Go-to-Guys, NBA, Off-Court

Goodbye, Grantland

Was wir von der Plattform lernen konnten

Es fühlt sich unwirklich an. Unwirklich ist dies gleich aus zwei Blickwinkeln: Zum einen, dass ESPN einräumt, dass Grantland für Qualitätsjournalismus stand, dies aber wohl nicht wichtig genug sei; zum anderen – die persönlichere Sicht von uns -, dass Go-to-Guys.de augenscheinlich älter als Grantland ist und wird, aber dennoch so viel von der Plattform lernen konnte.

Die Etablierung von Qualität

Ende 2010 war Bill Simmons‘ Page 2 noch die berühmteste Kolumne des berühmtesten Basketballautors jener Zeit. Sie stand für Unterhaltung, gepaart mit klugen Gedanken, witzigen Ideen – oder idiotischen Einfällen. 2011 konnten wir dann verfolgen, wie Simmons den ESPN-Ableger Grantland schuf und verfolgten das Projekt interessiert, weil man 2011 noch gerne Simmons las und dementsprechend die nun ausgelagerte Kolumne weiter verfolgen wollte.
Interessiertere Basketball-Leser hatten sicherlich schon Einiges von Zach Lowe, damals noch bei Sports Illustrated tätig, gehört und seine Arbeit zu schätzen gelernt. Als Lowe jedoch zu Grantland wechselte, und damit zugänglich für ein spezielleres Basketball-Publikum durch die Popularität des Seitengründers wurde, erkannte man erst das volle Potenzial, was sowohl Grantland als auch Lowe in sich trugen.

Simmons rekrutierte mit Lowe und Kirk Goldsberry keine Kolumnisten im engeren Sinne, sondern Basketball-Analytiker. Goldsberry dürfte man durchaus auch kritischer hinterfragen, weil sein Fokus vielleicht zu sehr auf der mathematischen Visualisierung von Abschlüssen lag und seine Erkenntnisse an anderer Stelle schon herausgearbeitet wurden. 

Nichtsdestotrotz sensibilisierte auch dieser in großem Maße die Leser dazu, anhand von Zahlenmaterial zu analysieren, wie effizient ein Spieler auf dem Feld agierte.
Den Großteil des Lobs sollte jedoch zweifelsohne Lowe zugestanden werden. Wie niemand anderes im Basketballkosmos konnte und kann Lowe den Spagat zwischen Basketballbeobachtungen, richtigen Schlussfolgerungen und angenehmem Schreibstil vollführen. Es gab kaum einen Artikel, bei dem wir nicht unser Basketballwissen erweitern konnten (ausgenommen sind vielleicht Court-, Maskottchen- oder League Pass-Rankings), weil Lowe das Spiel seziert wie kein anderer.

Dies bemerkte auch Bill Simmons recht schnell, der in Podcasts mit Lowe meist nur noch als Moderator fungierte und von Lowes Expertise profitierte. Simmons selbst wurde aus NBA-Sicht immer inaktiver und fiel eher durch wilde Spekulationen oder Predictions als als Analytiker auf.
An dieser Stelle sollte auch angemerkt sein, dass nicht alles perfekt bei Grantland war. Jalen Rose‘ Podcast war mehr Entertainment, das sich zufällig mit Basketball beschäftigte, als Basketball-Talk mit Entertainment-Einflüssen. Auch die – fachlich horrenden – Saisonvorschauen von Simmons und Rose waren nur aus Unterhaltungssicht genießbar.

Was wir von Grantland lernten

Die relativ kurze Zeit, die Grantland uns schenkte, beeinflusste auch unsere Wahrnehmung des Spiels sowie die Fokussierung, welche Gegenstände wir als Journalisten untersuchen sollten. Wir konzentrierten uns vermehrt auf die Analyse des Spiels, weil auch wir weitergeben wollten, was uns auffiel. Zach Lowe hat uns nochmals genauer dafür sensibilisiert, was umsetzbar ist. Die Verknüpfung von Beobachtungen und Zahlenmaterial, unterlegt mit sinngebenden Videoausschnitten, klingt für uns heute, 2015, wie etwas völlig Alltägliches. 2011 war dies nicht der Fall. Allerdings war es der Fokus, den Lowe vorgab, der sinnbildlich für uns werden sollte: es geht (nur) um Basketball. Wir schauen Basketball. Uns geht es nicht um Drogen-, Gewalt- oder Sexskandale. Uns geht es nicht um Vines, Memes oder „Fußballspieler und Basketballer auf einem Foto“-Instagram. Uns ist der boulevardesque Teil der Privatpersonen, die zufällig Basketballer sind,  einerlei.

