Cleveland Cavaliers, Golden State Warriors, Playoffs 2016

NBA Finals 2016: Game 1

Die Warriors überleben ein schlechtes Spiel von Stephen Curry

Wer das Gute in einer Niederlage sehen will, wird sich sagen, dass ein großes Stück des Clevelander Gameplans aufging. Die Befürchtung, dass Steph Curry und Klay Thompson nach schlitternden Pick & Rolls gegen Kyrie Irving und Kevin Love Ballbesitz um Ballbesitz aus der Distanz zu Würfen frei kommen, erübrigte sich. Die Splash Brothers trafen nur acht ihrer 27 Dreierversuche. Bis auf Festus Ezeli steuerte jeder Warrior, der mindestens 10 Minuten spielte gleich viel oder mehr Punkte zum Sieg des Teams der Bay Area bei als die jeweiligen Scharfschützen. 

Als Matthew Dellavedova fünfzehn Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit an der Baseline frei kam und ein Alley-Oop-Anspiel auf Tristan Thompson vollendete, spürten die Warriors den “Momentum Swing” durch Thompsons kraftvollen Dunk. Die Dubs waren nicht nur zum ersten Mal seit Anfang der ersten Hälfte in Rückstand, sondern gaben zudem eine Führung von vierzehn Punkten aus der Hand. Eine Mannschaft, die in der Serie davor einen 1-3 Serienrückstand aufgeholt hatte, kann dies nicht schocken. Doch die Antwort der Warriors auf diese Sequenz war nicht der typische Crossover Pull-Up von Steph Curry oder ein verrückter Spot-Up Dreier aus dem Lauf von Klay Thompson. Die Warriors antworteten im nächsten Ballbesitz mit der Option, auf welche die Cavaliers ihrerseits kein Mittel hatten: Andre Iguodala warf den Ball unspektakulär Shaun Livingston zu, der auf Höhe der Freiwurflinie sprintete, von wo er einen Wurf mit hässlicher Form einnetzte.

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Illinois Boys

Livingston und Iguodala wuchsen zur selben Zeit in Illinois auf und hatten eher undankbare Karrieren, die als Rollenspieler bei den Warriors ihre Erfüllung finden. Iguodala spielte lange bei den Sixers, wo er als zweiter “AI” nicht zu der Identifikationsfigur werden konnte wie sein kleiner, charismatischer Vorgänger. Als bester Spieler eines über Jahre mittelmäßig agierenden Teams für nicht gut genug befunden, um ein echter Topspieler zu sein, fand Iggy im System der Warriors das Mittel, um seinen Namen doch noch in den Geschichtsbüchern der NBA festzuhalten – als Finals MVP. Über Shaun Livingstons Werdegang wurde bereits alles gesagt.

Die Illinois Connection war an der starken Leistung der Bank maßgeblich beteiligt. Livingston tankte anfangs viel Selbstvertrauen, als er innerhalb von vier Minuten drei schwerere Pull-Up-Würfe aus der Mitteldistanz traf. Die gleiche Anzahl an Körben innerhalb des gleichen Zeitraums gelang ihm auch Anfang des vierten Viertels.

Iguodalas erste Aktion sollte seine Leistung ebenfalls ankündigen. Ein perfekt getimter Durchstecker auf Festus Ezeli in Transition war einer von vielen präzisen und effektiven Pässen, die den Warriors zu einer Assist zu Turnover-Ratio von 29-9 verhalfen.

Swishing & Switching

Die Warriors brauchten von Steph Curry und Klay Thompson kein besonders gutes offensives Spiel, um die Cavaliers letztendlich eher deutlich zu schlagen. Neben einigen Fehlwürfen erlaubte sich Curry vor allem bei der Ballkontrolle ungewohnte Schlampigkeiten und gab den Ball bereits im ersten Viertel des Spiels drei Mal dem Gegner. Hinzu kamen drei weitere Turnover und zwei Szenen, in denen er sich bei Crossover-Aktionen ausgerechnet von Kevin Love fast den Ball abnehmen ließ. 

