Miami Heat, Toronto Raptors

Toronto-Miami vor Spiel 7

Welchen Verlauf die Serie ohne Whiteside und Valanciunas nimmt

Sonntag um 21:30 Uhr ist es wieder so weit: Spiel 7. Ein magisches Wort, bei dem in jedem Basketball-Fan Vorfreude und Anspannung ansteigen. Spiele, in denen Legenden geboren werden. Die Serie zwischen den Toronto Raptors und Miami Heat hatte auch nichts weniger verdient – es handelt sich um eine der engsten und spannendsten der letzten Jahre. Drei Spiele gingen in die Overtime, insgesamt steht der Punktestand in der Serie mit 573 zu 561 hauchdünn für Miami. Beiden Teams fehlt wohl mittlerweile auch die Kraft, um noch deutliche Erfolge einzufahren; beiden steckt schon eine harte 7-Spiele-Serie aus der ersten Runde in den Knochen, zudem müssen beide auf ihre stark aufspielenden Big Men verzichten. Jonas Valanciunas und Hassan Whiteside verpassten die Spiele 4, 5 und 6, und werden auch das entscheidende Spiel 7 von der Bank verfolgen müssen. Grund genug, zu analysieren, wie die beiden Teams den Ausfall der Center weggesteckt haben – und wer in Spiel 7 mit seiner Taktik die Nase vorn haben wird.

Unter dem Strich steht ohne die Big Men ein Sieg für die Raptors in Toronto sowie zwei für die Heat in Miami – also ein leichter Vorteil für die Heat. Dennoch lohnt ein etwas genauerer Blick, wie diese zustande gekommen sind. Generell gilt es dabei, Spiel 4 ein wenig auszuklammern: beide Teams mussten sich noch auf die veränderte Situation einstellen und hielten sich Adjustments zurück. Letztlich entschied Dwyane Wade mit einer grandiosen Einzelleistung (30 Punkte) das Spiel. Besonders die Spiel 5+6 sollten daher im Zentrum der Beobachtung stehen.

Konservatives Toronto

Zunächst noch ein kurzer Blick auf die Produktion der beiden Center: Jonas Valanciunas legte in 3 Spielen gegen die Heat 18,2 Punkte und 12,7 Rebounds pro Spiel auf. Dazu kommt er auf ein O-Rtg von 123 – mit Abstand Spitzenwert bei den Raptors. Hassan Whitesides Produktion (9,3 Punkte / 9,7 Rebounds pro Spiel) ist im Vergleich zur ersten Runde etwas gesunken. Trotzdem legt er dominante Advanced Stats auf, bspw ein O-Rtg von 119. Die beiden eins zu eins zu ersetzen wird für beide Teams daher schwer bis unmöglich. Gefragt ist die Kreativität der Coaches. Erkennen kann man diese jedoch bisher nur bei einem: Heat-Coach Erik Spoelstra.

Dwayne Casey auf Seiten der Raptors hielt sich mit Adjustments bisher zurück. Valanciunas’ Minuten strich beinahe komplett Bismack Byombo ein – und das mit einigem Erfolg. Biyombo legte in den letzten drei  Spielen 9,0 Punkte, 10,7 Rebounds und 2,7 Blocks auf. Defensiv ist er der Aufgabe mehr als gewachsen und beschützt den Ring vorbildlich. Er ist ein Grund dafür, dass die Heat in dieser Serie weiterhin vor allem aus der Mitteldistanz erfolgreich sein müssen. Offensiv verwertet er Durchstecker und Offensiv-Rebounds. Interessant wird die Sache, wenn Biyombo auf der Bank Platz nimmt: dem Ultra-Small-Ball-Trend der Heat verweigert sich Casey beinahe komplett. Anstatt eine unkonventionelle Lineup ohne echten Big Man zu spielen, vertraut er lieber Lucas Nougueira und Jason Thompson, Spieler vom hinteren Ende der Bank. Nur in der Schlussphase von Spiel 5 sah man kurzfristig eine Lineup mit Joseph-Lowry-Ross-Carroll-Patterson auf dem Feld. Wirklich wohl scheint sich Casey damit aber nicht zu fühlen. 

Anstatt also sein Konzept über den Haufen zu werfen, setzt er auf kleinere Anpassungen, die besonders einem Ziel dienen: seine Stars endlich besser ins Spiel zu bringen. Damit hatte Toronto auch durchaus Erfolg. In Spiel 4 laborierten beide noch an altbekannten Problemen; in der Folge schafften es die Raptors deutlich besser, ihre Stärken auszuspielen. Sowohl Lowrys (25,5 Punkte, 40,3% FG) als auch DeRozans (28,5 Punkte, 44,1% FG) Zahlen lesen sich in den letzten Spielen ohne Whiteside deutlich verbessert. Sie profitieren davon, deutlich ungestörter in der Zone abschließen zu können. Coach Casey setzt daher verstärkt auf Offensiv-Sets, die Lowry & DeRozan in Positionen bringen, in denen sie den Korb attackieren können.

Zu sehen ist das etwa in diesem Play:

7 c

Kyle Lowry stellt einen Screen für Bismack Biyombo.

7 d

DeMar DeRozan und Bismack Byombo spielen das Pick-and-Roll. Lowry wartet am Zonenrand.

7 e

Miami switcht das Pick-and-Roll. Lowry stellt einen Screen in den Rücken von Josh McRoberts. DeRozan hat freie Bahn zum Korb und kann mit Tempo attackieren.

Auch wenn DeRozan hier schlussendlich zum Mitteldistanzwurf hochgeht: Er hatte die Möglichkeit, mit Dampf zum Korb zu ziehen, ein wirklicher Rim-Protector war nicht in der Zone. So gelingt es ihm viel besser, eine seiner großen Stärken einzusetzen: Freiwürfe ziehen. In den Spielen 1-4 stand er bei gerade einmal 14/26 FT, in den letzten beiden sind es 18/18.

Hier ein weiteres Beispiel, welche Probleme die Heat ohne Whiteside haben, das Pick-and-Roll zu verteidigen.

7 a

DeMar DeRozan und Jason Thompson spielen Pick-and-Roll. Luol Deng kämpft sich über den Screen. Udonis Haslem switcht nicht und geht auch nicht aggressiv genug heraus, da es ihm an lateraler Geschwindigkeit fehlt.

7 b

DeRozan kann Haslem mit Tempo aus dem Dribbling attackieren. Deng kann ihn erst am Zonenrand stoppen. DeRozan kommt in der Zone zum Abschluss, Thompson steht für den Offensiv-Rebound bereit.

Ohne Whiteside gelang es Toronto besonders in Spiel 5 ihre Stärken deutlich besser (und einfacher) auszuspielen – größere Anpassungen waren nicht vonnöten. Anders sah das bei den Heat aus: Erik Spoelstra erkannte die oben beschriebenen Schwächen der Heat und reagierte im Laufe von Spiel 5.

Klein, Kleiner, Miami

Zunächst entschieden sich die Heat für einen konventionellen Ansatz: Amare Stoudemire rückte in den Spielen 4+5 für Hassan Whiteside in die Starting Five. Sein Input war allerdings begrenzt: Er spielte nur 12 beziehungsweise 3 Minuten und kassierte in Spiel 6 ein DNP. Weitere Experimente mit Udonis Haslem schlugen ebenfalls fehl. Diese beiden Spieler werden wohl auch in Spiel 7 keine Rolle mehr spielen. In der Defense haben sie große Probleme: weder verfügen sie über Rim-Protection-Fähigkeiten, noch über schnelle Füße, um das Pick-and-Roll aggressiv zu verteidigen. Auch vorne geht mit Ausnahme des Highpost-Jumpers kaum etwas. Der Small-Ball-Ansatz der Heat ist somit ein Stück weit aus der Not geboren: anders als die Raptors mit Biyombo haben sie schlicht kein geeignetes Personal mehr auf der Bank. In der Folge griff Josh McRoberts die meisten Minuten auf der Center-Position ab. Die zweite Halbzeit von Spiel 5 bestritt Miami dann erstmals mit einer extrem kleinen Aufstellung.  In Spiel 6 folgte dann der Paukenschlag: Justise Winslow startete neben Luol Deng im Frontcourt und spielte 26 Minuten. In Spiel 6 hatte er von der Bank sogar 33 Minuten gesehen, nachdem er zuvor sogar ein DNP kassiert hatte. Mit diesem Personal (McRoberts, Winslow, Deng) wird Miami auch in Spiel 7 gehen – welche Vorteile und Nachteile hat das?

