Playoffs 2016

A Game of Chess

Wie die Hornets die Serie gegen die Heat ausgleichen konnten

„Heat-Hornets dürfte dann auch recht schnell vorbei gehen.“

22.04.2016, 11:49 Uhr, Zitat aus der redaktionsinternen Korrespondenz. Dringendes Memo: Wette in den Playoffs niemals gegen einen der besten Coaches der Association. Und um genau so einen handelt es sich bei Steve Clifford. Mit einigen klugen Adjustements schaffte es der Coach der Charlotte Hornets, sein Team wieder in die Spur zu bringen und zwei überlebenswichtige Heimsiege einzufahren. Schauen wir uns also einmal genauer an, was Charlotte zuhause anders (und besser) machte als in den ersten beiden Partien.

Zunächst lohnt ein Blick auf einige Statistiken, die ins Auge fallen. Die Produktion von Hassan Whiteside, den wir als den Schlüssel für die beiden Heat-Siege zu Beginn der Serie ausgemacht hatten: In den ersten beiden Partien dominierte er mit 14 PPG und 12 RPG, dazu kam die surreale Wurfquote von 17/19 FG. In den Spielen 3 und 4 sanken seine Werte auf 10,5 PPG, 12,5 RPG bei einer Wurfquote von 6/11 FG. Whitesides Einfluss in der Zone war also deutlich geringer; besonders die 5,5 Würfe/Spiel in den letzten beiden Partien erscheinen extrem wenig. Das schlug sich auch in den Teampunkten in der Zone nieder: In Miami dominierten die Heat (102 zu 84), in heimischer Halle schlugen die Hornets zurück (96 zu 58). Miami, das drittschlechteste Dreierteam der Regular Season, wird also daran gehindert, in der Zone zu punkten – klingt nach einem Erfolgsrezept! Aber wie schafften die Hornets es, die Heat aus der Zone herauszuhalten?

Die Defense

Schlüsselspieler der Heat in der Zone bleibt Hassan Whiteside. Charlotte konzentrierte sich daher darauf, ihn unter keinen Umständen als Abroller den Ball tief in der Zone erhalten zu lassen. Möglich machte das ein bemerkenswerter Personalwechsel.

„Die Hoffnungen der Hornets ruhen also auf einem Rookie und einem Spieler, der in dieser Saison 6 Punkte/Spiel erzielt hat.“

Ein Zitat aus unserem letzten Artikel aus dieser Serie. Anscheinend hat Steve Clifford ihn gelesen. Denn in Game 3 krempelte er seine Starting Five und seine Rotation mal eben komplett auf links, wobei die beiden oben angesprochenen gewichtige Rollen spielten. Spencer Hawes bildete mit Cody Zeller das Big-Men-Pärchen von der Bank; Frank Kaminsky rückte gemeinsam mit Al Jefferson in die Starting 5. Zur Einordnung, wie mutig (oder verzweifelt) dieser Move war: Kaminsky ist Rookie und hatte zuvor noch nicht einen einzigen Wurf in der Serie getroffen! In Spiel 3 wurde er zum Matchwinner.

Der Gedanke dahinter ist recht simpel: Kaminsky (2,16m) und Hawes (2,13m) sind groß genug, um Hassan Whiteside nach dem Abrollen vom Korb weg zu halten. Dazu können die beiden vorne in der Theorie als Stretch 4 agieren. Marvin Williams stellt sich in dieser Serie dort nicht wirklich gut an (6/31 FG bisher!) und wird nach Batums Ausfall sowieso als Small Forward gebraucht.

Dieses Play verdeutlicht sehr schön, wie tief die Hornets in Spiel 3 in die Zone absanken und wie sehr sich besonders Kaminsky auf den abrollenden Whiteside stürzte.

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Joe Johnson geht ins Pick-and-Roll mit Hassan Whiteside. Frank Kaminsky ist Gegenspieler Dorrell Wright zugeordnet.

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Kaminsky stoppt den abrollenden Whiteside enorm früh, noch fast auf Höhe der Freiwurflinie! Den freien Eckendreier von Wright nehmen die Hornets in Kauf…

Hier noch zwei Bilder, die den enormen Fokus der Hornets-Defense auf Whiteside illustrieren:

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Hassan Whiteside geht ins Post-up. Al Jefferson drückt ihn vom Korb weg, alle vier anderen Hornets-Verteidiger stehen in der Zone. Wade und sogar Goran Dragic werden an der Dreierlinie völlig ignoriert.

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Luol Deng postet Courtney Lee auf. Obwohl Hassan Whiteside mit dem Play vordergründig überhaupt nichts zu tun hat, wird er von gleich zwei Verteidigern gedeckt. Frank Kaminsky sinkt auf der Weakside ab stellt sich ihm einfach in den Weg, um ihn vom Brett fern zu halten.

Mit dieser Taktik schafften es die Hornets, Whiteside zu einem offensiven Non-Faktor zu machen. 5 bzw. 6 Würfe nahm er in den letzten beiden Spielen – und darunter waren noch einige Tip-Ins!

