Oklahoma City Thunder, Playoffs 2016

Die Stache-Brothers

Big-Ball in Zeiten des Small-Balls

Ihre Gemeinsamkeiten sind der prägnante Schnurrbart, ihre Position und die Größe. Ansonsten sind Steven Adams und Enes Kanter in ihrer Spielweise grundverschieden und dennoch sind die beiden Bigmen zurzeit für Thunder-Coach Billy Donovan unverzichtbar. Schon sein Vorgänger Scott Brooks hatte nach dem Trade Kanters nach OKC im Frühjahr 2015 die Kombination Kanter/Adams im Frontcourt ausprobiert, damals vor allem wegen der anhaltenden Verletzungssorgen.

Unter Donovan stand das Duo in der Regular Season dann jedoch kaum noch zusammen auf dem Parkett. Kanter gab die ganze Saison über primär den Backup des Starting-Centers Adams. Auch in der ersten Runde der Playoffs gegen die Mavericks blieb das größtenteils so. Erst gegen die hoch favorisierten San Antonio Spurs entschied sich Donovan, seine beiden Center gemeinsam aufs Feld zu schicken. Mit Erfolg, denn letztlich gewannen die Thunder auch aufgrund der Leistungen der beiden Big Men die Serie in sechs Spielen. Zwei nominelle Center auf dem Feld – das hört man in der heutigen NBA selten und sieht es noch seltener. Small Ball heißt das Gebot der Stunde. So agierten beispielsweise die Miami Heat nach dem Ausfall Hassan Whitesides in der zweiten Runde gegen die Toronto Raptors über weite Strecken ohne einen einzigen Big Man. Und die “Lineup of Death” des Meisters aus Oakland hat inzwischen fast Kultstatus erreicht. Die Thunder dagegen machen genau das Gegenteil und sind damit ebenfalls erfolgreich. Wie kann das sein? 

Warum überhaupt noch Big-Ball? 

Bis vor einigen Jahren war das Spiel der Thunder in der NBA absolut üblich. Die Lakers gewannen 2009 und 2010 die Meisterschaft mit Andrew Bynum und Pau Gasol im Frontcourt, die Celtics ein Jahr zuvor mit Kevin Garnett und Kendrick Perkins. Nachdem schon die Phoenix Suns Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends mit kleinen Aufstellungen experimentiert hatten, begann der Trend mit den Erfolgen der Miami Heat 2012 und 2013 erst so richtig und erreicht zurzeit durch die schon genannte Lineup of Death einen vorläufigen Höhepunkt. Auch von den Thunder wird seit Jahren verlangt, kleiner zu spielen. Kevin Durant solle besser Power Forward spielen, besser sogar der nominelle Center sein, fordern Experten. Doch GM Sam Presti und seine Trainer, erst Brooks, dann Donovan, verweigern sich den Zurufen ebenso beharrlich, wie sie ertönen. Nachdem Presti 2013 mit Adams einen neuen Big gedraftet hatte, tradete er 2015 für einen weiteren: den ehemaligen Top-3-Pick Enes Kanter. Der Preis waren der von Utah sofort entlassene Kendrick Perkins sowie ein Draftpick, der wohl letztlich 2017 den Besitzer wechseln wird. Im Sommer zog der GM dann mit dem Maximalangebot der Blazers gleich und machte Kanter damit zum am drittbesten bezahlten Spieler im Team. 

In der neuen Saison kam Kanter mit der Ausnahme eines Spiels von der Bank. Der unumstrittene Starting-Center war das ganze Jahr lang Steven Adams, auch wegen seiner defensiven Fähigkeiten, die in Oklahoma City seit jeher gerne in der Startformation gesehen sind. Kanter dagegen war schon vor seiner Ankunft im mittleren Westen als wandelndes Sicherheitsrisiko für den eigenen Korb verschrien und die Zweifler sollten zunächst recht behalten. Mit ihm sank das defensive Niveau der Thunder schon in der Saison 14/15 rapide ab. Kanter fehlt oft die laterale Geschwindigkeit und wenn er nach Switches im Pick&Roll gegen einen Ballhandler steht, ist er fast immer hoffnungslos verloren.

Offensiv ist Kanter jedoch als starker Finisher aus Low-Post und Pick&Roll umso potenter; so betrug sein Offensiv-Rating 2015/16 bei einer USG% von 23.4% 123. Für einen 6th-man, der teilweise die komplette offensive Last der zweiten Garde tragen muss, ein starker Wert. Dabei kommt ihm sein ausgeprägtes Gespür für Offensivrebounds zugute. Mit seiner ORB% von 16.7% belegte er NBA-weit unter allen Spielern mit mindestens 500 Minuten Platz 2. Einen ausgeprägten und oft genutzten Midrange-Wurf besitzt Kanter jedoch eher nicht, auch wenn er manchmal den ein oder anderen Dreier einstreut. Adams dagegen war schon immer ein mehr physisch orientierter, defensivstarker Center. Allerdings haben sich seine Finishing-Qualitäten, insbesondere aus dem Pick&Roll, in dieser Saison stark verbessert. Gerade mit Russell Westbrook kamen auch immer wieder spektakuläre Alley-Oop-Plays zustande. 

