Milwaukee Bucks

Jabari Parker – Ein Franchiseplayer?

Potenzial und Limitierungen

In der NBA Draft 2014 wurde Jabari Parker hinter Andrew Wiggins an zweiter Stelle von den Milwaukee Bucks ausgewählt. Die Voraussetzungen für einen jungen talentierten Spieler hätten kaum besser sein können. In der vorherigen Saison konnten die Bucks gerade einmal 15 Spiele gewinnen, die Devise der Bucks hieß also Spieler zu entwickeln und Parker in den nächsten Jahren neben Antetokounmpo als neues Gesicht der Franchise zu etablieren. In den ersten Saisonwochen konnte Parker sich durchaus beweisen und erzielte in knapp 29 Minuten etwas mehr als 12 Punkte pro Spiel, bei für einen Rookie recht soliden Effizienzwerten (101 ORtg, 53% TS). Am 15. Dezember riss er sich jedoch im Spiel gegen die Phoenix Suns das Kreuzband und konnte bis zum Saisonende nicht mehr in das Spielgeschehen eingreifen. Den überraschenden Run der Bucks in die Playoffs konnte er lediglich vom Spielfeldrand verfolgen. Fast 50 Spiele hat er nun in seiner zweiten Saison schon absolviert. Hat er das Potential, sich wirklich zu einem Franchiseplayer zu entwickeln?

Starker Zug zum Korb

Die größte Stärke von Jabari Parker ist sein aggressiver Zug zum Korb. Parker hat für einen Power Forward sehr gute Ballhandlingsskills und kann dadurch den Geschwindigkeitsvorteil, welchen er gegen viele Power Forwards hat, exzellent ausnutzen. Sein Ballhandling zeichnet sich durch gute Tempo- und Richtungswechsel aus, wodurch er sehr schwer aus der Zone zu halten ist. Auch vor Kontakt schreckt Parker nicht zurück, sondern zeigt eine gute Körperbeherrschung und ein gutes Gefühl dafür diesen zu absorbieren und in der Zone mit beiden Händen sicher abzuschließen. Fast 70 Prozent seiner Abschlüsse nimmt Parker in der Zone, 53% direkt in der Restricted Area.

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Obwohl Parker mit der rechten Hand wirft, attackiert er deutlich lieber über die linke Seite. Über 70 Prozent seiner Abschlüsse in der Zone finden von der linken Seite des Korbes statt. Nur wenige Plays der Bucks sind konkret für Parker designt, er agiert bei der Initiierung der Offense oft abseits des Balles, versteht es aber extrem gut, nach dem Kickout die Defensive zu attackieren.

Ab und an wird er auch als Pick&Roll-Ballhandler eingesetzt. Parker ist kein überragender Playmaker, aber er versteht es zumindest simple Pässe aus dem Pick&Roll zu spielen. Auch im Fastbreak ist sein gutes Ballhandling und seine solide Athletik ein großer Vorteil. Er kann nach dem Rebound den Ball selber pushen und so viele einfache Abschlüsse für sich und seine Mitspieler in Transition kreieren.

Rückgängige Wurfentwicklung

Neben seinen Slasher-Qualitäten beeindruckte Parker am College auch durch seinen guten Sprungwurf. Er traf starke 58 Prozent seiner Catch&Shoot-Würfe, war aber auch in in der Lage sich selbst einen Wurf aus dem Dribbling zu kreieren. Die Verteidiger mussten seinen Wurf respektieren und konnten ihm deswegen nicht viel Platz lassen. In der NBA hingegen traf Parker in dieser Saison nur 31 Prozent seiner Pullup-Würfe. Viele Bigs lassen deshalb bereitwillig etwas mehr Abstand, um nicht überlaufen zu werden und erschweren so seinen Zug zum Korb.

