BBL, Scouting

Scouting: Löwen Braunschweig vs. ALBA Berlin

Oder auch: Warum wenige Punkte nicht unbedingt für eine gute Defense stehen

Bei der Partie zwischen den beiden Playoff-Aspiranten Basketball Löwen Braunschweig und ALBA Berlin am Samstag spielte sich Historisches ab. Keine der beiden Mannschaften wollte in einen offensiven Rhythmus gelangen und so stand nach vier (!) Vierteln ein unfassbares 46:43 auf dem Scoreboard – die zweitwenigsten Punkte in einem Spiel seit der Datenerfassung 1998. Über diesen inoffiziellen Titel können sich beide Headcoaches sicher nicht freuen und insbesondere ALBA-Trainer Sasa Obradovic wird mit der Leistung seiner Mannschaft alles andere als zufrieden sein. Wir haben uns in den Film Room begeben und diese merkwürdige Begegnung mal genauer analysiert.

Wenige Punkte ≠ gute Defense

Schon im Vorhinein war bei dem Aufeinandertreffen dieser beiden Teams zu erwarten, dass die Defensive eine große Rolle spielen würde. ALBA Berlin stellt mit einem Defensive-Rating von 100,10 zu dem Zeitpunkt die zweitbeste Verteidigung der Beko Basketball Bundesliga hinter den Fraport Skyliners. Nur knapp dahinter (Platz 4) rangieren die Basketball Löwen Braunschweig mit nur 101,68 zugelassenen Punkten pro 100 Ballbesitze des Gegners. So möchte man den Endstand von 46:43 in diesem Spiel auf zwei gut abgestimmte Defenses schieben und den Löwen letztendlich zu einem glücklichen Sieg gratulieren.

Doch so einfach ist es nicht. Erstens sind 89 Punkte in einer Partie, wie eben erwähnt, eine absolute Seltenheit. Zweitens geben erzielte und zugelassene Punkte pro Spiel leider nur sehr wenig wieder. Immer wieder wird diese Statistik zwar bemüht, doch am aussagekräftigsten ist das Rating, welches diese Anzahl auf 100 Ballbesitze hochrechnet, um einen echten Vergleich zu haben. Drittens erzählt auch diese Statistik immer noch nicht die ganze Wahrheit einer guten Verteidigungsleistung. Wenn das gegnerische Team einen offenen Wurf nach dem anderen danebensetzt, sollte keinesfalls von einer guten Defense gesprochen werden. Somit kann eine schwache Offense auch eine durchschnittliche Defense besser aussehen lassen.

All diese Faktoren kamen am Samstagabend zusammen. Natürlich boten beide Mannschaften eine, wie zu erwarten, mehr als solide Leistung in der Defensive, allerdings offenbarten sie auch über die kompletten 40 Minuten mangelnde Kreativität in der Offensive. In Braunschweig darf man sich darüber weniger wundern. Raul Korners Männer stellen die fünftschlechteste Offense der BBL. Doch ALBA ist in diesem Ranking auf Platz Drei zu finden, weshalb die vorgestern gezeigte Performance am diesem Ende des Feldes Angst im Bezug auf die Playoffs gemacht hat.

Das Problem der Mitteldistanz

Wie bereits in der Analyse der Defensive der Basketball Löwen Braunschweig erklärt, haben die Niedersachsen keine Probleme damit, dem Gegner den Mitteldistanzwurf zu geben. Deshalb verteidigen sie gerne nah an der Dreipunktlinie, ziehen sich bei Drives aber auch zusammen, um mit viel Manpower den Ring zu beschützen. So kann man bei den Löwen defensiv auch nicht Einzelne hervorheben, sondern muss das Teamkonstrukt loben, welches in der Verteidigung sehr gut zusammenarbeitet. Dies war auch in der Partie gegen ALBA Berlin wieder evident.

Die Hauptstädter hatten allerdings ihre eigenen Ideen und wollten zu aller erst den langsamen Kenny Frease aus dem Spiel nehmen. So liefen sie beispielsweise sehr hohe Pick&Rolls mit dem Gegenspieler von Frease oder zogen das Feld weit auseinander, wenn der Center der Braunschweiger Elmedin Kikanovic verteidigen musste.

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Dies sollte ALBA offene Würfe eröffnen. Frease sank auch bei dem Blocken und Abrollen immer ab, um eher den Ring zu schützen, als einen schwereren Midrange-Jumper abzugeben. Hier laufen die Albatrosse sehr erfolgreich ein Pick&Roll und Frease bleibt in Korbnähe, sodass Akeem Vargas einen offenen Wurf erhält. Doch da der Defensivspezialist offensiv eher seltener in Erscheinung tritt und sich zudem in einer schlechten Wurfposition befindet, verwandelt er ihn nicht und die Löwen bekommen genau das, was sie wollen.

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Analog verzichtet Frease auch in der folgenden Szene darauf Kikanovic ernsthaft unter Druck zu setzen und konzentriert sich auf die Reboundarbeit.

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Auch im weiteren Verlauf der Anfangsphase schafft es die drittbeste Offensive der Liga nicht, sich solide oder gar offene Würfe zu erspielen. Hier ein kleiner Ausschnitt daraus, zu welchen Würfen die Berliner in den ersten zehn Minuten ansetzten. Zusätzlich sollte dabei die Shotclock beachtet werden. (Milosavljevic entschied sich im zweiten Bild noch für einen Pass -> Turnover)

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Sofern die Albatrosse in der letzten Woche nicht mit Dirk Nowitzki trainiert haben sollten, bleibt die Frage, wie so viele Fadeaway-mit-der-Hand-im-Gesicht-Zweier zustande kommen. Alles auf die gute Defensive der Löwen zu schieben, wäre zu einfach, wenn gerade mal sieben Sekunden von der Schussuhr abgelaufen sind. Im Endeffekt heißt das, dass Braunschweig defensiv erstmal gar nicht viel machen musste und ALBA selbst schon sehr früh in der Shotclock schlechte Entscheidungen traf. Viele Würfe wirkten erzwungen, die Systeme wurden nur selten zu Ende gespielt und ihr Brot und Butter, nämlich das Pick and Roll, wurde nie zu einer echten Waffe.

Positiv bleibt da hervor zu heben, dass Berlin trotz der vielen Fehlwürfe im Rebound sehr aggressiv zur Sache ging. Allein in der ersten Halbzeit war die Dominanz am offensiven Brett so groß, dass daraus noch etliche neue Chancen entstanden. Das Problem war hier nur, dass es weiter an offensiver Kreativität fehlte und so auch die neuen 14 Sekunden nicht effektiv genutzt wurden. Viel eher liefen sich die Guards im Zug zum Korb fest, passten wieder nach Außen, sodass bei nur noch wenigen Sekunden auf der Uhr nur noch Verzweiflungsversuche blieben. Insgesamt 49 Abpraller sammelten die Hauptstädter ein, davon alleine 22 offensiv.

Ein Team, das 22 Offensivrebounds holt, sollte eigentlich niemals ein Spiel verlieren, allerdings sank mit den Wurfquoten auch das Selbstvertrauen der Berliner immer mehr.

Erst kein Glück, dann auch noch Pech

Denn nachdem zu Beginn die vielen schweren Würfe nicht fallen wollten, änderte sich dies auch in der zweiten Halbzeit bei vermeintlich leichteren Abschlüssen nicht. Am Ende standen vier von 29 Dreier auf dem ALBA-Statistikbogen, was dazu führte, dass Braunschweig die gegnerischen Schützen nicht mehr respektierte. Immer wieder fanden sich Albatrosse ganz offen am Perimeter wieder. Nutzen konnten sie das allerdings viel zu selten.

Hier stürzen sich gleich drei Verteidiger auf Mitchell Watt, um ihm keinen einfachen Wurf zu ermöglichen. Dass Alex King dabei auf der Weakside freisteht, stört die Braunschweiger bei seinen Quoten (0/3 Dreier) zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr.

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Auch als Ismet Akpinar sich durch einen einfachen Block freispielt, sinkt sein Verteidiger Derek Needham lieber zu dem näher am Korb platzierten Watt ab. Akpinar nun also ebenfalls komplett frei, was er in diesem Fall auch für drei Punkte nutzen kann.

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Um die schwache ALBA-Offense auf noch eine weitere Probe zu stellen, stiegen die Löwen zusätzlich auf ihre Zonenverteidigung um. Dies hatte zur Folge, dass die Drives der Albatrosse nochmals ineffektiver waren und der Ball nur noch an den Perimeter gepasst wurde. Selten fanden die Hauptstädter die Freiwurflinie, also das Herz der Zone, um aus dieser Position heraus agieren zu können. Insbesondere wenn dann auch noch der Shotcreator Will Cherry, der zusätzlich einen schwachen Tag erwischte, auf der Bank saß, hatten sie große Probleme geordneten Basketball zu spielen. Wie in der folgenden Sequenz zu sehen, waren die offensiven Möglichkeiten der Berliner gering, wenn Vargas und King als Schützen aufgrund ihrer Wurfschwäche kein Spacing boten und Watt und Kikanovic am Brett kaum gefunden werden konnten.