Da nun klar ist, wo die Stärken und Schwächen der beiden Spieler liegen, ist schnell ersichtlich, dass sie sich hervorragend ergänzen – allerdings eher als Starter und Backup, so wie das von Donovan anfangs auch gehandhabt wurde. Gerade in der immer kleiner werdenden NBA erschien es unvorstellbar, beide Bigs über längere Strecken aufs Feld zu schicken. Zu redundant ist ihr “Arbeitsbereich”, zu langsam die Aufstellung im Vergleich zu den meisten Gegnern. Doch Donovan tat es in der Serie gegen die Spurs und auch in den Conference-Finals gegen die Warriors trotzdem und hatte insbesondere gegen San Antonio damit Erfolg. Wie kann das sein? 

Das besondere Match-Up gegen die Spurs 

Für die Serie gegen die Spurs ist die Erklärung verhältnismäßig einfach: Zwar ist auch das Team von Gregg Popovich in den letzten Jahren kleiner geworden. Die Aufstellungen mit Tim Duncan und David Robinson sind schon lange Geschichte und auch Tiago Splitter wurde letzten Sommer nach Atlanta verschifft. Dennoch lässt Popovich eben nicht den klassischen Small-Ball der Warriors oder Miami Heat der James-Jahre spielen. Seine Big Men hießen in den Playoffs Aldridge, West, Diaw und Duncan. Was haben diese vier Spieler außer ihrer Position gemeinsam? Die Antwort: Alle haben ihren 30. Geburtstag schon hinter sich, bei Tim Duncan steht seit Kurzem sogar eine vier am Anfang der Altersangabe. Das junge Duo Kanter/Adams konnte diesen Front-Court regelrecht überpowern. Eine Tatsache, die sich vor allem bei den Offensivrebounds wiederspiegelt. Mit Kanter und Adams auf der Platte konnten die Thunder in den sechs Spielen der Serie eine ORB% von 45.1% erzielen. Das bedeutet, dass das Team in diesem Zeitraum fast jeden zweiten verfügbaren Offensivrebound greifen konnte. Ein überragender Wert, wenn man sich verdeutlicht, dass die beiden den Wert der Thunder aus der Regular Season, der sowieso schon den NBA-weiten Bestwert darstellte, noch einmal um 14 Prozentpunkte steigern konnten. Auch auf der anderen Seite des Feldes funktionierte die Combo und der Wert der Spurs aus der Regular Season wurde um gut sieben Prozentpunkte gesenkt. Zu dieser Reboundüberlegenheit kam noch die allgemeine offensive Effizienz der beiden. Effiziente 1.29 respektive 1.24 PPP konnten Adams und Kanter während der Serie erzielen. Auch hier zeigt sich die körperliche Überlegenheit der Big Men gegenüber denen der Spurs. 

Zu dieser offensiven Überlegenheit kommt eine weitere Komponente des Erfolgs der Twin-Tower-Lineup: Während Adams, wie schon beschrieben, schon immer ein starker Verteidiger war, der auch nach Switches im Pick&Roll keine Probleme mit kleineren Gegnern hat, war es für Kanter seit dem Trade nach Oklahoma offensichtlich unmöglich, einen Guard vor sich zu halten. Folglich nutzten viele Teams diesen Fakt aus, um die Defense der Thunder zu entblößen; der schlechte Ruf Kanters in Sachen Verteidigung kommt hauptsächlich hiervon.

Denn im one-on-one-Verteidigen eines Post-Ups ist Kanter durchaus brauchbar, was sich insbesondere gegen die Spurs zeigte. LaMarcus Aldridge kühlte z.B. nach seinen guten Leistungen in den ersten beiden Spielen merklich ab; ein Grund dafür ist, dass er es nicht schaffte, gegen den vermeintlich defensivschwachen Kanter effizient zu punkten. Auch David West sah gegen den Türken kaum einen Stich. Die Spurs hätten Kanter nun in das Pick&Roll involvieren müssen. Das taten sie aber nicht und lieferten Donovan so eine Steilvorlage, sie immer und immer wieder mit der Twin-Tower-Aufstellung zu überpowern. Ein Teil des Erfolgs der Stache-Brothers gegen die Spurs ist also auch mit taktischen Fehlern der Spurs zu erklären. 

Conference Finals: eine völlig andere Situation 

Der genauere Einstieg in die Materie hat also gezeigt, dass die Serie gegen die Spurs überspitzt gesagt eine Art “junge, athletische Big Men schlagen alte, unathletische Big Men” war. Nichts wirklich Neues also.