Auch sein Wurf aus dem Catch & Shoot fällt lange nicht so gut wie am College, lediglich 31% davon finden den Weg durch den Ring. Diese Tatsache ist noch verwunderlicher, wenn berücksichtigt wird, dass Parker in dieser Saison fast ausschließlich Midrange-Jumper nimmt. Nicht einen Dreier hat Parker in dieser Saison verwandelt. Am College traf er noch 36 Prozent seiner Dreier und nahm mehr als drei Versuche pro Spiel. Auch wenn die Dreierlinie in der NBA bekanntlich etwas weiter hinten ist als am College, ist diese Entwicklung bedenklich.
Auch als Option im Pick&Roll bzw. Pick&Pop macht sich seine Wurfschwäche bemerkbar. Parker war schon am College kein Spieler, welcher sich dynamisch zum Korb abrollen oder besonders harte Blöcke für seine Guards stellen konnte. Da Parker aber auch den Wurf von der Freiwurflinie nicht mehr trifft, ist er als Big im Pick&Roll fast nutzlos. Nur 5.8 Prozent seiner Abschlüsse kommen aus dem Pick&Roll, diese verwertet er mit 0.74 PPP auch deutlich unterdurchschnittlich. Obwohl Parker mit 2.03 m nicht wirklich groß für einen Power Forward ist, verfügt er dennoch über ein solides Spiel mit dem Rücken zum Korb. Vor allem gegen Smallball-Vierer oder Wings kann er seine Mischung aus Physis und Schnelligkeit gut ausspielen und oft zu einfachen Abschlüssen am Korb kommen. Auch ein sehr anständiger Fadeaway, mit dem er über beide Schultern abschließen kann, ist in seinem Arsenal. Parker bekommt den Ball nur selten im Post, die wenigen Touches schließt er mit 0.97 PPP aber sehr effizient ab.

Defensiv tragbar?

Die größten Schwächen in Parkers Spiel wurden von den Scouts vor der Draft in der Defensive gesehen. Vor allem die Tatsache, dass Parker keine richtige Position hatte, wurde kritisch beäugt. Ist er in der Lage physisch dominante Power Forwards im Post und an den Brettern halten zu können? Ist er für die Small Forward-Position zu langsam?
In seiner bisherigen Karriere spielte Parker fast ausschließlich auf der Vier und hat in der Post-Verteidigung nur selten Probleme. Obwohl Parker kleiner als viele seiner Gegenspieler ist, bringt er genügend Masse mit, um diese zu schwierigen Abschlüssen zu zwingen. An den Brettern hat er ab und an Probleme, schafft es aber in der Regel, sich gut zu positionieren und seinen Gegenspieler auszuboxen. In der Pick&Roll-Verteidigung und nach Switches fehlt es Parker an lateraler Beweglichkeit, wodurch die Ballhandler oft an ihm vorbeiziehen können. Er ist auch alles andere als ein guter Ringbeschützer, wodurch ein tiefes Absinken für ihn auch keine gute Option ist. Auffällig ist zudem, dass es Parker in vielen Situationen in der Defensive am Spielverständnis mangelt.
In dieser exemplarischen Szene stellt Kelly Olynik abseits des Balles einen Screen für Marcus Smart, der zum Korb cuttet. Parker müsste, als Verteidiger des Blockstellers, Michael Carter-Williams besser helfen und das Anspiel auf Smart unter dem Korb verhindern.

Außerdem hat Parker die Tendenz, sich oft zu sehr auf den ballführenden Spieler zu konzentrieren. Dabei entwischt ihm der Gegenspieler häufig in seinem Rücken und kommt zu einem einfachen Abschluss. Er hat kein gutes Verständnis für defensive Rotationen und vor allem für das richtige Timing. Oft hilft er zu früh, oft zu spät, sehr häufig nicht zum richtigen Zeitpunkt. Parker zeigt sich jedoch bemüht und lernfähig und kann sich unter Jason Kidd in der Defensive definitiv noch entwickeln.

Der richtige Fit/Entwicklung des Teams

Die großen Spacing-Probleme der Bucks machen es für Parker nicht unbedingt einfacher, in der Offensive der Bucks effizient agieren zu können. Parker und Antetokounmpo verfügen beide bislang über keinen respektablen Wurf von der Dreierlinie, jedoch sind beide noch jung und entwicklungsfähig. Beiden ist es langfristig zuzutrauen, sich zu durchschnittlichen Dreierschützen zu entwickeln und mit einem clever zusammengestellten Roster mit vielen Shootern, auch nebeneinander funktionieren zu können.
Der Fit neben Monroe gestaltet sich jedoch als äußerst schwierig. Vor allem in der Defensive sind die beiden nicht nebeneinander spielbar. Standen sie gemeinsam auf dem Feld, so haben die Bucks ein Defensivrating von 107.4 zugelassen. Auch in der Offensive kann Parker Monroe nicht den Platz verschaffen, den dieser im Post benötigt und umgekehrt verstellt Monroe auch oft die Zone für Parkers Drives. Jason Kidd ist deshalb in letzter Zeit dazu übergegangen, Monroe von der Bank zu bringen, um den beiden möglichst wenig gemeinsame Zeit auf dem Feld zu geben. Neben den jetzt auf Center startenden Mason Plumlee wurde auch O. J. Mayo in die Starting Five beordert. Die Bucks zeigen sich dadurch deutlich ausgeglichener. Sie können besseres Spacing und mehr Rim-Protection aufbieten und haben seit dem Lineup-Change vier von fünf Spielen gewonnen.
Kurzfristig ist das eine solide Lösung, langfristig wird ein Trade von Monroe vermutlich unvermeidlich. Die Bucks sollten auf den jungen Kern um Antetokounmpo, Middleton und Parker bauen. Antetokounmpo und Parker befinden sich noch in ihren Rookie-Verträgen und Middleton hat einen bis 2020 laufenden Vertrag, der seinem Wert entspricht und zudem rückläufig strukturiert ist. Dazu werden die Bucks dieses Jahr vermutlich auch noch einmal in den Top 10 picken dürfen. Ziel der Bucks muss es sein, im Sommer Shooting zu addieren, versuchen für Monroe oder Carter-Williams noch ein Asset zurück zu bekommen und den Kern sich von innen entwickeln zu lassen. Künstliche Beschleunigungsversuche, wie der Trade von Carter-Williams oder die Verpflichtung von Monroe im letzten Jahr, sollten möglichst vermieden werden.

