NBA

Der Free Agency-Goldrausch

Über den steigenden Salary Cap

Nach den erfolgreichen Verhandlungen zum neuen TV-Deal der NBA vor etwa zwei Jahren war es schon klar, doch die praktischen Folgen erreichen die Liga erst jetzt in ihrem vollen Ausmaß: Der Cap Space wird in den kommenden Jahren extrem ansteigen und damit vor allem in der Übergangsphase für ein erhebliches Chaos sorgen.

Diese Übergangsphase hat schon begonnen, weil in den letzten Jahren die meisten Verträge schon mit Blick auf deutlich mehr Geld im System geschlossen wurden – Tristan Thompson stellt durch das lange Verhandlungs-Patt wohl das prominenteste Beispiel. Gleichzeitig blieben einige Verträge allerdings auf gewohntem Niveau, so dass Spieler wie etwa Marcus Morris auf Jahren hin extrem günstig bleiben. Damit sind allerdings die Verträge noch nicht berücksichtigt, deren Werte im Collective Bargaining Agreement vereinbart wurden: Sowohl Erstrunden-Rookies als auch Veteranen-Minimum-Spieler bleiben bei den Erhöhungen außen vor. Diese verschiedensten Faktoren verschieben logischerweise die Balance in der NBA und erfordern von allen Beteiligten eine gewisse Anpassung…

Wie viel Geld?

Die erste Frage ist natürlich: Wie stark wird der Cap wirklich ansteigen? Vor einigen Tagen wurde die aktuelle Schätzung von 94 Millionen US-Dollar bekannt, eine massive Steigerung von den letztjährigen 70 Millionen. Diese Summe übertrifft sogar die ersten Annahmen nach dem TV-Deal noch deutlich, weil auch zahlreiche andere Faktoren sich zugunsten der NBA entwickeln.

Damit schließt sich logisch Frage an, wie sich der Salary Cap überhaupt berechnet. Der Schlüssel dafür ist das Basketball Related Income (BRI): Es setzt sich aus einem Großteil der Einnahmen der NBA zusammen (genaue Informationen dazu und allen verwandten Fragen im hervorragenden Salary Cap FAQ von Larry Coon) und bildet den Grundwert, aus dem alle weiteren Zahlen erhoben werden. Die während des letzten Lockouts hauptsächlich verhandelte Frage war beispielsweise, welcher Prozentsatz des BRI den Spielern zusteht. Den Teambesitzern gelang es 2011, diesen Anteil von zuvor 57 auf nur noch etwa 50% zu reduzieren und somit ihre eigenen Profite entsprechend zu steigern. Wie Dennis Spillmann hier ausführt, ist dieser Prozentsatz zentral: Unabhängig von den tatsächlich abgeschlossenen Verträgen erhalten die Spieler insgesamt genau diese Summe, das heißt, die Abweichungen von vorherigen Planungen werden für die tatsächlichen Überweisungen an die Spieler korrigiert. Alle anderen Regelungen bestimmen nur, welcher Spieler wie viel Geld bekommt – wichtig für einige Diskussionen um mögliche Anpassungen.

Für wen?

Zurück zum TV-Deal, der als zentraler Posten des BRI den Salary Cap extrem beeinflusst, wie der kommende Sprung zeigt. Direkt an den Cap gekoppelt sind die Maximum-Verträge, die sich je nach Erfahrung in der Liga auf 25 bis 35% belaufen. Indirekt knüpfen auch alle normalen, frei verhandelten Verträge an die Erhöhung an, weil schlicht mehr Geld verfügbar ist. Trotzdem gewinnen wie schon angesprochen nicht alle Spieler, was umgekehrt bedeutet: Die etablierten Großverdiener profitieren sogar noch mehr als durch den prozentualen Anstieg ohnehin schon. Das betrifft insbesondere die obere Mittelklasse der NBA, also Starter, die zwischen Mid Level Exception und Max-Contract stehen.

Besonders in der kommenden Offseason und vermutlich noch dem darauffolgenden Sommer wird sich diese Steigerung zeigen. Das Gerücht, die Wizards würden Joakim Noah das Maximal-Gehalt bieten wollen, mag ein eben solches bleiben – mehrere Spieler auf dem Niveau von Nicolas Batum oder Ryan Anderson werden allein deswegen bezahlt werden, weil zu viele Teams mit Ambitionen ihren Cap Space ausgeben müssen. Fast alle Free Agents, die zumindest solide Backups oder einigermaßen talentiert sind, sollten von dieser Situation profitieren. Es dürfte extrem schwer werden, auch nur teamfreundliche Kurzzeitverträge wie bei Jeremy Lin und Bismack Biyombo auszuhandeln.

