Toronto Raptors

Toronto auf dem Weg zum Contender?

Die Verbesserungen zum Vorjahr.

Die Toronto Raptors haben sich fast unbemerkt zu einem der besten Teams der Liga entwickelt. Neben den historisch guten Teams aus San Antonio und Golden State können nach über der Hälfte der Saison lediglich die Thunder und die Cavaliers noch eine leicht bessere Bilanz als Toronto aufweisen. Dennoch wird Toronto eigentlich nie als möglicher Titelkandidat gehandelt, was auch mit dem enttäuschenden Auftreten in den letztjährigen Playoffs zu tun hat.
Auch in der letzten Saison spielten die Raptors eine starke reguläre Saison und konnten mit 49 Siegen einen neuen Franchiserekord aufstellen. Trotz des Heimvorteils konnten sie ihre Leistungen aus der regulären Saison nicht in die Postseason übertragen und wurden von den Wizards gesweept. Schon im Jahr zuvor konnten die Raptors den in der regulären Saison erspielten Heimvorteil nicht nutzen und schieden gegen die Nets in der ersten Runde aus. Schaffen es die Raptors diese Saison endlich auch in den Playoffs, ihre beste Leistung abzurufen?

Stark verbesserte Defensive

Der Hauptgrund für das schwache Auftreten der Raptors in den Playoffs war die unglaublich schwache Defensive. Schon in der regulären Saison belegten die Raptors lediglich den 25. Rang im Defensivrating (107.7/dieses und alle nachfolgenden Teameffizienzratings beziehen sich auf die Werte von basketball-reference und können dadurch leicht von den Werten von nba.com/stats abweichen). In den Playoffs nutzten die Wizards diese Schwäche gnadenlos aus und konnten über die Serie ein Offensivrating von 114.3 erreichen. Außerdem dominierten sie die Raptors am offensiven Brett (27% Offensivreboundpercantage).
In der Offseason wurde vieles getan, um die schwache Defensive zu verbessern. Die beiden defensivschwachen Guards Lou Williams und Greivis Vasquez wurden ziehen gelassen beziehungsweise getradet. Für Vasquez bekamen die Raptors von Milwaukee einen lottery-geschützten Pick der Clippers und die Rechte an Norman Powell.
Dafür wurde in der Free Agency der Schwerpunkt eindeutig auf die Defensive gelegt. Mit DeMarre Carroll holten die Raptors sich einen in der modernen NBA so begehrten 3-and-D-Spieler.
Dazu kam mit Bismack Biyombo ein Spieler, der offensiv in seinen Möglichkeiten sehr begrenzt ist, aber in der Defensive und beim Rebounding den Raptors enorm weiterhilft. In 22 Minuten verteidigt er 6.8 Würfe pro Spiel am Ring und lässt mit 45% dabei nur eine sehr niedrige Percentage zu. Unter allen 55 Spielern mit mindestens fünf am Ring contesteten Würfen pro Spiel lässt Biyombo die achtniedrigste Quote zu. Auch in der Pick&Roll-Verteidigung ist Biyombo beweglich genug, sodass er nicht bis in die Zone absinken muss. In Sideline-Pick&Rolls kann man durchaus mit ihm Ice spielen und auch bei Handoffs oder High-Pick&Rolls sinkt er nur leicht ab und kann dadurch früh den Drive des Ballhandlers zum Korb unterbinden. Auch an den Brettern ist Biyombo ein großer Faktor. Hinter Andre Drummond, DeAndre Jordan und Hassan Whiteside kann Biyombo die viertbeste Reboundingpercentage der Liga aufweisen. Er ist der Hauptgrund, warum sich die Raptors in der Defensivenreboundpercentage von 73.3% (Rang 24 | 2014/15) auf 78.1% (Rang 5 | 2015/16) steigern konnten.
Mit Scola, der als beweglicher Big gut im Pick&Roll hedgen kann und oft defensiv etwas unterschätzt wird, und Cory Joseph konnten die Raptors im Sommer zwei weitere überdurchschnittliche Verteidiger unter Vertrag nehmen.
Vor allem durch die Neuzugänge konnten sich die Raptors im Vergleich zur letzten Saison defensiv enorm steigern und haben sich in der Defensiveffizienz vom 25. Rang (DRtg 107.7) auf den neunten Rang (DRtg 103.6) verbessert.
Einige Prinzipien der Defensive der Raptors sind recht schnell zu erkennen. So verteidigen sie das Pick&Roll sehr häufig durch Ice. Dies bedeutet nichts anderes, als dass der Guard-Verteidiger versucht den Ballhandler daran zu hindern, über den Screen zu gehen und stattdessen versucht den Ballhandler in Richtung des verteidigenden Big Man zu drängen (siehe Bsp: Cory Joseph). Bei dieser Art das Pick&Roll zu verteidigen, liegt ein enormer Fokus auf dem gegnerischen Ballhandler.

Ice-Defense

Ebenfalls auffällig ist das enorme Aushelfen im Pick&Roll von der Weakside. Die Weakside-Verteidiger stehen oft sehr früh mit mehr als nur einem Fuß in der eigenen Zone (siehe Bild2), jederzeit bereit beim Pick&Roll auszuhelfen.

Help

Dadurch machen es die Raptors den gegnerischen Ballhandlern extrem schwer, einen Weg zum Korb zu finden. Auch der zum Korb abrollende Spieler ist schwierig anzuspielen, wenn ein Verteidiger von der Weakside so weit in der Zone steht wie Patrick Patterson in diesem Fall. Allerdings laufen die Raptors durch ihr extremes Aushelfen natürlich oft Gefahr, offene Dreier zuzulassen. Insgesamt haben die Raptors schon 1156 Punkte durch Spot-up-Würfe eingeschenkt bekommen, das sind etwas mehr als 23 Punkte pro Spiel. Lediglich die Rockets, Bucks und Hornets haben noch mehr Punkte aus dem Spot-up zugelassen. Die gegnerische Dreierquote liegt im Schnitt bei 37.4 Prozent (27.).

Guardlastige Offensive

In der Offensive lastet weiterhin eine enorme Last auf den beiden Allstars Kyle Lowry und DeMar DeRozan. Beide sind nicht nur als Scorer enorm wichtig, sondern kreieren auch eine Menge Abschlüsse für ihre Mitspieler.
Vor allem die Art und Weise, wie Toronto DeRozan einsetzt, ist höchst interessant. Sehr häufig lassen die Raptors Spielzüge laufen, in denen DeRozan aus einem oder mehreren Downscreens kommt, aus voller Geschwindigkeit in ein Handoff läuft und auf seinem Weg zum Korb dann häufig nur noch durch ein Foul zu stoppen ist. Nicht ohne Grund gehen nur James Harden und DeMarcus Cousins häufiger an die Linie als DeRozan (8.2 FTA/G).

Hier ein Beispiel aus einem Horns-Set: Die Raptors stehen in einer Horns-Formation, also mit zwei Spielern in den Ecken, zwei Bigs am Highpost und einem Ballhandler “Top of the key”.  Scola bewegt sich in Richtung Dreierlinie und bekommt den Ball von Lowry.

Horns-1

Lowry läuft danach in die Ecke und stellt einen Down-Screen für DeRozan. Scola dribbelt schon einmal zwei Schritte in die Richtung von DeRozan.

Horns-2

Scola übergibt DeRozan den Ball, dieser kann weiter an Geschwindigkeit aufnehmen.

Horns-3

Aus voller Geschwindigkeit kann DeRozan in ein Pick&Roll mit Valanciunas laufen und daraus den Korb attackieren.

Horns-4

Während Lowry bei vielen Aktionen oft am Anfang den Ball in der Hand hat und viele Pick&Rolls klassisch initiiert, hilft es DeRozan sehr, wenn er aus einem oder mehreren Blöcken kommen kann und schon etwas Geschwindigkeit aufgenommen hat. Er ist extrem gut darin, sehr eng um die Blöcke zu laufen und kann dadurch häufig seinen Verteidiger schon früh abschütteln. Würde der Dreier noch etwas konstanter fallen, wäre es noch schwieriger, ihn zu verteidigen, da sein Verteidiger dann nicht so häufig unter dem Screen durchgehen könnte, wie es zum Beispiel auch beim Scola-Handoff von McCollum zu sehen ist. Der Zug zum Korb ist die größte Stärke von DeRozan. Mit 11.7 Drives pro Spiel führt er die Liga in Drives an.