Franchiseplayer-Potential?

Die Entwicklung seines Sprungwurfes wird entscheidend für Parkers Karriere werden. Schafft Parker es die guten Wurfquoten aus dem College auf NBA-Niveau zu bestätigen, dann schafft er nicht nur viel Platz für seine Mitspieler, sondern wird auch zu einem Mismatch für fast jede Defensive in der NBA. Parker hat durchaus Allstar-Potential, bleibt sein Sprungwurf jedoch auf dem aktuellen Niveau, so wird er wohl nie mehr als ein durchschnittlicher Rollenspieler werden.
Seine Probleme in der Defensive sollten in den nächsten Jahren zu beheben sein, so dass es Parker durchaus zu zutrauen ist, bei positiver Entwicklung zu einem zumindest durchschnittlichen Verteidiger zu werden.

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4 comments

  1. Martin Sobczyk

    Vielen Dank für den Artikel. Hatte mich vor kurzem noch gefragt, was eigentlich aus dem potentiellen Superstar wird und dann kommst mit der schönen Analyse um die Ecke. :tup:
    Die simplen Stats sehen ja fast identisch aus mit denen aus dem Rookiejahr. Bin mal gespannt, ob deine geplanten Vorschläge (Trade Monroe) umgesetzt werden. Monroe hat den Bucks tatsächlich nicht gut getan und der einzige Shooter Copeland war auch eine fette Enttäuschung.

  2. Jonathan Walker

    Super Scouting, Sebastian.

    Die (Rück-)Entwicklung des Dreiers ist in der Tat verwunderlich. Acht genommene Dreier sind nichts. In seiner kurzen Rookie-Saison nahm er ja immerhin noch 0.6 pro Spiel und traf jeden vierten. Diese Saison sagte er mal, dass es nicht mehr von ihm verlangt würde, also lasse er es. Trifft er im Training wohl so schlecht, oder warum schränken die Bucks ihr ohnehin schon schlechtes Spacing bewusst noch mehr ein?

    Sein DRB% von 13.0 ist jedenfalls grottig. Allein in seinem Team holen Monroe, Henson, Plumlee, Antetokoumpo, O’Bryant und selbst MCW (!) mehr Defensivrebounds als er – und die Bucks sind als Team auch schlecht am defensiven Brett.

    Wenn er gut ausboxt, warum greift er dann so wenige Rebounds und sein Team gibt regelmäßig zweite Chancen an den Gegner ab? Ich habe nicht all zu viel von den Bucks gesehen, aber die Zahlen sprechen für Parker als einen ziemlich schlechten Rebounder.

  3. Sebastian Seidel

    |Author

    Es ist ja nicht nur der Dreier, welchen er nicht trifft. Auch die Würfe aus der Mitteldistanz fallen ja relativ schlecht. Egal ob Catch-and-Shoot, Pullup, finde das schon ziemlich merkwürdig.

    Die Spieler die du ansprichst zeigen ja auch, dass Guards und Wings sich recht viele DRebs holen. Gehe mal davon aus, ohne die Zahlen jetzt zu überprüfen, dass viele davon uncontestet sind.

    Bei meinem Scouting hatte ich jetzt nicht das Gefühl,dass er dauerhaft am Brett überpowert wird und eigentlich zumindest einigermaßen vernünftig und regelmäßig ausboxt. Dass er jetzt keine dominante Präsenz am Brett ist, sollte klar sein

  4. Jonathan Walker

    Kann sein, habe ich auch nicht überprüft. Wenn die Bucks gut am defensiven Brett wären, würde ich auch nichts sagen. Aber wenn der Starting-PF in einem Team, welches zu viele O-Rebs abgibt so wenige D-Rebs greift, läuft tendenziell etwas falsch.


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