macht mich wahnsinnig.

  2. Sebastian Seidel

    Du setzt "Drives respektieren" mit "taktische Fehler in der Pick&Roll-Verteidigung" gleich. Tatsache ist nun mal, dass Rondo viel in die Zone kommt. Dabei profitiert er sicherlich davon, dass ihn Teams teilweise falsch verteidigen. Dennoch muss eine Defense auf einen Spieler reagieren, der in die Zone eindringt. Bei Rondo sicherlich nicht so extrem, wie wenn ein James oder Westbrook zieht, aber es muss eine Reaktion geben. Denn offene Korbleger verwandelt jeder Spieler in dieser Liga ;)


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