Cleveland Cavaliers

Die Entlassung David Blatts und ihre mediale Deutung

Wie die Medien unsere Wahrnehmung beeinflussen.

David Blatt, der Head Coach des aktuell klar besten Ost-Teams und letztjährigen Finals-Teilnehmers, wird ohne nach außen ersichtlichen Grund entlassen. Bei einer Bilanz von 30-11 und besten Chancen auf einen erneuten Championship-Run ist die Entscheidung von Cavs-GM David Griffin und Besitzer Dan Gilbert schwer zu erklären. Vergleichbare Fälle fehlen praktisch völlig. Auch die Niederlagen gegen Spurs und Warriors, so entmutigend sie mit Blick auf die Meisterschaftschancen gewesen sein dürften, lassen sich nicht mit einer solchen Bedeutung aufladen – zumal die Bilanz trotzdem zuletzt bei 11 Siegen aus 13 Spielen stand.

Dass das interessierte NBA-Publikum nicht ratlos vor den Bildschirmen versauern muss, ist den Einschätzungen der einschlägigen NBA-Journalisten und ihren gut informierten Quellen zu verdanken. Zum einen werden Ereignisse der letzten Playoffs wieder aufgewärmt, wie etwa ein falscher Timeout-Call (den der damalige Assistent und Nachfolger Tyronn Lue verhinderte) oder ein von LeBron James überstimmtes Out-of-Bounds-Play, bei dem der ‚King‘ den Ball ins Spiel bringen sollte. Auch Gerüchte über eine für den Fall einer weiteren Niederlage angeblich schon beschlossene Entlassung im Lauf der vergangenen Saison macht die Runde, genauso wie Aussagen Blatts, entweder Kevin Love oder er müssten das Team verlassen.

Nach einer so tiefgreifenden Entscheidung lässt sich jedes bisschen Information zur Neuigkeit machen, sodass solche Reaktionen zu erwarten waren. Auch die das inhaltsarme PR-Statement der Cavs oder der Protest von Seiten der Blatt-Unterstützter kann kaum überraschen, höchstens noch das Ausmaß, in dem Rick Carlisle in seiner Funktion als Vorsitzender der NBA Coaches Association die Cavs und indirekt die Hire and Fire-Mentalität der Franchises in Bezug auf Coaches allgemein kritisiert.

Was den Fall besonders macht, ist die Tatsache, dass einige Berichte deutlich über das Re-Arrangieren von Gerüchten hinausgehen und auf verschiedene Arten ihre eigene Agenda zu verfolgen scheinen. Wie üblich hatte Adrian Wojnarowski als einer der ersten die Neuigkeit über Twitter verbreitet. Kurz darauf verfasste er einen Artikel, dessen Richtung sich schon aus dem Titel erschließen lässt (‚How David Blatt never stood a chance with LeBron James and his camp‘). Die gegen LeBron James‘ Einfluss und insbesondere die Rolle seines Agenten Rich Paul, der Chef von Klutch Sports, gerichtete Argumentation ist an Deutlichkeit kaum zu übertreffen und dürfte nebenbei der Coaching-Karriere von Mark Jackson, einem Klutch-Klienten, den Todesstoß verliehen haben.

Vor allem in diesem Punkt wird sich die Darstellung angesichts von Wojnarowskis Reichweite kaum noch verdrängen lassen: Wenn nicht mal mehr der Einfluss von James reicht, um Jackson durchzusetzen, dürfte sich kein anderes Team mehr auf dessen exzentrisches Auftreten einlassen. Gerade für Coaches ist das Image, etwa als Defensivexperte, System-Vertreter oder Player’s Coach, extrem wichtig beziehungsweise eine negative Wahrnehmung äußerst schädlich. In einem anderen Zusammenhang nimmt Wojnarowski das sogar in seinen Artikel auf (!): Die kursierenden Geschichten über Blatts vermeintliche Inkompetenz und James’ offen abweisendes Verhalten werden als Belege für die subtile Demontage durch das Klutch-Lager gewertet.

Genauso lässt sich der Vorwurf einer Agenda allerdings auf Wojnarowski selbst anwenden: Bereits vor gut einem Jahr waren die Methoden des Yahoo-Journalisten in die Kritik geraten, gerade, weil er immer wieder LeBron James zum Ziel negativer Berichterstattung machte. Inwieweit der Austausch positiver Berichterstattung gegen Exklusivinformationen die NBA wirklich prägen, ist gerade aus der Distanz schwer einzuschätzen. Die Einstellung Wojnarowskis zu Klutch Sports und Pauls wichtigstem Klienten ist angesichts solcher Artikel aber kaum ein Geheimnis.

Umgekehrt finden sich allerdings auch Beispiele, die sich tendenziell in die Kategorie ‚Hofberichterstattung‘ einordnen lassen: Der Artikel des Portals cleveland.com schafft es beispielsweise, Klutch Sports nicht zu erwähnen, kaum auf James einzugehen und dabei die Entlassung als beinahe zwangsläufig darzustellen – fast, als sei der Artikel tatsächlich von Rich Paul selbst geschrieben worden.

Welche Deutung die zutreffende ist oder in welchem Maßstab die Unzufriedenheit im Team, die schwierige Situation mit einem potentiell übermächtigen Finals-Gegner oder Fehler Blatts zur Entlassung geführt haben, ist gerade für einen aus Deutschland schreibenden Autor kaum einzuschätzen. Umso wichtiger ist es, sich nicht an wahllosen Spekulationen zu beteiligen (mehr dazu hier und hier) und sich stattdessen klar zu machen, welche Hintergründe die rivalisierenden Darstellungen aufweisen. Sowohl die etwa vom in der Sache ansonsten neutralen Rick Carlisle vertretene Sichtweise als auch die Forderung nach mehr ehemaligen Spielern auf der Bank sind grundsätzlich legitim und aus der jeweiligen Perspektive nachvollziehbar.

Ob Journalisten wie Wojnarowski sich so deutlich positionieren sollten, ist jedoch eine andere Frage – völlig unabhängig von der derzeit beiderseits des Atlantiks kursierenden Medienkritik in Bezug auf politische Themen. Die etwas diffusen Aussagen Kevin Durants zur NBA-Berichterstattung verdienen möglicherweise mehr Aufmerksamkeit, gerade in Hinblick auf die Frage, wie Journalisten mit ihren Themen verflochten sind.

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

6 comments

  1. Avatar

    Coach K

    Als ich den Titel des Textes gelesen hatte, dachte ich das der Inhalt anders sein wird.

    Trotzdem "anders" sein des Textes hat er mir gut gefallen, es zeigt gut die Wirkung bzw. Macht der Medien auf.

  2. Avatar

    Coach K

    Ich hatte als ich den Titel kurz überfolgen hatte (Artikel erst deutlich später gelesen), daran gedacht das du auf die verschiedenen Meinungen eingehst seitens der Medien, was hier der Grund der Entlassung war und ob Lebron direkt beteiligt gewesen ist.

    So gefällt es mir aber besser.

  3. Julian Lage

    |Author

    Interessant auf jeden Fall, aber man kann das natürlich auf verschiedenste Weisen deuten. Dass Katz die Stärke der Heat-Organisation herausheben und bei LeBron nachtreten will, würde ich unabhängig vom Wahrheitsgehalt seiner Aussagen (kenne ich schlicht nicht) zumindest nicht ausschließen…


Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben