Golden State Warriors

Die Dominanz der Warriors

Gehen der Liga die Top-Teams aus?

Die Golden State Warriors sind im Spätherbst und zur Jahreswende 2015/16 die Attraktion der Liga. Schneller, offensivorientierter – in den Augen vieler Beobachter besonders schöner – Basketball sowie die regelmäßigen Scoring-Explosionen der Superstars Stephen Curry und Klay Thompson machen das Team beliebt wie die Triple-Doubles eines Draymond Green. Dazu kommt der Erfolg, der im Vergleich zur schon extrem starken Meister-Saison des letzten Jahres noch einmal deutlich vergrößert wurde. Erst zwei Niederlagen (davon eine ohne MVP Stephen Curry) erlaubte sich das Team von Interims-Coach Luke Walton, der den erkrankten Steve Kerr vertritt, bisher. Startrekord mit 24 Siegen in Serie inklusive. Kurzum, es ist bislang eine vielleicht perfekte Saison. Dabei hatten die Vorzeichen das nicht unbedingt erwarten lassen. Die Leistung des vergangenen Jahres schien kaum steigerbar und in den Finals hatten die Warriors größere Schwierigkeiten als erwartet mit den von Verletzungen extrem geschwächten Cleveland Cavaliers. Dennoch gibt es mehr Siege und auch sonst scheinen die Warriors in einer eigenen Liga zu spielen. Wie ist dieser zu erklären?

Die Offensivstärke der Warriors 

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Warriors sind verdammt gut und spielen besser als noch im letzten Jahr. Auf den ersten Blick wird man mit Stephen Curry den besten Spieler für die Verbesserung des gesamten Teams verantwortlich machen. Der Guard, amtierender MVP, konnte seinen Punkteschnitt um fast 7 Zähler steigern. Auch in der offensiven Effizienz zeigt er sich mit einem ORtg von 126 zu 122 im vergangenen Jahr verbessert. Ebenfalls gestiegen sind seine Usage-Rate (von 28.9 auf 32.2%) und sein Dreivervolumen (von 8.1 auf 10.5 3PA); beides hatte sich in den letztjährigen Playoffs schon abgezeichnet. Curry hat seine schon MVP-würdigen Leistungen sowohl in Effektivität als auch in Effizienz noch einmal erheblich gesteigert, eine beachtenswerte Entwicklung, die in der Geschichte der NBA wahrscheinlich ziemlich einmalig ist. Als alleinige Erklärung für den Leistungssprung des gesamten Teams reicht das jedoch nicht aus, obwohl natürlich die weiteren Faktoren auch einen Einfluss auf Curry haben und umgekehrt. Im Mai wurde auf Go-to-Guys.de die damalige Abhängigkeit der Offensive der Warriors vom Backcourt-Duo Curry/Thompson in den Mittelpunkt einer kritischen Analyse gestellt. Die damalige Schlussfolgerung war, dass die Warriors sich im Sommer mit einem Plan C oder D beschäftigen sollten, um die Nachteile dieser Abhängigkeit abfangen zu können. Nun muss konstatiert werden: Das ist ihnen eindrucksvoll gelungen.

Betrachtet man die Offensive der Warriors, so fallen drei Dinge sofort auf: erstens die Kombination aus sehr hohem Dreier-Volumen (Platz 2 ligaweit) und der höchsten Dreierquote, zweitens die geringe Anzahl an Drives (nur 18.1/G, vorletzter Platz) und dem ersten Platz in potentiellen (52.5) sowie tatsächlichen (28.7) Assists. Weiterhin ist die Offense der Warriors die mit Abstand beste der Liga. Im Vergleich zum letzten Jahr haben sich die Werte verändert: Die damals schon niedrige Zahl der Drives hat sich noch weiter verringert, während die beiden Assistzahlen leicht gestiegen sind. Das Offensivrating des Teams verbesserte sich dabei von 111.6 auf 113.7. Die auffälligste Verbesserung gab es bei der Dreierquote, die von 39.8% 2014/15 auf 42.1% in dieser Saison anstieg. Soweit die Zahlen. Was bedeutet das nun?

