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Die Bedeutung des Distanzwurfs für gute Offense

Sorgt der Wurf für gute Offense oder die Offense für einen guten Wurf?

Die grundsätzliche Bedeutung des Distanzwurfs für eine gute Offense ist kaum eine Frage: Zum einen wird die durchschnittliche Effizienz des Wurfs nur durch Freiwürfe und Abschlüsse in direkter Korbnähe übertroffen. Zum anderen brauchen vor allem diese beiden Formen Platz, und Spacing wird am besten durch den immer wichtiger werdenden Dreipunktwurf generiert. Die Entwicklung seit Einführung der Dreipunktlinie hat Dennis Spillmann bereits dargestellt: Das Volumen im Vergleich zu den übrigen Würfen steigt seit der Einführung des Distanzwurfs genauso wie – allerdings in geringerem Maß – die Quote.

Auch die erfolgreichen Teams der vergangenen Jahre bestätigen diesen Eindruck, zumindest auf den ersten Blick: Die letzten Meister brachten zwar jeweils ihre eigene Facetten ein, setzten allerdings alle stark auf Abschlüsse aus der Distanz: Die Mavs hatten in Nowitzki den ersten Big-Finals-MVP mit Reichweite. Die Heat gewannen ihre Titel (auch) dank ihrer Small Ball-Variante mit Shane Battier. Zuletzt prägten bei den Warriors in Steph Curry und Draymond Green zwei Akteure das Titel-Team mit ihrem Wurf und im Fall Greens der sich daraus ergebenden Rolle. Die Spurs sind ohnehin Vorreiter, wenn es um Teamplay und gute Wurfauswahl geht – und wie etwa Manu Ginobilis Shot Chart aus der Saison 2002/2003 zeigt, eindeutig nicht erst seit gestern.

Manu Shot Chart 2

Ein etwas weiter gefasster Blick lässt allerdings Zweifel aufkommen: 2014 standen zwei der Teams mit den wenigsten Dreiern in den Conference Finals. Die Grizzlies waren Letzter, die Pacers 25. der Regular Season. Allerdings setzten beide auf eine defensive Identität, offensiv waren die Teams gerade durchschnittlich. Der Wert dieser vermeintlichen Gegenbeispiele hält sich daher in Grenzen, eher noch sind die Thunder anzuführen: In den vergangenen drei Jahren fanden sie sich trotz Verletzungsproblemen immer in der Top 10 nach Offensivrating, 2012/13 sogar ganz vorne. Die Top 10 in genommenen Dreipunkt-Würfen erreichten sie in diesem Zeitraum jedoch nie.

Offense, Quoten und Versuche

Die Aussagekraft dieser isolierten Beispiele ist jedoch zweifelhaft: Zu deutlich hängt die Offense von einzelnen Spielern ab, als dass sich eine allgemeine Aussage ableiten lässt. Obwohl Steph Curry und Russell Westbrook beide Spielmacher sind und zu den besten 10 Spielern der Liga gehören, hinterlassen sie in den Dreipunkt-Statistiken sehr unterschiedliche Abdrücke. Kurzfristige Entwicklungen der ganzen Liga lassen sich nicht so einfach statistisch abbilden wie etwa die oben verlinkte langfristige Entwicklung. Dieser Artikel ist ein Versuch, den Zusammenhang von Dreipunktwurf, Spacing und Offense trotzdem so zu untersuchen.

Die logische erste Frage ist, wie Offensivrating (ORtg, als beste, weil Possession-basierte Statistik zur Offense) im Verhältnis zu Effizienz und Volumen der Distanzwürfe steht. Der Anteil der Versuche lässt sich am einfachsten mit 3PAr abbilden, was die Dreipunktwürfe ins Verhältnis zu den gesamten Feldwurfversuchen setzt. Ein Schönheitsfehler ist, dass in einem Foul oder Turnover endende Possessions so außen vor bleiben; für einen grundsätzlichen Vergleich ist der Wert jedoch ausreichend. Mit Rücksicht auf Aktualität, Übersichtlichkeit und Vergleichbarkeit finden nur die Daten der vergangenen Saison Aufnahme.

3P Stats

Auf den ersten Blick ist bei diesem Diagramm nur klar: Eindeutige Antworten lassen sich nicht finden, dafür sind die Sprünge zu groß. Bei genauerer Betrachtung werden allerdings mehrere Tendenzen deutlich: Die acht besten Teams lagen sowohl in Versuchen als auch in Effizienz durchgehend über dem Ligaschnitt. In den Top 10 folgen danach Pelicans und Thunder, die jeweils auf einen Star ohne effizienten Dreier bauten. Die Grizzlies auf Rang 13 sind das beste Team mit extrem niedrigem Anteil an Dreipunkt-Versuchen. Die Rockets auf Rang 12 warfen klar am Häufigsten aus der Distanz, konnten jedoch bei der Effizienz nicht ganz überzeugen.