Die Schattenseiten dieser Verteidigung liegen jedoch ebenfalls auf der Hand: Den Schützen der Heat bietet sich viel Raum. Hier kommt Charlotte zugute, dass sich einige Non-Shooter in der Aufstellung der Heat befinden: Dwyane Wade etwa, aber besonders Justise Winslow. Der Rookie steht bisher bei 2/11 3FG und tat seinem Team besonders in Spiel 4 weh, da ihn die Verteidigung nicht respektierte. Charlotte ließ so Kaminsky gegen ihn verteidigen, der extrem weit absank und sich auf Whiteside konzentrierte. Hier ist das Heat-Team gefordert, bessere Lösungen zu finden: Winslow muss etwa mehr mit Cuts die Defense binden – wie er es im Schlussviertel von Spiel 4 bereits getan hat. Zudem sah sich Erik Spoelstra auf der Bank nach Alternativen um: Dorell Wright (0/1 3FG) und Gerald Green (1/2 3FG) sahen in Spiel 4 früh Minuten.

Auf den oberen Bildern wird jedoch deutlich, dass Charlotte nicht nur Dreier von Wade und Winslow in Kauf nimmt. Sogar Goran Dragic wird teilweise vollkommen ungedeckt an der Dreierlinie gelassen. Diese Taktik nutzte bisher vor allem Luol Deng mit bisher 52%  (13/25) von Downtown. Kaminsky ist einfach nicht schnell genug, um gleichzeitig die Zone und Deng an der Dreierlinie zu decken.

So wird Miami gezwungen, mehr Dreier zu nehmen, als ihnen lieb sein kann. Bisher sind es 21,2 3FGA in der Serie, verglichen mit 18,0 3FGA in der Regular Season. Die Quote ist zwar auch deutlich besser (42,4% zu 33,6%), im Sinne des Heat-Matchplans ist das aber nicht.

Und die Offense?

Erinnern wir uns daran: Charlotte verhinderte in den beiden Heimspielen nicht nur Miamis Punkte in der Zone, sie erzielten auch selbst deutlich mehr. Generell zeichnete sich die Offense durch deutlich mehr Bewegung aus; zusätzlich machte Charlotte sich die Fähigkeiten der „neuen“ Big-Men-Rotation zunutze.

Recht häufig liefen die Hornets Pick-and-Roll- und Horns-Sets, in denen Hawes/Kaminsky nach außen poppte während Zeller/Jefferson zum Korb rollte.

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Kemba Walker spielt Pick-and-Roll mit Cody Zeller. Frank Kamisnky wartet in der Zone. Die Flügelpositionen besetzen mit Jeremy Lin und Courtney Lee zwei solide Schützen.

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Walker attackiert die Zone, Kaminsky stellt einen Back-Screen für Zeller. Auffällig: Justise Winslow und Joe Johnson sinken weit ab und stellen die Zone zu.

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Kaminsky poppt zur Dreierlinie und wird dort angespielt. Winslow hat keine Chance, aus seiner tiefen Position rechtzeitig nach draußen zu rotieren.

Aus diesen Spielzügen wurden recht häufig freie Dreier herausgespielt. Das kann jedoch noch nicht alles gewesen sein; vor allem da die Personalwechsel mitnichten den Dreier zu einer Waffe machten. Kaminsky (0/4) und Hawes (0/1) haben in den letzten beiden Partien beide keinen Dreier versenkt. Ein Vorteil, der dennoch besteht, ist die Größe; besonders Kaminsky ist groß und beweglich genug, um einen kleineren Gegenspieler auch per Drive zu überpowern. In Spiel 3 stellte Erik Spoelstra teilweise sogar Dwyane Wade gegen ihn. Nach anfänglichen Schwierigkeiten spielte Kaminsky seine Größenvorteile aus und trug maßgeblich zum vorentscheidenden Run der Hornets bei.

Es gab jedoch noch weitere Adjustments zu verzeichnen: Charlotte attackierte Whiteside ab Spiel 2 in der Offensive viel direkter. Dieser konnte so weniger stark von der Weakside aushelfen. Außerdem brachten die Hornets ihn so in Foultrouble, was sich in der Regel sofort bemerkbar macht: Whitesides D-Rtg (96) ist in dieser Serie eine Klasse besser als das des gesamten Teams (111) und unterstreicht seine Wichtigkeit. Ohne ihn fehlt es Miami an Rim-Protection – das nutzen die schnellen Guards der Hornets aus. Kemba Walker und vor allem Jeremy Lin (19,5 PPG in Spiel 3+4) attackierten immer wieder mit Tempo die Heat-Zone. Das Resultat waren Fouls von Whiteside oder einfache Layups, wenn dieser auf der Bank saß. Generell sind die aggressiven Drives so etwas wie die Lebensversicherung der Hornets in dieser Serie: Charlotte kommt in der Serie bisher auf 122 Freiwürfe – über 30 pro Spiel! Ihr FTA/FGA Verhältnis (31,7%) ist deutlich besser als das der Heat (21,2%). Bei den verwandelten Freiwürfen steht das Verhältnis 101 zu 67 für die Hornets – das sind pro Spiel über 8 Punkte extra im Schnitt…

Hier ein Beispiel, wie Charlotte es schafft, Jeremy Lin mit Tempo zum (ungeschützten) Korb ziehen zu lassen:

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Spencer Hawes erhält den Ball am High-Post. Verteidigt wird er von Amare Stoudemire, Hassan Whiteside sitzt mit Foulproblemen auf der Bank. Die Zone ist ausnahmsweise nicht von Heat-Verteidigern besetzt.