Die Warriors haben es nicht erst seit gestern geschafft, ein extrem effizientes Passsystem zu entwickeln. Der Ball läuft und durch geschickte off-Ball-Bewegung der Spieler wird meistens und schnell der am besten postierte Mann gefunden. Folglich führen die Warriors die Liga auch in der „Adjusted Assist to Pass %“ an – ein Maß für die Anzahl der potentiellen und tatsächlichen Assists pro Pass; bei den Warriors sind damit 12,6% aller Pässe potentielle oder tatsächliche Assists. Auch hier gab es eine leichte Verbesserung zum Vorjahr. Durch diese und individuelle Verbesserungen lässt sich die deutlich höhere Dreierquote erklären; die Dreier sind besser herausgespielt, dadurch offener und werden von den zusätzlich individuell besseren Spielern folglich mit höheren Quoten getroffen. So trifft z. B. Dramond Green, der nebenbei seine Playmaking-Fähigkeiten auf ein ganz neues Level gehoben hat, dieses Jahr 41,3% seiner Dreier. 2014/15 waren es noch 33,7%. Zudem tragen einige Rollenspieler wie Brandon Rush mehr in Sachen Dreier bei als noch vor einem Jahr. Ebenfalls verbessert hat sich die Punktausbeute der Warriors durch Pässe in die Zone (von 13.4 auf 16.1); auch das ist eine direkte Folge des verbesserten Passings, da Golden State weiterhin nicht wirklich mit Drives agiert. Alles in allem hat das Trainerteam es geschafft, die Offensive nochmals zu verbessern, während das Niveau der Defense gleich geblieben ist. Dennoch – die Verbesserungen machen insgesamt nur gut 2 Punkte im ORtg aus. Die Steigerung der wahrgenommenen und in Siegen ausgedrückten Dominanz der Warriors drückt das nicht wirklich aus. Wie kann man sich dies erklären?

Alles eine Frage der Wahrnehmung 

In Bezug auf die Wahrnehmung der Warriors wäre es naheliegend, von einer Verzerrung selbiger in der Öffentlichkeit auszugehen. Diese könnte darin begründet liegen, dass die Warriors des letzten Jahres als weniger spielstark wahrgenommen wurden als sie waren – oder dass der Streak am Anfang der Saison einen inzwischen nicht mehr haltbaren Hype erzeugt hat. Gerade zu Letzterem ist anzumerken, dass die Offensive der Warriors eine gewisse Regression zur Mitte hinter sich hat und das ORtg in den letzten Wochen gefallen ist. Dies ist allerdings normal und die Regression fand selbstredend auf einem enorm hohen Niveau statt. Hier muss zusätzlich angemerkt werden, dass die Warriors in Sachen Dominanz von den Spurs inzwischen eingeholt und in einigen Kategorien wie dem NetRating sogar überholt wurden. Durch die unspektakuläre Spielweise der Spurs bekommen diese jedoch nicht so viel Aufmerksamkeit. Auch eine auf die enorm starken Leistungen Stephen Currys und zuletzt Draymond Greens reduzierte Wahrnehmung muss in Betracht gezogen werden, sind es in der NBA doch traditionell die Superstars, die den Großteil der Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Die Schwäche der Anderen 

All die genannten Faktoren spielen sicherlich eine Rolle. Doch der Hauptgrund für die augenscheinliche Dominanz der Warriors ist ein anderer: die Leistungen der anderen Teams. Der Vergleich ist die Grundlage eines jeden sportlichen Wettkampfs. Genauso werden auch die Leistungen von Teams in der NBA – insbesondere beim flüchtigen Betrachten der Spiele, aber auch der Statistiken – immer im Kontext zu den sportlichen Mitbewerbern gesehen. In genau diesem Bereich gab es in dieser Saison eine bemerkenswerte Entwicklung: Zum einen muss konstatiert werden, dass die durchschnittliche Offense der NBA schlechter geworden ist. Statt bei 105,8 im vergangenen Jahr liegt das ORtg der Teams 2015/16 im Schnitt nur noch bei 104,8. Das allein ist jedoch noch keine Erklärung, insbesondere da die Philadelphia 76ers und Los Angeles Lakers einen enormen Leistungsabfall (auf eh schon niedrigem Niveau) hinnehmen mussten. Die hauptsächliche Erklärung für die Veränderung der Vergleichswerte liegt in einer anderen Tatsache: Im folgenden Diagramm sind die Offensivratings der Teams gegen die Abweichungen eben jener Ratings vom oben genannten Mittelwert für die Spielzeit 2014/15 aufgetragen.

Diagramm 1 Wie unschwer zu erkennen ist, sind die einzelnen Teams einigermaßen gleichmäßig auf der Geraden verteilt. Es gibt wenige sehr gute, mehrere gute, viele mittlere und ein paar ganz schlechte Teams. Insbesondere hat die Gruppe der guten Teams, quasi die „obere Mittelschicht“, überdurchschnittlich viele Vertreter. Das waren letztes Jahr insgesamt acht Mannschaften: Teams wie Dallas, Atlanta oder Houston. Die Spitzenplätze besetzten die Clippers, Golden State, Cleveland sowie Toronto.
Das Bild dieser Saison ist ein völlig anderes: Es gibt noch drei offensive Top-Teams – neben den Spurs konnten auch die Thunder ihr ORtg maßgeblich verbessern und zu Golden State aufschließen –, doch dahinter ist die oben genannte „Mittelschicht“ fast vollständig zusammengebrochen und besteht nur noch aus den Clippers und Toronto, die ihre Top-Platzierungen aufgeben mussten. Die anderen Teams aus diesem Bereich haben z.T. massive Einbrüche erlitten, die Pelicans und Chicago z. B. um jeweils runde vier Punkte.