Die Rollenspieler sind insbesondere für den Sieg der Warriors zu feiern, doch ganz unbeteiligt sind Curry und Thompson an deren Leistung nicht. Durch ihr Pick & Roll-Spiel sowie die vielen Screeningaktionen ohne Ball zwingen die Warriors ihre Gegner nahezu, Verteidiger zu switchen. Die Thunder taten sich dagegen mit ihrer Größe um Durant, Roberson, Ibaka und Adams deutlich leichter als die Cavaliers, die mit Kyrie Irving und Love sowieso schon problematische Teamverteidiger haben. Viele der Aktionen, in denen Iguodala, Livingston, Barnes, Bogut und Green Zeit und Raum für gewinnbringende Aktionen hatten, resultierten aus Switching- und Stellungsfehlern, nachdem die Cavaliers damit beschäftigt waren, in erster Linie die Shooter zuzustellen.

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Selektierte Hilfe

Die Cavaliers trafen nur 38% ihrer Würfe aus dem Feld, was zum Teil an der disziplinierten, selektiven Hilfe der Warriors lag. 

LeBron James ist einer dieser Spieler, für welche die meisten Mannschaften ihre üblichen defensiven Regeln über den Haufen werfen. Da seine Penetration in ISOs und Drives so stark ist, packen die meisten Vertedigungsreihen die Strongside voll, um LeBron bereits zu verstehen zu geben, dass sich bei einem Drive 2-3 Körper in seinen Weg stellen. So soll James gezwungen werden, den Ball abzugeben. Überraschenderweise verteidigten die Warriors den einstigen MVP in diesen Situationen mit so wenig Hilfe wie möglich. James wurde recht viel Platz gegeben, um Entscheidungen zu treffen. Hilfe kam recht spät erst am Korb und anfangs meist zu spät. Dazu sackte der obere Help-Verteidiger sehr selten zum ‘Nail’ auf Höhe der Freiwurflinie ab, der normalerweise der erste Körper wäre, der sich James in den Weg stellen würde. So hatte James in vielen Situationen eine freie Zone vor sich:

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Kassierten die Warriors zu Beginn noch einige Punkte in diesen Aktionen, wurde die Eins-gegen-Eins Defense gegen James später im Spiel durch Andre Iguodala, Klay Thompson und Draymond Green besser, was in einem offensiven Foul von James in Transition gegen Green gipfelte. 

Befanden sich die starken Post-Up Spieler der Cavaliers, LeBron James und Kevin Love, bereits innerhalb des Perimeters in unmittelbar gefährlichen Positionen, schickten die Warriors vorab Hilfe und ignorierten klug Spieler, die anhand ihres Skillsets in ungefährlichen Spots standen. So wie hier unten, als Draymond Green zwei Mal bei einem Mismatch der beiden Offensivspieler gegen Steph Curry aushilft und Tristan Thompson ignoriert: 

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Wenn LeBron oder Love den Ball herausgespielt haben, rotierten die Warriors zum größten Teil knackig, so wie hier als Curry und Green gleich zwei mal Shooter zustellen:

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Auch nahe am Korb wurden die Hilfsaktionen gezielt eingesetzt. Die Cavaliers trafen nur 42% ihrer Würfe in der Zone und nur 48% der Würfe direkt am Korb, wo selbst nach sehr gutem Passspiel der Cavs sehr häufig ein Gegenspieler zur Stelle war, der einfache Punkte zu verhindern wusste:

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Fazit

Die entscheidenden Momente waren für ein großes Spiel der Warriors eher untypisch. Normalerweise sorgt insbesondere Steph Curry für diese Situationen. Die Panik, in die er eine Verteidigung durch einen einzigen Sprint versetzen kann, hatte auch einen Anteil an der Leistung der übrigen Warriors, die durch verpfuschte Switches und Zuteilungen Platz und Zeit für richtige Entscheidungen gewannen. Neben der üblich guten Defense waren es aber insbesondere auch das individuelle und oft unterschätzte Können von Spielern, die von der Bank kommen und deren Stärken adäquat eingesetzt werden. 

Curry, Thompson und Green nahmen gerade mal 44% aller Würfe der Warriors. Bei den Cavaliers kamen 71% der Würfe von Love, Irving und James. Während die Warriors bewiesen haben, dass sie ein unauffälliges Spiel ihrer Scorer überleben können, müssen die Cavaliers hoffen, dass ihre “Big Three” sie zum Titel tragen kann. 

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