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Hawes spielt einen Handoff mit Lin und poppt nach draußen. Stoudemire muss seinen Wurf respektieren und folgt ihm nach draußen. Lin hat so freie Bahn, um mit Tempo zum Korb zu ziehen – And-1! Zusätzlich hat Cody Zeller gegen einen kleineren Gegenspieler eine exzellente Rebound-Position.

Zu guter Letzt muss man noch festhalten, dass die Execution der Hornets besser geworden ist: Die Spieler standen viel besser auf ihren Spots, die Defense wurde durch deutlich mehr Bewegung beschäftigt. Exemplarisch dafür steht dieses wunderschöne Play der Hornets aus Spiel 4:

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Courtney Lee stellt einen Pick für Kemba Walker…

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..und orientiert sich auf den Flügel. Direkt im Anschluss setzt Al Jefferson ebenfalls einen Screen. Zeitgleich setzt Frank Kaminsky einen Off-Ball-Screen für Marvin Williams.

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Walker penetriert nach dem Doppel-Screen in die Zone, Lee, Williams und Kaminsky laufen auf ihre Positionen, um das Feld zu spacen. Jefferson rollt zum Korb, wo er den Ball erhält.

Plays wie diese sind für Miamis Defense unheimlich schwer zu verteidigen. Den Hornets bieten sich nicht weniger als vier verschiedene Ausstiege: Drive Walker, Anspiel auf Jefferson und Spot-up Dreier für Lee oder Williams. Dazu hat man mit Kaminsky noch einen Spieler am Zonenrand, der dank seiner Größenvorteile gute Chancen auf einen Offensivrebound hat. Alle fünf Spieler bewegen sich also, sind gefährlich und in den Angriff involviert. Mit einer derart verbesserten Offense schafften es die Hornets viel besser, Spacing zu generieren. Denn – das darf nicht unter den Tisch fallen – von draußen bleiben die Hornets aber mal sowas von eiskalt: 23,5% schießt das Team in dieser Serie von Downtown! Miami trifft fast 20% besser. Dabei waren die Hornets in der Regular Season noch das Team mit den drittmeisten Treffern von draußen.

Auch in den beiden überzeugenden Siegen waren die Trefferquoten übrigens überschaubar: 5/18 3FG in Spiel 3, 4/17 3FG in Spiel 4. Es scheint zu einer Paradoxie der Serie zu werden: die Dreierquote der beiden Teams sagt nur sehr bedingt etwas über die Qualität ihre Offense und ihres Spacings aus.

Ausblick auf Spiel 5

Was können wir davon für die nächsten zwei oder drei Spiele mitnehmen? Hat Charlotte die Serie gedreht? Oder hat Erik Spoelstra noch einen Pfeil im Köcher? Wahrscheinlich ist ein Mittelding davon wahr. Miami muss Änderungen vornehmen: Vielleicht sind es mehr Minuten für Gerald Green und Dorell Wright, vielleicht eine verkleinerte Rolle für Justise Winslow, vielleicht rutscht Amare Stoudemire zugunsten einer Ultra-Small-Ball Lineup aus der Rotation. Die Heat sollten aber nicht vergessen, sich auf ihre Stärken zu besinnen: Schließlich waren sie in Spiel 4 nicht allzu weit von einer vorentscheidenden 3-1 Führung in der Serie entfernt. Und gerade in einer Phase, in der man sich auf altbekannte Heat-Tugenden (aggressive Trap-Defense) konzentrierte, schaffte man es, das Spiel fast wieder auszugleichen.

Auf der anderen Seite hat auch Steve Clifford noch Sorgen: Nicholas Batum fällt vorerst weiterhin aus, in Spiel 4 spielte das Team mit einer 8-Mann-Rotation. Das Team geht langsam aber sicher auf dem Zahnfleisch. Dazu hat man nur einen Tag Pause bis zum nächsten Spiel. Die Bank, bestehend aus Jeremy Lamb, Tyler Hansbrough, Troy Daniels, Aaron Harrison und Jorge Guttierez (Who?) macht nicht den Eindruck, als könnte sie dem Team etwas geben. Zudem bleiben die Probleme der Schützen – eine gute Shooting-Performance in Miami könnte dem Team enorm helfen, verlassen darf man sich darauf aber nicht.

Wahrscheinlich werden beide Coaches daher nur kleinere Veränderungen vornehmen. Darauf wetten sollte man darauf nicht – schließlich stehen sich mit Steve Clifford und Erik Spoelstra zwei Coaches gegenüber, die das Schachspiel Playoffs perfekt beherrschen…

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