Smallball in der Defensive

Defensiv können die Heat somit viel variabler spielen: Winslow und Deng können in den allermeisten Fällen das Pick-and-Roll switchen und auch vor einem Guard bleiben. Die Heat müssen so deutlich weniger rotieren und können mehr Druck am Ball entfachen. Die ganz aggressiven Defensiv-Schemata mit konsequentem Doppeln des Ballführers gab es bisher noch nicht zu sehen: Im Pick-and-Roll wird meist ein einfaches Hedge gespielt oder gleich geswitcht. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Raptors schlicht zu ballsicher sind: In der Serie spielen sie bisher nur 11,3 TO/Spiel, in den letzten beiden Partien gar nur 8,5 TO/Spiel. Außerdem wäre ein aggressives Doppeln am Perimeter auf Dauer wohl zu anstrengend. In Extrem-Situationen in Spiel 7 bleibt dies jedoch ein Pfeil in Erik Spoelstras Köcher. Dadurch dass Winslow auf Center rutscht, wird auf dem Flügel ein Platz in der Rotation frei: Diesen besetzt zurzeit Tyler Johnson. Der Rookie, der die zweite Saisonhälfte mit einer Schulterverletzung verpasste, wird in Spiel 7 aber maximal eine marginale Rolle spielen.

Wie oben bereits beschrieben, hat die kleine Defensiv-Aufstellung der Heat Probleme, Lowrys und DeRozans Penetration zu verhindern. Besser sieht es bei zwei Situationen aus, in denen man eigentlich Probleme erwarten könnte: Post-Ups und Rebounding. Die Post-Ups sind schnell erklärt: Biyombo besitzt dort keinerlei nennenswerte Fähigkeiten und kann auch das Mismatch gegen Winslow dort nicht nutzen. Deutlich überraschender ist aber, dass Miami in den Spielen ohne Whiteside das Rebounding-Duell gewonnen hat – insgesamt mit 124 zu 121. Das Heat-Team arbeitet durch die Bank hervorragend an den Brettern. Dennoch werden die Rebounds ein Schlüssel-Faktor für Spiel 7 sein.

Und die Offense?

Offensiv macht sich die Lineup-Umstellung deutlich stärker bemerkbar. Miami spielt mit fünf Spielern außen und schafft so Platz in der Zone. Biyombo bekommt es dabei mit Winslow zu tun. Auf diesem Bild sieht man ein Post-up von Luol Deng: Biyombo steht weit davon entfernt, außerhalb der Zone, da er seinen Mann an der Dreierlinie im Auge behalten muss. Gerade bei Miamis schwachem Spacing in dieser Situation eigentlich vollkommen unnötig.

7 f

In Spiel 6 konnte Biyombo die Zone nicht so beschützen wie gewohnt. Auch hier bietet sich eine potentiell interessante Frage für Spiel 7: Respektieren die Raptors Winslow? Biyombo könnte etwa bewusst in die Zone absinken und seinen Gegenspieler ungedeckt zum Dreier einladen. In Spiel 6 traf er immerhin seinen einzigen Versuch von Downtown, bewegte sich klug und war einige Male aus der Mitteldistanz erfolgreich. Doch trotz aller guten Leistungen: Winslow bleibt ein Rookie, der bisher in der Postseason 20% 3FG schießt. Kann er Biyombos Absinken nicht bestrafen, sind die Vorteile der kleinen Heat-Aufstellung dahin. Diese lebt davon, dass auf den großen Positionen Schützen stehen, die das Feld weit machen. Umso bitterer sind daher die Probleme von Luol Deng: der bisher in den Playoffs brandheiße Flügel laboriert an einer Handgelenksverletzung und steht in den letzten drei Partien bei 1/13 FG! Die Heat werden Offense von den großen Positionen brauchen…

Diese eröffnet nämlich anderen Spielern Raum. Halbzeit 1 von Spiel 6 war mit 53 Punkten auch gleich die beste offensive Halbzeit der Serie. Größter Nutznießer: Goran Dragic. Der Dragon erzielte 30 Punkte bei 12/21 FG. Dank der kleinen Aufstellung hat er endlich den Platz, um mit seiner Penetration die Defense in Unordnung zu bringen. Dieses Play zeigt, wie die Heat ihm mit kluger Bewegung und Spacing Drives ermöglichen:

7 g

Nach einem Einwurf erhält Dwyane Wade den Ball. Luol Deng schneidet nach dem Einwurf zum Korb. Justise Winslow stellt einen Screen für Goran Dragic.

7 h

Dragic erhält den Ball und penetriert zum Korb, Winslow rollt zur Dreierlinie. Biyombo (achtet auf seine Position im Vergleich zum vorherigen Bild) bewegt sich einen Schritt auf Winslow zu.

7 i

Dragic penetriert tief in die Zone und kann mit seiner starken linken Hand abschließen. Biyombo ist out-of-position und kann den Layup nicht mehr verhindern. In der Zone befinden sich ansonsten nur Cory Joseph (hinter Dragic) und DeMar DeRozan (kein Shotblocker).

Neben Goran Dragic freuen sich auch die Schützen über mehr Platz. Die Zahlen lassen erst einmal keinen großen Sprung erkennen: Spiel 4 war mit 1/15 3FG gar eine der schwächsten Wurfleistungen der Saison. In Spiel 5+6 traf das Team dann ordentliche 13/41 Dreier (31,7%). In den ersten drei Spielen waren es 17/35 gewesen (48,5%) – die Quoten sind also sogar gesunken. Auffällig sind allerdings die Unterschiede im Team: Spieler wie Dwyane Wade (8/16), Goran Dragic (9/20) oder Josh Richardson (6/15) treffen den Dreier gut. Große Probleme haben dagegen Joe Johnson (2/19!) und Luol Deng (4/15). In den Partien ohne Whiteside stehen die beiden bei 2/16 3FG. Der Eye-Test zeigt, dass die Abschlüsse der Heat von Downtown durch die Small-Ball-Umstellung besser geworden sind: Das Team (insbesondere Johnson und Deng) musn sie nur verwerten. Wurfglück kann in Spiel 7 zum entscheidenden Faktor werden. Das Spieltempo erhöhten die Heat dabei trotz der kleinen Aufstellung übrigens nur marginal: In den letzten beiden Partien gelangen nur jeweils 5 Fastbreak-Punkte.

Fazit

Spiel 7 wird ohne Zweifel eines der heißesten Spiele des Jahres werden. Einige offene Fragen, personeller wie taktischer Natur, sind noch zu klären. Außer Frage steht, dass Miami zu Beginn wieder auf Small-Ball setzen und Toronto anfangs etwas konventioneller dagegen halten wird. Hier einige der taktischen Optionen, die einen Einfluss aufs Spiel nehmen könnten:

a) Sorgen Miamis „Big-Men“ Deng und Winslow für genügend Spacing und Offense? Oder kann Biyombo ungestraft absinken und die Zone beschützen?

b) Spielt Toronto weiterhin lieber mit Borderline-NBA-Spielern auf der 5 oder gehen sie die Small-Ball-Variante mit?

c) Schafft Miami es weiterhin, das Rebound-Duell ausgeglichen zu gestalten?

d) Nutzt Miami die Möglichkeit, extrem aggressive Trap-Defense zu spielen?

Wofür auch immer sich die Coaches entscheiden, die Fans dürfen sich auf ein hochinteressantes Spiel freuen. Dwayne Casey hat auf dem Papier allein personell mehr Optionen zur Verfügung. Erik Spoelstra scheint taktisch jedoch etwas kreativer/mutiger zu sein. Und: Neben aller Taktik sind natürlich auch große Einzelspieler am Werk. Auf Seiten der Raptors etwa das wiedererstarkte Duo Lowry & DeRozan. Miami dagegen verlässt sich auf weitere starke Performances von „Father Prime“ Dwyane Wade, der seit der Whiteside-Verletzung pro Spiel 24,0 Punkte bei 45,7% FG auflegt. In den Nebenrollen befinden sich dann noch Spieler wie Goran Dragic oder Championship-erfahrene Haudegen wie Cory Joseph. Dazu kommen noch die frenetischen Fans, die das Air Canada Center in ein Tollhaus verwandeln werden – die Voraussetzungen für ein großes Spiel sind gegeben.

Einen Favoriten auszumachen, ist schwer. Die zweite Halbzeit von Spiel 5 und das Spiel 6 lassen leichte Vorteile für Miami erkennen. Die Small-Ball-Lineup hat die Offense reanimiert, das Team ist zudem erfahrener. Toronto hält mit der Statistik dagegen: in 3/4 der Fälle setzt sich das Heimteam in Spiel 7 durch. Lassen wir uns überraschen.

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