Diagramm 2Dagegen konnten sich viele Mannschaften, die letztes Jahr noch deutlich unter dem Mittelwert lagen, verbessern und diese Teams konzentrieren sich im Diagramm geradezu in der Mitte der Geraden. Die New York Knicks waren bspw. mit einem ORtg von 99.9 im letzten Jahr Vorletzter. Jetzt stehen sie bei 104.1 Punkten. Es zeigt sich also, dass die Liga in Sachen offensiver Effizienz in weiten Teilen eine Regression zur Mitte erfahren hat. Dadurch wirkt die Offensive der Warriors, die sich ja im Gegensatz zum Trend noch verbessern konnte, umso effizienter, dominanter und visuell betrachtet auch schöner. Große Mengen an Backsteinen mag sich eben keiner anschauen.

Kaum noch Contender? 

Ähnlich sieht es bei einer weiteren direkt messbaren Größe der Dominanz aus, nämlich den Siegen. Ähnlich zum Offensivrating muss auch bei der Gesamtbetrachtung konstatiert werden, dass die Zahl der „Semi-Contender“ abgenommen hat. Dafür gibt es nun mehr mittelgute Teams, denen keiner einen wirklichen Contender-Status zuerkennen würde, besonders im Osten.

Diagramm 4

Noch im letzten Jahr sah die Verteilung etwas anders aus und es konnten – insbesondere einige West-Teams sind hier zu nennen – deutlich mehr Mannschaften Siegquoten von jenseits der 65% erzielen.

Diagramm 3
Das zementiert aus Sicht der Beobachter ebenfalls den Status der Warriors, da es so scheint, dass kaum mehr ein Team ihnen das Wasser reichen kann, schon gar nicht in einer Serie über sieben Spiele. Und in Wirklichkeit ist es ja auch so, dass Golden State kaum ein Spiel verliert. Das hängt wiederum auch mit der Schwäche der anderen zusammen. Im Basketball setzt sich insbesondere bei der Beteiligung eines sehr starken Teams das Team mit der größeren Spielstärke durch, Siege krasser Außenseiter sind seltener als bspw. im Fußball; insbesondere wenn das deutlich bessere Team so motiviert ist wie Golden State. Auch hat der Spielplan die Warriors begünstigt. Laut ESPN steht ihr Schedule auf dem 22. Platz aller Spielpläne der NBA und gegen ihre beiden größten Widersacher im Westen, Spurs und Thunder, mussten die Warriors noch gar nicht spielen.

Fazit

Die Warriors spielen isoliert betrachtet eine bärenstarke Saison, insbesondere in der Offensive. Das Management und der Coaching-Staff haben alles richtig gemacht, die Spieler haben sich bestmöglich entwickelt und sind jederzeit in der Lage, Weltklasse-Leistungen abzurufen. Doch dass die Warriors fast alles schlagen, hat nicht nur mit ihnen zu tun. Man könnte fast schreiben, dass dem Team die Gegner ausgehen und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ob es ein genereller Trend oder ein zufälliges, nicht wiederkehrendes Zusammentreffen von mehreren Zufallsfaktoren ist, dass die Leistungen der übrigen Teams bis auf wenige Ausnahmen sehr nahe zusammengerückt sind, muss noch anderweitig beleuchtet werden.
Fakt ist: Der Liga gehen die Pre- und Contender neben und hinter Warriors, Spurs, Cavs und Thunder aus. Dadurch wird es im Mittelfeld spannender, an der enteilten Spitze herrscht jedoch bis zum Beginn der Playoffs fast schon Langeweile. Ob das im Sinne der Liga ist und ob der Trend sich langsam wieder umkehren wird, bleibt abzuwarten. Einigen Teams wie z. B. den Grizzlies oder Rockets, die das Spielermaterial eines Contenders besitzen, ist es durchaus zuzutrauen, dass sie in den verbleibenden 50 Spielen noch aufholen. Fakt ist aber auch: Die Warriors sind verdammt gut. Sie sind das team to beat, wer den Titel haben will, muss sie schlagen. Und daran wird sich zumindest in dieser Spielzeit nicht mehr viel ändern.

 

Statistiken via basketball-reference.com – Stand 05.01.2016

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1 comment

  1. Avatar

    Coach K

    Guter Bericht.

    Vor allem Klasse aufgearbeitet das es nicht an den Warriors alleine liegt sondern auch an den anderen Teams.
    Wie du ja geschrieben hast gibt es viele Teams die jetzt im Mittelfeld "hängen". Ich bin hier besonders gespannd wie sich der Playoffkampf im Osten entwickelt. (da es scheint das es hier jetzt einige Teams gibt die um die 50% liegen).


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