Wir interessieren uns für das Spiel – und nur dafür. Wir versuchen Basketball zu verstehen. Uns reicht es nicht aus, zu sagen, dass ein Team gewonnen hat, weil es das „mehr wollte“ oder jemand das „Sieger-Gen“ besitzt. Wir wollen gerade mittelfristig Trends aufzeigen, um begründen zu können, warum ein Team besonders gut verteidigt, warum es offensiv nicht so leicht auszurechnen ist oder ob Spieler overperformen.

Wir kämpfen gegen spielerische Vorurteile an, die sich aus dem Boulevard entwickeln. LeBron James ist ein Choker? Rajon Rondo ist ein Point-Guard-Gott? Michael Jordan bleibt für immer der beste Basketballer aller Zeiten? Russell Westbrook ist kein Point Guard / ein Shooting Guard? Ein Dreier-Team kann nichts gewinnen?
Über die Jahre haben sich zu viele Mythen gefestigt, die wir als haltlos angesehen haben – und dies anhand von (empirischen) Untersuchungen widerlegen konnten.

Dazu kommt – standortbedingt – noch ein weiteres Phänomen – und ein Grund, warum wir nie so gut sein können wie bspw. Zach Lowe: Wir haben keinen direkten Kontakt zur NBA als Organisation oder zu Franchises, um – wie zum Beispiel Beatwriter – aus erster Hand zu erfahren, wie es in einem Lockerroom aussieht oder ob das Verhältnis zweier Spieler gestört ist.
Wir haben uns auch gerade deswegen entschlossen, von diesen Themen Abstand zu nehmen, wenn wir keinen Zugriff haben. Wir können nur über etwas schreiben, was wir sehen. Wenn Ron Artest in Detroit in die Fanmenge springt, könnten wir dies thematisieren – warum er dies getan hat, können wir jedoch nicht ergründen. Man sollte nicht wild spekulieren, ob die Niederlagen der 76ers sich auf das Klima in der Organisation auswirken; wir wissen nicht aus erster Hand, was mit LeBron James‘ Rücken ist oder ob Paul Georges Knie hält. Selbst wenn wir Ärzte wären, hätten wir in diesem Einzelfall keinen Einblick.

All dies hat in jüngster Vergangenheit Jared Wade nochmals auf den Punkt gebracht:

Jared Wade, NBA Columnist, FanSided, @Jared_Wade

…on covering a team from afar
In 2015, you don’t need to be local to cover an NBA team well. The key to being credible from afar is knowing what you can and cannot speak about authoritatively. By simply watching 82 games on television, pouring through statistics, and reading every quote you can find about, for example, a team’s offensive philosophy, you can become an expert about a team’s strengths and weaknesses. You can break down plays through video clips or do deep-dive analysis into what factors cause the team to lose. But you cannot get anything more than secondhand info about the locker room dynamic, team chemistry, and interpersonal issues that might be affecting performance. So just focus on the things you can know — how the team plays basketball — not sideshow speculation.

Auf diese Maxime wollen wir uns auch weiterhin beschränken. Wir wissen, dass wir mit dieser Sicht mittelfristig nicht so populär sein werden, wie es möglich wäre, wenn wir alle Kanäle bedienen würden. Uns fehlt zu Teilen die Massentauglichkeit. Das ist und war uns immer bewusst. Wir werden diesen Weg jedoch weiter gehen, weil wir weiterhin an das glauben, was auch Grantland ausgezeichnet hat. 

Die Schließung von Grantland trifft uns deswegen, weil sie auf Basketballebene immer weniger Menschen dazu ermutigt, gut recherchierte, lange Analysen zu verfassen, die auf einer renommierten Webseite auch Beachtung finden. Gerade der Zeitpunkt der Schließung – 2014/15 war auch der statistische Durchbruch auf nba.com – widerspricht dem Zeitgeist, der immer mehr auf Spezialisierung abzielt. Es ist schade, dass augenscheinliche Qualität nicht gewollt wird, weil Formate wie “First Take” weitaus massenkompatibler sind. Der Trend ging naturgemäß schon immer in die Richtung, mit der man die meisten Menschen erreichte.
Wir wollen uns aber nicht verbiegen, sondern weiterhin Analysen und Beobachtungen auf die Weise präsentieren, wie wir dies für angemessen halten: manchmal zu lang, zu ausschweifend, zu zahlengestützt oder zu Themen, die nur einen kleinen Teil interessieren.

Wir möchten schlussendlich Bill Simmons für dieses augenöffnende Projekt danken. Ebenso geht unser Dank auch an Kirk Goldsberry und allen voran Zach Lowe für die Inspiration, dass weiterführende Analysen erwünscht sind – auch wenn man damit die breite Masse nicht erreichen kann. Grantland hat uns gezeigt, wie man Basketball lesen kann, fernab von Klicks, Werbung oder effekthaschenden Überschriften. So werden wir dieses Projekt auch in Erinnerung behalten. Es war uns eine Ehre. Goodbye. 

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