Eisbären Bremerhaven

Die Offball- und Spacing-Probleme der Eisbären

Zahlendreher: 0,72

0,72. Dies ist die Assist/Turnover-Ratio der Eisbären Bremerhaven unter Muli Katzurin in dieser Spielzeit. Während diese Zahl alleine keine besondere Bedeutung hat, fällt beim Vergleich mit allen anderen Beko BBL-Teams auf, wie und wo sie einzuordnen ist. So ist die Assist/Turnover-Ratio bei den anderen 17 Teams immer über eins. Der Vorletzte in dieser Kategorie, medi Bayreuth, kommt immerhin auf einen Schnitt von 1,05. Lediglich Bremerhaven fällt dort mit dem extrem schwachen Wert von 0,72 total aus der Reihe. Doch damit sind auch schon die beiden größten Probleme der Seestädter in dieser Saison erklärt.

Lieblingsdisziplin Post-Up

Die Bremerhavener mussten in diesem Sommer wieder mal einen erheblichen Spielerwechsel durchführen. Nach einer schwachen letzten Saison, die in Platz 15 mündete, sah Manager Jan Rathjen sich gezwungen das Team komplett zu erneuern. Nur Aufbauspieler Jerry Smith wurde gehalten, der allerdings auch erst Mitte der letzten Spielzeit zu den Eisbären stieß. Ansonsten hatten Rathjen und Katzurin das Ziel, ein echtes Team zu formen, da es in der vergangenen Saison häufig nur nach einer Ansammlung von Einzelspielern aussah.

Umso verwunderlich war es dann, dass sich zu Beginn dieser Spielzeit überhaupt nichts geändert hatte. Wieder wirkte die Mannschaft nicht wie eine Einheit auf dem Court, zudem war wieder das Verhältnis der deutschen und der Ausländer-Positionen unverhältnismäßig. Dies verschlimmerte sich dann zusätzlich noch mit der schweren Verletzung von Philip Zwiener, dem eine größere Rolle auf einem deutschen Posten zukommen sollte. Somit hing  wieder viel von dem Zusammenspiel der Amerikaner, in diesem Fall Smith, Brendan Curry, Larry Gordon, Tony Bishop, Raymond Sykes, Kyle Fogg und später Tyrus Thomas ab. Diese teilen sich die meisten Minuten mit Center Jannik Freese und dem deutsch-amerikanischen Big Man Waverly Austin.

Aus dem genannten Spielermaterial entsteht ein weiteres Problem: Die Eisbären haben Schwierigkeiten die Mitte zwischen Guard- und Big Men-lastigem Spiel zu finden. In der letzten Spielzeit war sehr viel auf die schnellen Guards wie Smith, Lorenzo Williams oder Moses Ehambe ausgerichtet. Entsprechend nahmen sie auch die meisten Abschlüsse, allerdings häufig nur total ineffiziente lange Zweier oder gut verteidigte Dreier. Nun hat man mit Gordon und Fogg zwar wieder zwei wurfwütige Wings, jedoch ist man unter den Brettern mittlerweile signifikant besser aufgestellt, sodass auch diese Stärken genutzt werden sollten.

Also hatte Katzurin sich dazu entschieden, in diesem Jahr viel über das Post-Up der großen Spieler laufen zu lassen. Sehr oft war es zu sehen, dass Freese oder Austin im Low-Post bedient wurden. Der Ansatz ist sicherlich kein schlechter, da man so endlich von der eindimensionalen Spielweise wegkommt. Allerdings entstanden so ganz neue Probleme bei den Bremerhavenern, die Katzurin während seiner Amtszeit nicht mehr lösen konnte und die schließlich zu seiner Entlassung führten.

Ein fundamentaler Teil des Post-Ups eines großen Spielers ist das, was außen herum passiert: Wie sind die vier anderen Spieler, die nicht im Besitz des Balles sind, postiert? Immerhin gleicht eine Post-Up-Situation meist einer Isolation, da der aufpostende Akteur gerne viel Raum zum Arbeiten hätte. Außerdem lässt sich so die gegnerische Verteidigung auseinanderziehen und beim möglichen Doppeln kann der freie Mitspieler gefunden werden.

Bei den Eisbären lief aber genau dieser Teil alles andere als sauber. In dieser Szene bekommt Freese den Ball im Low-Post und möchte seine körperliche Überlegenheit ausnutzen. Allerdings kann die Gießener Defense alle Augen auf den deutschen Center richten, da die ballferne Seite der Bremerhavener praktisch nicht existent ist. Gordon und Fogg schauen nur auf den Ball, laufen merkwürdig nebeneinander her und machen keine Anstalten wurfbereit zu sein, falls der Pass zu ihnen kommen sollte. Die Gegenspieler aus Gießen können locker in der Zone auf Freese warten und notfalls Help-Defense spielen.

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Um dem Ganzen dann die Krone aufzusetzen, schneidet Neuzugang Fabian Bleck ausgerechnet auch noch dorthin, wo Freese sich gerade hinarbeitet. Der bemalte Bereich ist nun mit vier (!) Gegenspielern bedeckt und Freese, der mit dem Rücken zum Korb steht, kann nur erahnen, wie wenig Chancen er auf einen Korberfolg hat. Des Weiteren rückt Smith nach dem Pass nicht an die Dreierlinie heraus, was es auch für seinen Defender einfacher macht zu doppeln.

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Doch damit noch nicht genug: Als Freese es kurze Zeit später wieder versucht, haben sich zwar die Positionen der Offball-Spieler etwas geändert, doch die Probleme bleiben exakt dieselben: Smith und Gordon machen oben das Feld nicht breit genug und zu allem Überfluss cuttet Fogg, einer der besten Schützen der Eisbären, direkt unter den Korb und zieht damit seinen Gegenspieler direkt zu Freese hin. Am Ende der Sequenz stehen alle fünf Gießener in der Zone und schauen Freese beim Aufposten zu. Defense leicht gemacht!

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Auch der folgende Screenshot zeigt ein Post-Up von Freese. Endlich haben es die Eisbären geschafft, die gegenüberliegende Ecke zu besetzen und haben damit ein Ansatz von Spacing. Dieses wird allerdings gleich zerstört, als der zweite Big, Raymond Sykes, sich unbrauchbar vor Freese platziert und somit seinem Mann, Shawn Huff, die einfache Möglichkeit zum Doppeln bietet.

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Sollte es nämlich dann zu besagtem Doppeln kommen, hat der aufpostende Big Man oft nur wenig Möglichkeiten. Hier wäre lediglich Sykes an der Verlängerung der Baseline frei gewesen. Smith erkannte die Situation zu spät, sonst hätte er seinem Center mit einem Pass in die Ballside-Ecke aushelfen können. Grundsätzlich würde es aber seltener zu solchen Situationen kommen, wenn das Spacing besser wäre. Immerhin ist Freese nicht zwangläufig ein Spieler, den man unbedingt im Low-Post doppeln muss.

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Mehr Reden, mehr Spacing

Außerdem scheint in vielen Situationen einfach die Absprache zu fehlen, um mehr Platz auf dem Court zu schaffen. Viel zu häufig haben zu viele Spieler dieselben Gedanken und laufen sich so praktisch gegenseitig die Räume zu. Hier beispielsweise würde Smith gerne zum Korb cutten, allerdings scheint Gordon eine gänzlich andere Auffassung der Situation zu haben und schneidet eben zu Smith herüber, was dem wiederum einiges an Raum raubt. Yorman Polas Bartolo, der Defender von Gordon, kommt nämlich jetzt nur aufgrund des Cuts in die Zone und versperrt Smith somit den Weg.

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Genauso verhält es sich bei der Ausführung des Blockens und Abrollens. Hier kommt Freese für einen Screen zu Gordon, allerdings verteilen sich die anderen drei Spieler denkbar schlecht am Perimeter. Somit zieht sich wieder mal die gesamte Verteidigung zusammen und das Pick&Roll könnte verteidigt werden. Da Gordon dies bereits erahnt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als einen extrem schweren Dreipunktwurf mit der Hand im Gesicht zu versuchen.

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Auch wenn es nur einige wenige Beispiele sind, verdeutlichen sie, wie die Bremerhavener Offense auch in dieser Saison läuft: Der Spalding wird viel zu wenig gepasst, stattdessen wird der Ball einem Spieler in die Hand gegeben, der dann aus dem Pick&Roll, Post-Up oder der Isolation kreieren soll. Da die Off-Ball-Spieler sich zusätzlich kaum oder eben falsch bewegen, bleibt diesem Akteur aber meist nicht mal Platz, um etwas Sinnvolles heraus zu arbeiten. Kein Wunder also auch, dass die Seestädter bislang nur 45,9 Prozent ihrer Zweipunktewürfe trafen (Rang 17). Immerhin haben sie den zweitgrößten Anteil an langen Zweiern in ihrer Wurfauswahl (18,28%) und da diese im Großteil der Fälle folgendes Aussehen haben, wird es schwer, eine effiziente Offensive zu installieren:

bhaven

Genauso logisch ist die Konsequenz, dass Bremerhaven mit dieser Iso-Offense das absolute Ligaschlusslicht in Assists ist (13,4 APG). Sollten die Laufwege aber eben auch nicht angepasst werden, wird es sehr schwer den Ball mehr zu passen. Lange, gut verteidigte Pässe bringen immer ein gewisses Risiko mit sich, welches der Tabellenletzte in Sachen Ballverluste (17,9 TO/G) auch nur zu gut kennt. Hierbei wäre es ebenfalls von Vorteil, viel mehr Bewegung und damit auch Ballbewegung in die Offense zu bekommen.

Stand: 13.11.2015

Somit wird das Risiko von Turnovern reduziert, da zwar mehr aber dafür einfachere Pässe gespielt werden können.

Kombiniert mit den guten Schützen, die die Eisbären ja zweifelsfrei haben, die allerdings nur selten offene Würfe bekamen, sollten so auch wieder die Wurfquoten steigen. Trotzdem bleibt es die Aufgabe von Interimscoach Chris Harris, die Balance zwischen Inside- und Outside-Game zu finden. Es wäre fatal, Freese nur aufgrund der schwachen Bewegung am Perimeter nun seltener den Ball in die Hände zu geben. Immerhin hat der deutsche Center seine Qualitäten und sollte diese am Brett ausspielen können. Allerdings müssen dafür die Shooter mitspielen und sich in gefährlichere Positionen bringen, um damit auch die Defense des Gegners mehr zu beschäftigen.

Sollte Harris diese Absprachen im Team installieren können und die Stärken der einzelnen Spieler somit wieder mehr in den Vordergrund rücken, hätte das Team von der Nordsee realistische Chancen erstklassig zu bleiben. Andernfalls könnte die eklatant schwache Offense aber nicht mehr mit der soliden Defensive aufgefangen werden und Bremerhaven hätte schlechte Karten im Kampf um den Klassenerhalt. Und das nur wegen der 0,72.

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