Cleveland Cavaliers, Playoffs 2016, Toronto Raptors

Zurück nach Cleveland, zurück zur Normalität?

Die Cavs nach zwei Niederlagen in den Conference Finals

Spätestens nach den zwei Heimsiegen der Cavs in den Conference Finals erwarteten viele Beobachter praktisch schon den Sweep. Alles schien auf eine Fortsetzung der überlegenen Siege gegen Pistons und Hawks hinzudeuten, zumal die beiden Spiele in Cleveland alles andere als knapp waren. Nimmt man die Verletzung Jonas Valanciunas‘ und die anhaltenden Effizienz-Probleme von Kyle Lowry und DeMar DeRozan hinzu, wirkte diese Diagnose absolut schlüssig. Nach der Heim-Session der Raptors sind die Cavs zwar immer noch Favorit, der Spielstand ist jedoch ausgeglichen.

Was hat sich also verändert? Zwei Faktoren, die sich schon für die vorherigen Erfolge ausmachen ließen, haben sich verändert: Die Cavs treffen nicht mehr mit historischem Volumen bei absurder Präzision aus der Distanz und haben zudem ihre Dominanz an den Brettern verloren. Diese Stärken machen jedoch einen Großteil der Gefährlichkeit aller großen Cavs-Lineups aus, in denen zwei Spieler des Big Man-Trios aus Kevin Love, Tristan Thompson und Channing Frye auf dem Parkett stehen. Bismack Biyombo nutzte jedoch seine Chance durch Valanciunas‘ Ausfall und half den Raptors, auf den großen Positionen entgegenzuhalten. Trotzdem stellt sich die Frage, in wie weit die Probleme wirklich ein Verdienst der Raptors sind…

Regression zur Mitte

Besonders auffällig ist die Entwicklung bei den Distanzwürfen. Von ihrem Hoch aus den ersten beiden Runden sind die Cavs abgestürzt – zwar nicht katastrophal, aber zumindest deutlich unter die vorherigen Höchstwerte:

Cavs Regression

Über die gesamten 12 Spiele gesehen wären die Cavs immer noch das beste Dreier-Team der Playoff-Geschichte, wie die mittlere rote Säule zeigt. Auch die Leistung der Raptors-Serie (Säule rechts) würde allein genommen noch unter die Kategorie 10+ 3PM fallen – allerdings bei einer ausbaufähigen Quote von 33,3%. Der Unterschied zur linken roten Säule mit Wert nach der Hawks-Serie ist jedoch erheblich (und macht gleichzeitig deutlich, welche kleinen Sample Sizes die Playoffs nur erzeugen). Allerdings ließ sich dieser Einbruch praktisch vorhersagen, da auf derartige Extremwerte fast immer die Regression zur Mitte erfolgen muss. Wie an der Grafik zu sehen, zieht bereits eine durchschnittliche Leistung die zuvor herausragenden Statistiken der Cavs massiv nach unten.

„shooting solves everything“

Das Problem für die Cavs ist daher, dass ihre Treffsicherheit aus der Distanz in den ersten beiden Runden alle anderen Probleme überdeckt hat. Zach Lowe, der seine Analyse in erster Linie auf die defensiven Probleme ausrichtet, formulierte es als „shooting solves everything“. In anderen Worten: Wer im Schnitt über 16 3P-Würfe bei knapp 50% trifft, kann sonst viel falsch machen und trotzdem gewinnen. Die Cavs erzielten in 7 von 8 Spielen mehr Treffer aus der Distanz als ihre Gegner und hatten nur zwei Mal schlechtere Wurfquoten. Insbesondere die Hawks wurden, auch aufgrund defensiver Probleme, praktisch abgeschossen:

Cavs 3P 12 G

Die Überlegenheit der Cavs in den ersten beiden Runden wie auch der Absturz in den Conference Finals werden auf den ersten Blick deutlich. Erstaunlicherweise benötigten die Raptors selbst keine besonders guten Quoten aus der Distanz, um mit Cleveland mitzuhalten.

Für die nächsten Spiele sind diese Daten allerdings nicht zwingend guten Nachrichten, wenn man Toronto die Daumen drückt: Denn, genau wie zuvor die Spitzenwert, dürften auch die enttäuschenden Zahlen nur eine Momentaufnahme sein. Die Cavs trafen in der Regular Season zumindest 36,3% ihrer Distanzwürfe und sollten diesen Wert dank der größeren Spielanteile von Frye tendenziell übertreffen. Dafür spricht auch, dass die Raptors die schlechten Quoten nur begrenzt als ihren Verdienst ansehen können. Gerade in den letzten beiden Spielen gingen viele offene Würfe der Cavs daneben, die ein Team dieser Qualität normalerweise trifft. Die Raptors waren mit Rang 11 in der Regular Season auch kein exzellentes Defensivteam, das den Einbruch unbedingt erklären könnte.

Für die entscheidenden Duelle ist daher eine Schlüsselfrage, wie sich das Shooting entwickelt. Kehren die Cavs zumindest auf ihr zu erwartendes Niveau zurück, stehen die Raptors vor Problemen. Umgekehrt benötigen insbesondere die Lineups mit Love und Frye diese Treffsicherheit, um andere Schwächen zu überdecken.

Der Biyombo-Effekt

An Alternativen zu Love/Frye scheint es den Cavs allerdings derzeit etwas zu fehlen: Gegen die Raptors zeigt insbesondere Tristan Thompson einige unerwartete Schwächen. Offensiv stellt er praktisch immer einen gewissen Störfaktor dar, den er jedoch meist mit Rebounding und Defense ausgleichen kann. In den Conference Finals hat er jetzt jedoch Gegner gefunden, gegen die seine Stärken relativ wenig zum Tragen kommen. Neben den drive-starken Guards der Raptors ist dafür vor allem Bismack Biyombo verantwortlich. Die ähnlich energiegeladene Spielweise des 2,8 Millionen-Backups egalisiert sich mit der Thompsons, obwohl angesichts der Verletzungsprobleme der Raptors an sich eine Reboundüberlegenheit der Cavs zu erwarten gewesen wäre. Außer Biyombo erhielten mit Patrick Patterson und Luis Scola nur noch zwei weitere Bigs größere Spielanteile, die jeweils nicht für ihre Dominanz an den Brettern bekannt sind. Trotzdem konnten die Raptors nach massiven Schwierigkeiten in Spiel 1 den Kampf um die Rebounds weitgehend offen gestalten und in Spiel 3 sogar deutlich gewinnen:

Cavs Reb 12 G

Verantwortlich für den Raptors-Spitzenwert war insbesondere Biyombo mit seinen 26 Rebounds, davon 8 offensiv. In den beiden Runden zuvor mussten die Cavs lediglich zwei Mal eine Reboundunterlegenheit hinnehmen, die allerdings jeweils im moderaten Bereich von unter 5 blieb. Trotz des überraschenden – und finanziell sicher lukrativen – Aufstiegs von Biyombo kann eine ausgeglichene Rebound-Bilanz für ein Team mit Thompson, Love und James eigentlich nicht das Ziel sein. Insbesondere stellt sich erneut die Frage, wie wertvoll die beiden teuren Starter auf den großen Positionen tatsächlich sind…

Fazit

Auch wenn sich das Momentum der Serie gedreht hat, sollte Cleveland weiterhin Favorit bleiben und letztendlich in die Finals einziehen. In den beiden Heimspielen hatten die Raptors zwar die zentralen Faktoren Rebounding und Shooting auf ihrer Seite – können sich allerdings nur begrenzt darauf verlassen, dass dies so bleibt. Aller Wahrscheinlichkeit nach nähern sich die Cavs wieder ihrer Normalform an, was jeweils eine leichte Überlegenheit bei den Distanzwürfen und an den Brettern bedeuten sollte. Allerdings bleibt zu beachten, dass die Raptors nach 56 Regular Season-Siegen – zu Clevelands 57 (!) – erstmals wirklich in den Playoffs angekommen scheinen.

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

2 comments

  1. Sebastian Seidel

    Guter Artikel.

    Einer der Gründe dafür, dass die Cavaliers in den ersten 10 Spielen fast immer die Rebounddominanz hatten, könnte auch die gute Trefferquote und die deutlichen Ergebnisse sein. Wenig Defensivrebounds für die gegnerische Mannschaft, im Verhältnis deutlich mehr für die Cavaliers.

  2. Julian Lage

    |Author

    Danke und teilweise Zustimmung. Ich würde kleinere Rebound-Unterschiede nie zu hoch hängen, dein Argument in die Richtung ist auch nicht von der Hand zu weisen. Allerdings war das schon teilweise recht deutlich, wie sehr z.B. Drummond und die Pistons von den vielen guten Reboundern bei den Cavs überfordert waren. Jetzt spielen die Raptors mit zwei Stretch Bigs und einem Backup-Center, der letztes Jahr nicht mal sein QO angeboten bekommen hat, und können (bzw. konnten) irgendwie mithalten.
    Heute nacht war es aber wieder sehr eindeutig, auch an den Brettern.


Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben