College, Tournament 2016

Gegen den Rest der (College-) Welt

Kentucky und Texas A&M im NCAA Tournament

Es war durchaus eine Überraschung, dass die Vanderbilt Commodores das NCAA Tournament erreicht haben. Das Team um die beiden potentiellen NBA Prospects Damian Jones und Wade Baldwin III hatte nach hohen Erwartungen nur ein mäßiges Jahr gespielt. Am Ende wurde dann aber doch die Einladung zum Turnier verlesen. Dass dies jedoch in einem der „First-Four“-Spiele gegen den Mid-Major Giganten Wichita State schnell vorbei sein sollte, war fast zu erwarten. Big Man Damian Jones erzielte in 26 Minuten nur fünf Punkte und fünf Rebounds, Guard Wade Baldwin kam auf neun Punkte und fünf Assists. Ein schwacher Abschied eines sehr talentierten Teams.

Diese Geschichte ist geradezu bezeichnend für die Saison der Southeastern Conference (SEC). Mit hohen Erwartungen gestartet, lief kaum etwas, wie erwartet, sowohl positiv, als auch negativ. Namen, wie Ben Simmons, Skal Labissiere, Malik Newman werden aus den unterschiedlichsten Gründen mit Enttäuschungen in Verbindung gebracht. Billy Kennedy und Texas A&M wurden nicht nur zum Nutznießer, sie marschierten sogar zu der erfolgreichsten Saison seit neun Jahren. South Carolina startete mit einer 15-0 Bilanz, nur um dann das NCAA Tournament zu verpassen. Auch wenn es an dieser Stelle vor allem um zwei Teams gehen soll, muss verstanden werden, warum so viel Talent aus dem Südosten der USA keine Rolle in der March Madness spielen wird.

On the Rise

Genau auf diesem Pfad befindet sich die SEC – auf dem Weg nach ganz oben. Das konnte man zumindest zu Beginn der Spielzeit 2015/16 vermuten. Man war noch ein bis zwei Jahre von dem ganz großen Wurf entfernt, doch das Talent sei da, um andere Konferenzen von dem eigenen Können zu überzeugen. Natürlich gehört Kentucky wie in jedem Jahr zur absoluten Elite, doch aus der vergangenen Recruiting-Class haben sich nicht nur Fünf-Sterne-Recruits für die Universität in Lexington entschieden. Überraschenderweise gaben mehrere exzellente High School-Akteure bekannt, bei weniger erfolgreichen Teams spielen zu wollen. Allen voran das australische Freshman-Phänomen Ben Simmons (#1 der ESPN Top 100), der für die Louisiana State University auflaufen sollte. Auch Guard Malik Newman (#10 im ESPN Ranking) entschied sich zur Überraschung vieler Experten gegen Kentucky und für Mississipi State. Auch Florida, South Carolina und Texas A&M konnten einen talentierten Jugendspieler nach dem anderen für sich gewinnen und die Aufbruchsstimmung nur verstärken.

Coach Calipari und seine Kentucky Wildcats mussten zwar einige Verluste hinnehmen (Karl-Anthony Towns, Willie Cauley-Stein, Trey Lyles, Devin Booker, etc.), doch in der #2 Skal Labissiere und #13 Isaiah Briscoe gewann man erneut zwei potentielle College-Superstars. Nur zu ärgerlich, dass es für (fast) alle Teams nicht so kommen sollte, wie gewünscht.

Die bittere Wahrheit

Vor allem den NBA-Fans ist die sogenannte Rookie-Wall mehr als bekannt. Immer wieder kommt es vor, dass ein Spieler im ersten Jahr seiner Karriere ab einem gewissen Zeitpunkt in der Saison die bisher gebrachten Leistungen nicht aufrecht erhalten kann. Gefühlt ist dieses Jahr die gesamte SEC an ihre Grenzen gestoßen, an die Conference-eigene Rookie-Wall.

South Carolina war zu Beginn die Überraschung der SEC. Mit 15-0 gelang ein atemberaubender Start! Zwar gehörte der Schedule der Gamecocks nicht zu den schwersten, die Leistung war dennoch beeindruckend. Dass ihnen genau dieser Aspekt am Ende das Genick brechen sollte, war zu dem Zeitpunkt niemanden bewusst. Denn durch einen sehr schwachen Strength of Schedule kam es dazu, dass sie mit einer Bilanz von 24-8 nicht im Feld der letzten 68 vertreten sind.

Die Storyline mit der meisten Aufmerksamkeit war sicherlich die Freshman-Class. Während Ben Simmons (GTG-Radar Draftprofil von Tobias Berger) eine statistisch gesehen, historisch gute Saison hatte (19,2 Punkte, 11,8 Rebounds, 4,8 Assists), kann Skal Labissieres Auftritt gut und gerne als desaströs abgestempelt werden. Kaum ein Freshman erntete im Vorhinein so viel Lob und war so schnell von jeglicher Relevanz für sein Team befreit. Einzig die Tatsache, dass er sich gegen Ende der regulären Saison wieder fangen konnte, macht Hoffnung (GTG-Radar Draftprofil von Philipp Servatius). Doch auch wenn man es hier nicht rauslesen kann, befindet sich eben dieser überragend spielende Ben Simmons bereits in der Vorbereitung auf die NBA Draft und Labissiere spielt um die Krone des College Basketballs. Aufgrund von schwachem Coaching, viel Individuum und wenig Team verschenkte ein enorm talentiertes LSU-Team die Chance, im NCAA Tournament mitspielen zu können. Das traurige Ende der Saison gab es im SEC-Conference Tournament gegen Texas A&M. Die Partie endete 71-38.

Der Stolz einer ganzen Conference

Eben diese Texas A&M Aggies gehören zu den absoluten Erfolgsgeschichten des College Basketballs. Neben Kentucky sind sie das einzige SEC-Team im NCAA Tournament und das ist mehr als berechtigt. Das Team von Billy Kennedy macht durch eine Mischung aus Kampf, Erfahrung und Spielintelligenz auf sich aufmerksam. Eine Kombination, die überall im Sport, jedoch insbesondere in der finalen Phase des College Basketballs sehr geschätzt wird. Neben erfahreneren Jungs wie Jalen Jones, Danuel House und Alex Caruso, spielen aber auch Freshmen Tyler Davis und D.J. Hogg eine wichtige Rolle. Gerade Big Man Tyler Davis ist schon zu diesem Zeitpunkt ein sehr wichtiger Bestandteil des Teams, was auch sicherlich auf seine Statur zurückzuführen ist. Die Erfahrung des Kaders liegt eher am Perimeter und da bringt er mit seinem bulligen Körper bei einer Größe 6’10“ genau die richtigen Attribute mit.

Der Akteur, der den Spielstil der Aggies aber am ehesten verkörpert, ist Alex Caruso. Der Senior-Guard ist der Typ Spieler, den jeder Coach gerne in seinem Team hätte. Unbegrenzter Einsatz, Leadership, Erfahrung und gute Leistung auf dem Parkett lassen keine Wünsche übrig. Zwar ist er keiner der wichtigsten Scorer, doch seine Quoten sind mehr als solide, was ihn zu einer wichtigen Konstanten im Team macht.

Das Scoring kommt durch die beiden Flügelspieler Jalen Jones und Danuel House. Beide erzielen 15,5 Punkte im Schnitt und machen es somit schwierig, die Aggies auszurechnen. Die Stärke des Teams liegt jedoch in der Defense. Kenpom hat sie als zwölftbestes Defensivteam (Platz 18 insgesamt) gerankt, was die Leistung wiederspiegelt.

Die wohl interessantesten Partien lieferte sich A&M mit Kentucky. In zwei Spielen geht jedes Team mit einem Sieg nach Hause, wobei es in der zweiten Parte um die Conference Championship ging, welche Kentucky für sich entscheiden konnte. Dass beide Spiele aber so unglaublich knapp waren, spricht für die Qualität der Mannschaften.

Nachdem Kentucky die erste der beiden Partien knapp verlor, gab es allerdings nur noch eine Niederlage für das Team von Coach Calipari und damit ging eine weitere Championship an Kentucky. Es ist beeindruckend zu sehen, dass sich dieses Team nach der Menge an Abgängen und dem Komplett-Ausfall von Labissiere in solch eine Position zurückkämpfen konnte. Dass dies vor allem an Aufbau Tyler Ulis und Scoring Guard Jamal Murray liegt, ist jedem Spieler, Coach und Experten bewusst. Beide Akteure gehören zu der absoluten Elite im NCAA Basketball. Während Texas A&M also mehr über das Team kommt, sollte man sich bei den Wildcats vor allem den Backcourt genauer anschauen.

Tyler Ulis ist der Mittelpunkt am offensiven sowie defensiven Ende des Spielfeldes. Überraschend genug, wenn man bedenkt, dass er nur 5’9“, also ungefähr 1.78 Meter groß ist. Doch nach einer guten Freshman-Saison mauserte sich der Sophomore zum absoluten Leader. Zwar ist er auch innerhalb der Dreipunktelinie gefährlich, die Feldwurfquote von 43,2 % zeigt jedoch, dass ihm die Größe dort nicht hilft. Er schafft es dennoch eine hohe Rate an Freiwürfen zu ziehen, die er sehr gut trifft (85,6%).

 

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Der Spielaufbau ist aber seine wirkliche Stärke. 7,2 Assists und eine Assistrate von 34,6 % sind exzellente Zahlen! Als rechte Hand des Coaches auf dem Spielfeld mag es nur wenige Spieler auf dem NCAA-Niveau geben, die mit ihm mithalten können. Vor allem, da er auch am defensiven Ende des Spielfeldes seinen Mann stehen kann. Vielleicht ist er hier sogar besser. Durch hohe Spielintelligenz und die notwendige Athletik kann er vermehrt Druck auf den Ballhandler ausüben, was das Leben der gegnerischen Point Guards sehr schwer macht.

Im NCAA Tournament gehört Ulis zu den Spielern, die das gesamte Turnier verändern können. Gerade die engen Spielsituationen, die kommen werden, liegen ihm und er zeigt keine Angst in großen Momenten die Verantwortung zu übernehmen.

The Arrow strikes again

Jamal Murray hat einen anderen Weg genommen. Nachdem er im Oktober noch als potentiell bester Freshman der Wildcats galt, konnte er die hohen Erwartungen erst nicht in die Tat umsetzen. Es hieß, er ist einer dieser Freshman, die schon ein sehr reifes Spiel haben, den Unterschied ausmachen können. Auch wenn der Kanadier eine solide erste Saisonhälfte hatte, es war nicht das, was sich die Coaches, Fans und Experten erhofft hatten. Grundsätzlich ein talentierter Scorer, jedoch sehr eindimensional und wenig kreativ. Zu oft nahm er viele schlechte Würfe und war dabei sehr abhängig von anderen. Was danach passiert ist, kann wahrscheinlich nur er selber erklären, aber die Entwicklungskurve zeigte – zum Glück der Wildcats – stark nach oben. Mit dem 35-Punkte-Spiel am 6. Februar gegen Florida begann der Guard seinen Lauf und sollte kaum noch zu stoppen sein. In den letzten Wochen der Saison führte er die NCAA im Scoring an und punktete sechs Mal 24 Punkte oder mehr. Die gegnerischen Teams stellten sich zwar auf ihn ein, aber auf einmal waren die bisherigen Probleme einfach verflogen. 50,9 % seiner Dreier fanden das Ziel und er seinen Rhythmus.

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Im Spiel um die SEC-Krone konnte er zwar „nur“ 17 Punkte erzielen, konnte das Spiel jedoch am Ende entscheiden und seine Siegerpose präsentieren.

On a Mission

Bereits in unserem Podcast haben wir lange darüber gesprochen, warum eben diese beiden Teams sehr gute Chancen haben, weit im Tournament voran zu kommen.

Texas A&M hat sicherlich nicht die schwerste Region gezogen. Nicht nur das sogenannte Momentum ist auf der Seite der Aggies, sondern auch die Tatsache, dass eben diese Teamzusammensetzung mit diesen Teamcharakteristika sehr vielversprechend ist. Potentielle Gegner wären Oklahoma, Oregon und Duke, wobei die beiden letzteren nur im Elite Eight auf die Aggies treffen können. Sicherlich gilt das Team von Coach Kennedy nicht zu den Favoriten, doch ein Elite Eight-Run (oder noch weiter) sollte definitiv nicht ausgeschlossen werden.

west regionKentucky hat es da schon vermeintlich härter getroffen. Alleine auf der eigenen Seite der East-Region könnte man gut und gerne auf Big Ten-Regular-Season-Champion Indiana und danach auf #1-Seed North Carolina treffen. Doch Kentucky konnte nach einem starken Endspurt die Regular Season- und die SEC-Conference Championship für sich entscheiden. Demnach sollten sie als gefährlichster #4-Seed gelten.

east region

Zwei aus 68

Keine Conference hat es so nötig, dass die eigenen Teams tiefe Tournament-Läufe starten. Die Chancen könnten durchaus schlechter stehen und sowohl die Aggies, als auch die Wildcats haben die Möglichkeit, den Stolz ihrer Conference zu wahren. Während zum Beispiel die Pac-12, ACC und Big 12 mit sieben Teams vertreten sind, ist die SEC weit abgeschlagen mit den kleineren Conferences am Ende der Nahrungskette zu finden. Nun liegt alles an diesen beiden Teams, um die Ehre hochzuhalten und eine ehemals vielversprechende Saison nicht noch desaströser enden zu lassen.

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