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Der Ball wurde letztendlich viel zu langsam bewegt, um in der eingespielten Zone überhaupt Lücken reißen zu können. Auch in diesen Szenen war spürbar, wie sehr die Berliner ihren Aufbauspieler Jordan Taylor vermissten. Seine Kreativität und Passstärke hätten ALBA auch in der Partie viel Sicherheit und auf jeden Fall bessere Würfe gegeben. Sein Backcourt-Partner Cherry kam zudem am Ende auf null Punkte und keinen getroffenen Dreier bei neun Versuchen.

Nicht besser, aber Grant

Nun sind die Probleme der Albatrosse offensichtlich, doch letztendlich verloren sie dieses Spiel lediglich mit drei Zählern. Der Grund dafür liegt auf der Hand: die Löwen zeigten sich offensiv keineswegs besser. Allerdings war dies, wenn auch nicht in diesem Ausmaß, zu erwarten, wenn die fünftschwächste Offensive der Liga gegen eine Top-Verteidigung spielt. Denn auch die Würfe der Niedersachsen waren von Beginn an keine leichten. Zudem versäumten sie es wieder Kenny Frease unter dem Korb zu füttern. Weiterhin muss festgehalten werden, dass die Löwen durch ihre Rebound-Unterlegenheit 15 Würfe weniger kreieren konnten als ALBA Berlin. Dies lässt ihre Wurfquote (34,0%) um elf Prozent besser aussehen, als die der Albatrosse (23,1%). Doch auch Coach Raoul Korner kann, trotz eines Sieges gegen Berlin, nicht sonderlich zufrieden sein. Zu verdanken hatte es der Tabellenneunte am Ende (wieder mal) Keaton Grant. Der Topscorer der BBL blieb in der ersten Halbzeit komplett ohne Punkte, kam am Ende gerade mal auf fünf Zähler, aber erzielte den Big-Time-Dreier 80 Sekunden vor Schluss. Dabei hatte sich dies schon angedeutet.

Immerhin bleibt ein Scorer wie Grant nur selten ohne Akzente. Insbesondere in einer solchen Partie. Der 29-Jährige versuchte es zwar immer wieder, aber die Berliner nahmen ihn hervorragend aus dem Spiel und zwangen ihn zu gut verteidigten Dreiern oder schweren Würfen gegen die athletischen Bigs wie Watt am Korb. Doch wenn ein Spieler wie Grant solche Würfe bekommt, wirft er sich, wenn er hier auch verfehlt, irgendwann warm:

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So war es dann letztendlich kein Wunder, dass er auch den folgenden Wurf nehmen würde, um das Spiel für seine Mannschaft zu entscheiden. Cherry geht zusätzlich noch unter dem Screen her, was gegen ein Shooter wie Grant (40,6% Dreierquote), auch wenn er bei 0/13 Field Goals und 0/7 Dreier steht, eine schlechte Idee ist.

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Für ALBA Berlin endete die Partie exemplarisch. Zuerst hatte Vargas nach einem Kickout-Pass hier den ganz offenen Dreier zur Vier-Punkte-Führung in der Hand…

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… dann setzte Kikanovic zehn Sekunden vor Schluss wieder mal zu einem extrem schweren einbeinigen Fadeaway bei ablaufender Schussuhr an.

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Nur in einem der beiden Fälle, kann die Defense der Löwen hervorgehoben werden. Doch in beiden Situationen findet der Spalding -wie die ganzen 40 Minuten lang – nicht den Weg durch die Reuse .

Es bleibt ein Spiel zweier großartigen Defensivteams, die uns ihre offensiven Abgründe offenbart und damit Historisches vollbracht haben. Zusätzlich kann davon ausgegangen werden, dass neben den Fans auch die Coaches so etwas nicht häufiger sehen wollen. Denn auch wenn wenig zugelassene Punkte erfreulich sind und der alte Spruch „Defense wins championships“ lautet, hat eine funktionierende Offense noch keinem Basketballteam und –spiel geschadet. Das wissen wir nun spätestens seit vorgestern.

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