Interessant ist vor allem die Frage, ob sich mit der großen Lineup auch die kleinen Aufstellungen der Warriors wirkungsvoll bekämpfen lassen. Dabei muss das Ziel vor allem sein, zu verhindern, dass diese Aufstellungen überhaupt gespielt werden können, denn damit würde man den Warriors eine ihrer schärfsten Waffen nehmen. Die Gelegenheit zum ultimativen Test bietet sich den Thunder seit Anfang letzter Woche, denn in den hart erarbeiteten Conference-Finals geht es gegen die von Experten zum “besten Team aller Zeiten” ausgerufenen Warriors. Während Kanter in zwei der drei Regular-Season-Spiele kaum eine Rolle spielte, konnte er im dritten Spiel 14 Punkte und 15 Rebounds (davon 4 ORBs) erzielen. Donovan “versteckte” ihn damals in der Defense gegen Shaun Livingston, sodass es für die Warriors schwer wurde, ihn in Pick&Rolls zu verwickeln. In den Conference Finals versuchte Steve Kerrs Team jedoch genau diese Strategie. Hier ein Beispiel aus Spiel eins: Curry sucht ein schnelles Pick&Roll mit Kanters Gegenspieler, in diesem Fall Draymond Green. 

CurryKanter1

Nach dem Switch steht Curry gegen Kanter. Der muss Platz lassen, um vom viel schnelleren Curry nicht vollständig überrannt zu werden, und diesen Abstand nutzt Curry für einen seiner patentierten weit-hinter-der-Linie-Dreier, den er natürlich versenkt. 

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Auch wenn in dieser Szene Kanter nicht zusammen mit Adams spielte, so zeigt sie doch das Hauptproblem seiner Anwesenheit auf dem Court: Die Defense besitzt mit ihm eine entscheidende Schwachstelle, die Curry und Co. gnadenlos angreifen und ausnutzen. In einem bestimmten Fall wäre dies jedoch verschmerzbar, zumal Kanter, wie schon ausgeführt, durch einige Kniffe auch einigermaßen versteckt werden kann: Wenn die Lineup offensiv funktioniert und vor allem eine absolut klare Rebound-Überlegenheit besitzt. Damit kann Donovan Kerr nämlich zwingen, auf größere Aufstellungen zurückzugreifen und auf die gefürchtete “Lineup of Death” zu verzichten. Während dies in Spiel 1, das die Thunder bekanntermaßen gewannen, noch einigermaßen leidlich gelang (10 zu 8 Offensivrebounds, 52 zu 44 Rebounds insgesamt), hatten die Warriors in Spiel 2 plötzlich selbst die Reboundüberlegenheit, obwohl auch in diesem Spiel Kanter und Adams gleichzeitig ran durften. Bei der Niederlage zeigte sich jedoch auch Kanters Defensivschwäche sehr stark, weswegen er insgesamt nur 15 Minuten bekam (Adams erhielt 36). Spiel zwei war somit für die große Taktik der Thunder ein Rückschlag: weder konnte man die Reboundhoheit erreichen, noch Kanter in der Defense verstecken und seine offensiven Skills nutzen. 

Big Ball: Wirklich die Lösung gegen kleine Lineups? 

Die Serie Golden State Warriors vs. Oklahoma City Thunder steht nun nach den zwei Spielen in Oakland unentschieden. Im ersten Spiel, dem Sieg, ging die Taktik der Thunder, die Warriors an den Brettern zu überpowern und gleichzeitig die offensive Potenz des Center-Pärchens zu nutzen, auf. In Spiel zwei nicht. Zwei Spiele sind nun eine sehr kleine Sample-Size, auf deren Grundlage kaum auf die weitere Entwicklung geschlossen werden kann, jedenfalls nicht nur auf dieser Basis. Zudem ist es schwierig, diese spezielle Lineup der Stache Brothers auf große Aufstellungen mit zwei “echten” Big Men zu verallgemeinern. Dafür ist Kanters Defense zu schlecht. Dennoch ist es interessant zu sehen, ob die Thunder mit zwei non-stretch-Bigs mit ausgeprägtem Brett-Scoring und Rebounding gegen die kleinen und flexiblen Aufstellungen der Warriors erfolgreich sein können. Wenn ja, könnte dieses Modell, vielleicht mit zwei gleichermaßen defensivstarken Partnern, Schule machen, um den Ultra-Small-Trend zu stoppen.

Dennoch bleiben einige Fragezeichen. Kanters Pick&Roll-Defense macht Sorgen und auch, dass die Thunder im letzten Spiel das Rebound-Duell eben nicht gewannen. Hier ist Coach Donovan gefordert, die richtigen Schlüsse zu ziehen und das Vorgehen seines Teams anzupassen. In der Serie gegen die Spurs gelangen dem Thunder-Coach diese Adjustements. Sollte er das wieder schaffen und die Serie schlussendlich gewinnen, hätte er die taktische Diskussion in der NBA um eine Facette reicher gemacht – mit einem Mittel, das letztlich aus dem vorigen Jahrtausend stammt. 

Alle Statistiken und Screenshots via Basketball-Reference, NBAwowy und stats.nba

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