Cleveland Cavaliers

Andre Drummond, die Cavs und die Rebounds

Ein statistischer Blick auf das Rebounding in der Playoffserie Cleveland-Detroit

Besonders auffällig waren die Zahlen in Spiel 3: In LeBron James (13), Kevin Love (12) und Tristan Thompson (10) erreichten drei Cavs zweistellige Rebound-Zahlen, bei den Pistons – keiner. Auch Elite-Rebounder Andre Drummond blieb bei insgesamt 7 eingesammelten Abprallern stehen, so dass sich die aus Pistons-Sicht ziemlich ernüchternde Gesamtbilanz auf 46 zu 32 beläuft. Besonders Thompsons 8 offensive Boards sind erstaunlich, vor allem, wenn man bedenkt, dass Drummond als sein häufigster direkter Gegenspieler offiziell 2 Inches und über 40 lbs. Vorteil aufweist.

Wie hier schon angesprochen, sorgt Drummonds schwache Serie für Folgeprobleme: Die Freiwurf-Quote zwingt ihn ohnehin oft zum Aussetzen der letzten Minuten, zudem konnte er das vermeintlich sehr brauchbare Matchup mit Love als Center nicht ausnutzen. Die sich durch die Serie ziehende Rebound-Schwäche ist ein weiteres Symptom. Konkret konnten die Pistons nur in Spiel 2 einen minimalen Vorteil an den Brettern erzielen (40:37), während sie insgesamt bisher mit 123:109 zurückliegen. Angesichts der Regular Season-Zahlen ist das eher überraschend: Die Pistons standen ligaweit auf Platz zwei, die Cavaliers nur auf neun. Andererseits steht van Gundys Team für einen 4-Out-Small Ball, der automatisch Nachteile gegenüber klassisch großen Teams aufweist.

Detroit und Drummond in der Regular Season

Wie schon erwähnt absolvierten die Pistons in Sachen Rebounding eine hervorragende Saison: Nur die sehr großen Thunder erzielten klar bessere Zahlen, die meist ebenfalls mit zwei echten Bigs auflaufenden Bulls und die Warriors waren auf einem ähnlichen Niveau. Einen Großteil der Saison trug der größere, aber nicht für sein Rebounding berühmte Ersan Ilyasova zu diesen Werten bei, als die Pistons keinen echten Small Ball spielten. Die größte Bedeutung in Sachen Rebounds hatte aber auch dann schon Andre Drummond: In DRB% stand er klar auf Platz 1 ligaweit, nur DeAndre Jordan und Hassan Whiteside waren mit 32% in der Nähe von Drummonds 34. Obwohl einige Backups (Boban Marjanovic, Enes Kanter und Thomas Robinson) in Sachen ORB% bessere Zahlen auflegen, steht Drummond auch in TRB% klar an Platz 1. Seit 2010 konnte kein regulärer Starter seine Zahlen übertreffen, nur Whiteside in seiner ersten Heat-Saison und Spezialist Reggie Evans blieben über Drummonds 24,5% der gerade beendeten Regular Season.

Insofern ist das gute Abschneiden der Pistons in Sachen Rebounds nicht verwunderlich – ein derart dominanter Spieler kann die Schwächen kleinerer Nebenleute kaschieren. Allerdings wiesen auch Drummonds Zahlen in der Regular Season einige Warnsignale auf: Mit nur 43,3 % Contested Rebounds steht er bei fast 10% weniger als Robin Lopez und nicht innerhalb der (mit Vorsicht zu genießenden) Top 30. Der Wert aus den Tracking-Stats beschreibt, bei wie vielen Rebounds sich ein Gegner im 3,5 feet-Umkreis um den Spieler befand. Die Bedeutung von ohne Gegnspieler erzielten Rebounds ist offensichtlich kleiner – wenn das andere Team sich bereits in die Defense zurückgezogen hat, könnte oft auch der Point Guard den Ball einsammeln. Eine weitere Tracking-Stats-Zahl geht in eine ähnliche Richtung: Drummond hat zwar die meisten Rebound-Chancen, also Bälle, die in einem 3,5 feet-Radius um ihn gefangen werden (22,2, Jordan steht mit 20,3 auf Rang 2). In der Rebound Chance %, also der Zahl der tatsächlich in der Defensive eingesammelten Bälle, ist er mit 66,6% ‚nur‘ in der Top 10 – ganz vorne steht, vielleicht etwas überraschend, LeBron James mit 74%. Der von diesen Zahlen dargestellte, vergleichsweise geringe Anteil umkämpfter Rebounds spricht für die Überlegung, dass viele Teams gegen Drummond und die Pistons weitgehend auf offensive Boards verzichten.

Transition Defense statt Offensivrebounding

Möglicherweise hilft Drummond in diesem Fall sogar, dass seine Mitspieler vergleichsweise klein sind: Small Ball-Teams spielen in der Regel schneller, so dass gut gecoachte Teams gegen sie besonderen Wert auf das Verhindern von Fast Break-Punkten legen. Immer mehr Head Coaches sind bereit, dafür auf Offensivrebounds zu verzichten. Zu den Vertretern dieser Philosophie gehören unter anderem Rick Carlisle bei den Mavs und vor allem Mike Budenholzer bei den Hawks (30. der Liga mit unter 20% ORB). In beiden Fällen hängt diese Entscheidung auch mit dem verfügbaren Personal zusammen, der Trend ist allerdings ligaweit zu beobachten. Dass die Clippers etwa trotz DeAndre Jordan auf dem drittletzten Platz in Sachen Offensivrebounding liegen, ist nicht auf die Teamzusammenstellung zurückzuführen. Folglich ergeben sich über die letzten 15 Jahre fast durchgängig sinkende Zahlen für die gesamte Liga.

ORB-Entwicklung

Der einzige größere Anstieg entstand durch die Lockout-Saison, die in verschiedenen Aspekten Ausreißer erzeugte. Ansonsten ist die Tendenz deutlich, der Rückgang um über 5 Prozentpunkte oder fast 1/5 innerhalb von 15 Jahren erheblich. Der Trend zum Small Ball scheint die Entwicklung in letzten Jahren noch mal beschleunigt zu haben.

Die Playoffs – Veränderte Bedingungen

Was bedeuten diese Faktoren also für die Detroit-Cleveland-Serie? Zuerst einmal ist ein gravierender Unterschied, dass die Cavaliers im Frontcourt gleich drei klar überdurchschnittliche Rebounder auf ihre Positionen aufbieten – das ist sonst höchstens für die schon angesprochenen Thunder möglich. Dann scheint Tyronn Lue das Rebounding auch zur Priorität gemacht zu haben. Alles andere wäre zumindest für Thompson auch kontraproduktiv. Die veränderten Bedingungen zeigen sich wiederum in den Zahlen Drummonds: In drei Spielen sammelte er nur 25 Rebounds, was einer TRB% von nur 15,5 entspricht. Der Rückgang beläuft sich somit bisher auf 7 Rebounds oder fast 10%.

Trotz der geringen Sample Size helfen Tracking Stats, den Rückgang etwas besser einzuordnen: Der Anteil umkämpfter Rebounds stieg etwa auf 52%, was dem Regular Season-Höchstwert von Robin Lopez entspricht. In Worten ausgedrückt lassen die Cavs Drummond also deutlich weniger einfache Rebounds, was sich ebenfalls im Rückgang der Rebound-Chancen auf 15,5 von zuvor 22,2 bei vergleichbarer Minutenzahl ausdrückt. Besonders auffällig ist jedoch, dass Drummond nur noch 50% der möglichen Rebounds wirklich einsammelte.

Noch vor Love, der wie angesprochen die kleine Cavs-Lineup in Spiel Eins möglich machte, verdient Tristan Thompson wohl einen Großteil des Lobes für diese Zahlen. Wie die angesprochenen 8 offensiven Boards in Spiel 3 zeigen, überlässt er seinen Gegenspielern keine vermeintlich einfachen Ballbesitze. Statistisch verdeutlichen 58,8% umkämpfter Rebounds diese Einschätzung. Besonders auffällig ist zudem, dass Thompson nur 4 (!) Defensiv- zu seinen 13 Offensivrebounds eingesammelt hat. Hier zeigt sich, wie wichtig das Ausboxen ist: Die eigentlichen Rebounds überlässt er defensiv lieber seinen Mitspielern, wie auch der für das Team höchste Wert an ‚Deferred Rebound Chances‘ zeigt (2,7; wie Kevin Love). Ein Wert von 5,0 in dieser Statistik lässt zwar auch Drummonds Rebound-Raten etwas besser erscheinen, kann jedoch die grundsätzlichen Probleme der Pistons nicht überdecken. Die Cavs haben dagegen auf einem eher unerwarteten Feld Vorteile gefunden, weil Tristan Thompson seinen Gegenspieler in einem ungewohnten Maß unter Druck setzt – und die übrigen 4-Out-Pistons ihren Center nicht ausreichend unterstützen können.

 

Stats via basketball-reference.com und nba.com/stats, für die Regular Season jeweils mindestens 41 absolvierte Spiele als Relevanzkritierum

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