Die genauen Werte für Verträge sind trotzdem schwer abzuschätzen. Die reine Steigerung des Caps beträgt etwa 35%, wobei wie angesprochen viele der Verträge letztes Jahr schon in Erwartung des steigenden Caps geschlossen wurden. Da aber durch den Sprung nur ein kleinerer Anteil des Salary Caps in bestehenden Verträgen gebunden ist, dürfte der normale Vertrag stärker ansteigen als um ein Drittel. Zusätzlich wird ja mindestens eine weitere Steigerungsrunde in der Offseason 2017 erwartet, so dass kaum Grund für Sparsamkeit besteht. Daher sind 15 Millionen Dollar für einen durchschnittlichen Starter vermutlich eher der untere Rahmen – der angesprochene Batum dürfte vermutlich über 100 Millionen über 5 Jahre erhalten, wenn er sich für einen Verbleib in Charlotte entscheidet. Auch Borderline-Starter wie Lin dürften sich über zweistellige Millionenbeträge pro Jahr freuen.

Für wen nicht?

Umgekehrt werden die Borderline-NBA-Spieler werden vergleichsweise weniger profitieren, weil die Exceptions nicht prozentual an den Cap gebunden sind. In Erwartung wachsender Einnahmen wurden sie zwar in den CBA-Verhandlungen 2011 mit leichten jährlichen Steigerungen konstruiert, die aber nicht annähernd dem jetzt erfolgenden prozentualen Anstieg des Caps entsprechen. Als Beispiel: Die klassische Non-Taxpayer-MLE, die schon in früheren CBA-Versionen vorgesehen war, wird nach derzeitigem Stand 2020/21 6,335 Millionen Dollar betragen. Die Steigerung im Vergleich zu den 5 Millionen Dollar von 2011 beträgt also gerade gut ein Viertel, was für den Cap generell allein mit dem Sprung in diesem Sommer übertroffen wird. Analoges gilt für die Tax- und Room MLE. Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten: Entweder verlieren die Exceptions an Bedeutung, weil die entsprechenden Spieler lieber für mehr Geld bei Cap Space-Teams spielen; oder die Umworbenen verzichten für Meisterschaftschancen auf Geld.

Noch extremer dürfte sich die Entwicklung bei Rookie Scale Contracts und Minimum Exception darstellen, weil die Spieler hier kaum ausweichen können. Zumindest kein US-Rookie wird drei Jahre auf die NBA verzichten, nur um nicht mehr an die fixierten Gehälter gebunden zu sein. Das erhöht den Wert von Erstrundenpicks weiter, der sich aufgrund des wandelnden Teambuildings in den letzten Jahren ohnehin schon erhöht hat. Wie Secondrounder darauf reagieren, ist eine weitere Frage: Bisher war Vertrag auf Minimum-Niveau der Normalfall. Jetzt ist es nicht einmal undenkbar, dass der 31. Pick ein höheres Einstiegsgehalt erhält als der 30., wenn sein Agent gut verhandelt. Damit könnte grundsätzlich die Zahl der Minimum-Verträge sinken, die übriggebliebenen fallen aber genauso in die Kategorie der TV-Deal-Verlierer.

Wie geht es weiter?

Auch wenn Mitleid mit Einkommensmillionären wohl fehl am Platz ist, weist dieses Gefüge einige bemerkenswerte weiterführende Aussagen auf: Die unterdurchschnittlichen NBA-Spieler haben praktisch keine Lobby in der Gewerkschaft und damit den Verhandlungen mit den Franchise-Besitzern. Dies zeigt sich noch stärker als am CBA selbst – hier ließen sich die festen Werte schlicht als Übersehen bewerten – in den Diskussionen um ein mögliches ‚Smoothing‘ des Caps. Die Spielergewerkschaft lehnte dieses sportlich sinnvolle Instrument ab, was gleichmäßiger verteilte Gehälter verhindert hat.

In diesem Zusammenhang ist ein Ausblick auf die weitere Entwicklung angebracht: Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Spielergewerkschaft 2017 aus dem laufenden CBA aussteigen, um die miserabel verlaufenen letzten Verhandlungen auszugleichen. Dabei dürften Rookie-Verträge und die übrigen Exceptions neu debattiert werden. Allzu großes Interesse an mehr Geld für die Rookies dürfte allerdings keiner der Beteiligten haben – die verhandelnden Spieler sind schließlich über dieses Alter hinaus. Dafür werden einige andere Themen wieder auf der Tagesordnung landen: Neben einer Reform des Drafts könnte insbesondere ein Hard Cap Befürworter finden. Die kommenden Jahre sind ohnehin eine Art Probefall, wie die Liga mit einem relativ starren Cap aussieht, weil nur eine extrem niedrige Anzahl an Teams Luxussteuer bezahlen wird.

Was ist also zu erwarten?

Schon vor dem 1. Juli ist damit klar: Praktisch alle Verträge werden im ersten Moment extrem schockieren und jeden älteren Vertrag als preiswert erscheinen lassen. Da aber alle Teams von dieser Situation betroffen sind, muss kein grundsätzliches Problem entstehen. Trotzdem erhöht sich die Gefahr für Management-Fehler durch das zu erwartenden Chaos, weil die gängigen Handlungsmuster nicht mehr anwendbar sind. Ist es beispielsweise schlechter, einen Spieler überzubezahlen, oder Lücken im Kader zu akzeptieren? Wie sollten Teams agieren, die keine realistische Chance auf die Meisterschaft haben? Auf diese und weitere Fragen finden sich frühestens Anfang Juli Antworten.

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