Der sehr einheitlichen Spitze und dem unübersichtlichen Mittelfeld steht eine tendenziell zweigeteilte Bottom 10 gegenüber: Einige Teams hatten gute Quoten bei wenigen Versuchen, andere kombinierten viele Versuche bei schlechten Quoten. Zur ersten Kategorie gehören beispielsweise die Bucks sowie die Wizards des langjährigen Midrange-Fans Randy Wittman, der in den Playoffs allerdings etwas von seinem Kurs abwich. Celtics und Nuggets im unteren Mittelfeld sowie vor allem die letztplatzierten Sixers warfen relativ häufig aus der Distanz, trafen aber unter einem Drittel ihrer Versuche. Die Verbindung zu Daryl Moreys Rockets in Philadelphia scheint in dieser Statistik deutlich durch, was das derzeitige Talent-Übergewicht auf den großen Positionen noch interessanter macht. Zusätzlich fanden sich einige offensiv weitgehend dysfunktionale Teams wie die Hornets, die in jeder Hinsicht am Ende der Skala zu finden sind.

Welche Schlüsse lassen sich also aus diesen Daten ziehen? Erst einmal muss der naheliegenden Versuchung widerstanden werden, den Dreipunktwurf als Ursache für gute Offense auszumachen. Offensichtlich besteht ein Zusammenhang zwischen den beiden Werten, aber die Kausalität ist umgekehrt mindestens genauso überzeugend: Es wäre überraschender, wenn die besten Offensivteams ausgerechnet aus der Distanz nicht träfen. Daher ist die konkreteste Aussage zu guter Offense wohl, dass die Top 5 kaum mehr ohne überdurchschnittliche Distanzschützen zu erreichen ist. Interessanter könnte der Vergleich eher für Teams vom unteren Ende der Statistik sein: Gute Quoten bei einem unterdurchschnittlichen Volumen lassen auf Verbesserungspotential in der Spielweise schließen, wie sie die Wizards mit einer kleineren Starting Five auch gefunden haben.

Mehr als Quoten

Soviel zu den Anteilen der Versuche aus der Distanz – aber: Die Bedeutung des Wurfs für die Offense ist nicht gleichbedeutend mit Spacing. Treffen wenige Spieler viele Dreipunktwürfe, kann eine relativ gute Platzierung im oberen Diagramm entstehen, obwohl der Rest des Teams keinen Beitrag leistet. Wie etwa in den letztjährigen Playoffs in der Serie zwischen Warriors und Grizzlies sichtbar, kann schon ein offensiv weitgehend ungefährlicher Guard für erhebliche Probleme sorgen: Andrew Bogut war über längere Zeit der nominelle Verteidiger von Tony Allen, verteidigte aber praktisch nur die Zone. Die Warriors zogen offene Allen-Würfe den Alternativen der Grizzlies vor.

Auch die nie wirklich überzeugende Kombination aus Rajon Rondo und Monta Ellis bei den Mavericks litt unter dem wackeligen Wurf der beiden Guards. Da die Mavs zu Beginn der Saison mit Brandan Wright und Jameer Nelson eine der besten Offensiven der Liga-Geschichte aufs Parkett brachten, sind die Jahres-Werte etwas verzerrt. Trotzdem zeigt sich hier: Spacing-Probleme, eine gute Offense und viele Dreipunktwürfe widersprechen sich nicht zwangsläufig. Dirk Nowitzki, Chandler Parsons und die Backups glichen die Defizite ihrer Starting Guards teilweise aus. Trotzdem halfen die Gegenspieler von Rondo und Ellis häufig aus – das typische Bild der zweiten Saisonhälfte in Dallas könnte ein an der Baseline deplatzierter Rajon Rondo sein, dessen direkter Gegner sich mehrere Meter in Richtung Zone und Ball orientieren konnte.

Die Frage ist: Wie lassen sich diese Probleme durch Daten darstellen und visualisieren? Mit klassischer Datenerfassung bietet sich vor allem ein Vergleich an: Wie viele brauchbare und wie viele wirklich gute Distanzschützen hatten die Teams im Verhältnis zur Qualität ihrer Offense? Als Richtwerte für das folgende Diagramm sind 33% bzw. 37% gewählt: 33% bedeutet, dass der Wurf effizienter als die durchschnittliche NBA-Possession ist, 37% wäre in bisher jeder NBA-Saison eine überdurchschnittliche Dreipunkt-Quote gewesen. Um nur relevante Spieler miteinzubeziehen, waren für eine Aufnahme 1 3-Punkt-Versuch pro Spiel und 1000 Minuten nötig. Letzteres entspricht beispielsweise einem 15-Minuten Backup oder etwa einem die Hälfte der Saison verletzten Starter. Sonderfälle wie der Trade eines guten Shooters für einen anderen zur Saisonmitte fallen so zwar unter den Tisch, eine verlässliche Annäherung ergibt sich trotzdem. Das folgende Diagramm zeigt, wie viele verlässliche Distanzschützen ein Team konstant einsetzte.

3P Players

Der erste interessante Wert ist der Ligaschnitt von gut 4 mittelmäßigen und knapp 2 überdurchschnittlichen Dreipunktschützen. Für Teams unterhalb dieser Werte lassen sich an sich Spacing-Probleme diagnostizieren und eine ineffiziente Offense vermuten. Allerdings weist diese Einschätzung sowohl einen konzeptionellen als auch einen praktischen Schönheitsfehler auf: Erstens leiden an sich gute Shooter unter schlechten Teams, was die Werte verzerrt. Beispiel Denver: Trotz fünf Spielern im durchschnittlichen Bereich erreichte keiner die 37%, obwohl jeder dieser Spieler den Wert in zumindest einer Saison erreicht hatte. Arron Afflalo und Randy Foye weisen sogar einen Karriere-Schnitt jenseits der 37% auf, Danilo Gallinari und Ty Lawson liegen nur minimal darunter.

Das zweite Fragezeichen entsteht durch einen Blick auf die Top 10: Die Blazers und Thunder lassen sich noch durch Trades und Verletzungen als Sonderfälle einstufen – aber auch die beste Offense der Liga wies unterdurchschnittlich viele Spieler mit Reichweite auf. Mit Chris Paul und J.J. Redick gehören zwei Starter zu den besten Distanzwerfern der Liga; Matt Barnes war ebenfalls solide. Die Bank wies jedoch kaum positiven Spacing-Effekt auf: Jamal Crawford und Spencer Hawes blieben bei relativ hohem Volumen klar unter 33%. Andere Backups wie Hedo Turkoglu, Jordan Farmar und Reggie Bullock trafen zwar besser, spielten aber kaum.

Die Clippers stehen damit gegen die Tendenz der übrigen Top 10, in der vor allem Teams mit mehreren sehr guten Shootern stehen: Bei Warriors, Hawks und Spurs beruht die offensive Identität auf Dreipunktwürfen; Cavs, Raptors und die bereits angesprochenen Mavs legten ebenfalls großen Wert auf Versuche aus der Distanz. Aus diesem Diagramm ist es daher noch schwerer, eine allgemeine Tendenz zu lesen. Die Clippers haben gezeigt, dass trotz miserablen Spacings von der Bank individuelles Talent für die Spitzenposition reichen kann.

Eine Parallele zu den oberen Daten ist ebenfalls bemerkenswert: Die im Vergleich zur sonstigen Offense effizienten Distanzschützen bei Wizards und Bucks (sowie hier auch den Pacers) stechen am anderen Ende der Rangliste wieder heraus. Hier findet sich ein weiterer Beleg für die Vermutung, dass beide Teams in der Spielweise einige Luft nach oben gehabt hätten. Die beiden Diagramme unterstreichen daher, wie System und Personal bei Dreipunktwürfen und Spacing in der Regel ineinander greifen – so etwa bei den meisten Teams am oberen Ende der offensiven Effizienz –, aber Einzelfälle aus den Erklärungsmustern fallen.

Was kann Tracking Data?

Die bisherigen Beispiele beruhen im Wesentlichen auf klassisch erfassten Werten: Die Dreipunkt-Quote ohnehin, aber auch Offensivrating und 3PAr sind nur Möglichkeiten, erzielte Punkte beziehungsweise Dreipunkt-Versuche ohne verzerrende Effekte wie die unterschiedliche Pace der Teams darzustellen. Die in den letzten Jahren erfassten Player Tracking-Daten böten an sich viele Möglichkeiten, Spacing darzustellen. Ein Versuch, ‚gravity score‘ als Wert einzuführen, hat jedoch kaum Wirkung erzielt (hier einer der wenigen Versuche), Veröffentlichungen von größerem Datenmaterial fehlen ebenfalls.