Neben seinem Speed ist DeRozan auch ein guter Spieler mit dem Rücken zum Korb. Die einzigen Guards, welche häufiger als er aufposten, sind Russell Westbrook und Andrew Wiggins.
Auch der Dreipunktewurf scheint sich so langsam zu entwickeln. Knapp zwei Dreier nimmt er pro Spiel und trifft ein Career High von 32 Prozent. Seit Jahresbeginn sind es sogar 42 Prozent, bei 2.5 Versuchen pro Spiel.

Die größte Stärke von Kyle Lowry ist seine Vielseitigkeit. Er agiert oft abseits des Balles, da DeRozan eben auch viele Touches braucht, ist aber auch selber ein sehr schwierig zu verteidigender Ballhandler. Auch seine Qualitäten als Shooter sind noch unterschätzt. Er nimmt über 7 Dreier pro Spiel und trifft davon 39.7 Prozent. Nur Stephen Curry und Klay Thompson treffen bei einem solchen Dreiervolumen noch effizienter als Lowry. Auch in der Geschichte der NBA gab es neben Lowry, Curry und Thompson nur noch fünf andere Spieler, welche diese Kombination aus Dreiervolumen und Trefferquote über eine Saison aufweisen konnten.

Sowohl DeRozan als auch Lowry hilft das gute Spacing der Raptors. Mit Scola und Patterson hat Toronto über das komplette Spiel immer einen Big Man mit Dreierrange auf dem Feld. Durchschnittlich fallen die Dreier der Raptors mit 36.7 Prozent, welches Rang drei in der NBA bedeutet.

Für die Playoffs gewappnet?

Die Raptors sind in der Offensive weiterhin sehr abhängig von ihren beiden Allstars. Lowry und DeRozan sind nicht nur die mit Abstand besten Scorer im Team, sie kreieren auch viele Würfe für ihre Mitspieler. Bis auf Cory Joseph als Backup-Playmaker und Jonas Valanciunas als Low-Post-Option besteht der Kader der Raptors ausschließlich aus Rollenspielern, welche darauf angewiesen sind, dass Lowry und DeRozan für sie kreieren. Diese gewisse Eindimensionalität birgt auch gewisse Risiken. So kann eine ähnlich schwache Playoffserie von Lowry wie im letzten Jahr, auch ein schnelles Ausscheiden zur Folge haben. Doch im Gegensatz zum letzten Jahr können sich die Raptors in diesem Jahr dann auf ihre solide Defensive verlassen. Als eines von nur vier Teams befinden sich die Raptors sowohl in der offensiven als auch in der defensiven Effizienz in den Top 10.
Vermutlich sind sie das einzige Team, was den Cavaliers im Osten wirklich gefährlich werden kann.

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2 comments

  1. willis

    Danke für diesen Artikel. Aufschlussreich.
    Habe die Raptors diese Saison noch nicht spielen sehen.

  2. Avatar

    freiplatzzokker

    Nach den beiden Erstrunden Niederlagen würde ich mir wünschen, dass die Raptors mal einen Contender eliminieren und selber in die Nähe der Finals kommen. Nachdem ich die Raps beim GM-a-Team mal leiten durfte (ist mittlerweile auch fast 1 1/2 Jahre her), habe ich das Team näher verfolgt. Lowry ist einer meiner Lieblingsspieler geworden und ich gönne ihm nach seinem Do-over den Erfolg. Es ist eben alles eine Einstellungssache. DeRozan ist in dieser Saison auch wieder effizienter unterwegs. Einzig DerMarre Carroll ist bisher, auch wegen Verletzungen, hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Findet er zu alter Stärke zurück, kann es für die Raptors zumindest bis in die Conference Finals gehen. Ob es für LBJ reicht, mag ich nicht sagen. Ausgeglichener ist das Team auf jeden Fall. Ich werde es beobachten und freue mich auf einen Tiefen Playoff Run, wenn alle Fit bleiben.


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