Nachdem mit solchermaßen unvollständigen Informationen nicht zu arbeiten ist, bietet sich praktisch nur die Unterscheidung von Catch and Shoot sowie Pull Up-Versuchen als sinnvolle Analyse an. Die grundlegende Überlegung dahinter: Für Spacing ist es unerheblich, ob der Spieler nach einigen Schritten mit dem Ball noch treffen würde – ein Verteidiger sollte nur begrenzt in die Zone absinken, wenn der Gegner nach einem Pass überdurchschnittlich effizient trifft. Sobald ein Spieler in der Ecke stehend 33-34% seiner Würfe trifft, verlieren kreative defensive Anpassungen wie mit Bogut und Allen ihren Sinn. In dieser Überlegung liegt auch die Attraktivität der 3-and-D-Spieler – ein gerade noch mittelmäßiger Distanzwurf aus dem Stand kann ausreichen, um die Offense zumindest nicht zu behindern. Durch Spacing und das Verschieben von Würfen auf bessere Mitspieler kann der 3-and-D-Spieler einen positiveren Einfluss aufweisen als durch einen vergleichsweise besseren Zug zum Korb oder Mitteldistanzwurf.

Daher ist es in manchen Fällen sinnvoll, den Spacing-Effekt durch Catch and Shoot-Würfe von möglicherweise ungeplanten Würfen am Ende der 24 Sekunden oder in zusammengebrochenen Systemen zu unterscheiden. Besonders einige Spielmacher nahmen zu viele dieser Pull Up-Shots, während sie aus dem Stand gut trafen:

Bad3PtCsvsPullUp

Diese Tabelle zeigt, dass es unter den Spielern mit etwa 30 bis 33% 3 Punkt-Quote einige Spieler gibt, die als Off Ball-Spieler keinesfalls unterschätzt werden sollten. Der bereits angesprochene Jamal Crawford war am Ball deutlich ineffizienter, so dass aus diesen Zahlen ein positiver Spacing-Effekt gelesen werden sollte. Auch J.J. Barea traf etwa 42% seiner Catch and Shoot-Würfe, nahm aber mehr Pull ups – die er mit unter 25 % traf. Die Zahl der Versuche ist beispielsweise bei Russell Westbrook in einem noch größeren Missverhältnis. Allerdings wies er in der Vorsaison 2013/14 noch die Besonderheit auf, aus der Bewegung besser zu treffen (33,1 zu 27,6 %) – hier stellt sich eventuell die Frage, wie zuverlässig die Daten, etwa aufgrund begrenzter Stichproben, sind. Nicolas Batum und Eric Bledsoe fallen in der abgelaufenen Saison ebenfalls in die Kategorie der besseren Pull Up-Shooter, sind jedoch damit die klare Minderheit.

Fazit

Dieses Beispiel zeigt nur ansatzweise, was mit Tracking-Daten möglich wäre; in vielen Fällen fehlt jedoch der Zugriff auf die entsprechenden Werte. ‚Gravity‘ könnte beispielsweise auch die psychologische Seite des Spacings unterstreichen: Werden etwa Stars ohne guten Wurf besser verteidigt als Durchschnittsspieler mit Reichweite? Welche Rolle spielen Ballhandling, die Fähigkeit zu guten Cuts oder Drives? Auch die Frage, wie offen genommene Distanzwürfe waren, ließe sich mit gut aufbereitetem Tracking-Material untersuchen. Wer nur dank vieler offener Würfe an die 33% kommt, beeinflusst das Spiel anders als ein Dreier-Experte, dem praktisch immer ein Gegenspieler auf den Füßen steht – selbst wenn die Quote eben aufgrund der besseren Defense die gleiche ist.

Auch die ersten Beispiele, die mit klassischen Werten arbeiten, können keine endgültigen Resultate zum Thema Dreipunktwürfe und Spacing liefern. Dafür ist eine Frage, die Spielsysteme und individuelle Fähigkeiten verknüpft, auch viel zu komplex. Einige Antworten lassen sich aus den Diagrammen trotzdem ablesen: Erstens wird es in den nächsten Jahren vermutlich kein Top 5-Offensivteam geben, das nicht in relativ hohem Ausmaß aus der Distanz wirft und trifft. Zweitens werden dafür meistens mehrere Spieler gebraucht, um zu jedem Zeitpunkt Platz unter dem Korb zu generieren. Drittens sind gerade am Ende der Tabelle die stilistischen Unterschiede sichtbar, die in einigen Fällen auch problematische Spielsysteme deutlich machen. Viertens zeigen die Tracking-Stats, dass nicht immer alles so ist, wie es scheint – was für die Dreipunkt-Statistiken generell gilt: Zu oft ist nicht klar, ob Teams gute Offense spielen, weil sie aus der Distanz treffen, oder ob sie aus der Distanz treffen, weil sie gute Offense spielen. So exakt die Prozentzahlen der Würfe sind, so unübersichtlich sind die genauen Zusammenhänge bei der offensiven Effizienz.

 

Statistiken von basketball-reference.com und stats.nba.com

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