BBL, FC Bayern München

Die Andi Seiferth-Frage

Deutsche Big Men in der BBL

Dieser Artikel ist Teil unseres BBL Go-to-Guides, den ihr hier ansehen und herunterladen könnt.

 

Das Aus der Beko BBL-Mannschaft der Artland Dragons hat ganz Basketballdeutschland in diesem Sommer stutzig gemacht. Für die Spieler hieß es, sich neu orientieren zu müssen. Dies trifft besonders Andreas Seiferth schwer. Der deutsche Center war erst im letzten Jahr aus Trier zu den Drachen gewechselt und wollte dort den nächsten Schritt machen. Nun musste er sich schon wieder ein neues Team suchen. Für Seiferth ein sehr wichtiger Schritt, besonders wo der Markt für ihn nicht gerade groß war.

Deutsche Center in der Beko BBL

Immerhin sollte der Schritt vom abstiegsbedrohten Trier zu einer Playoff-Mannschaft für den mittlerweile schon 26-Jährigen der Wichtigste seiner Karriere sein. Doch nach der Verschiebung der Quakenbrücker Profi-Mannschaft in die ProB, ging es für Seiferth eben wieder um dieselbe Entscheidung. Ein Wechsel zu einem Mittelklasse-Klub hätte somit eher weniger in seine Vita gepasst. Bei den Playoff-Teams waren die großen deutschen Positionen allerdings bereits auch schon gut besetzt.

Ratiopharm Ulm verpflichtete sehr früh Philipp Neumann, die Telekom Baskets Bonn und ALBA Berlin hatten mit Dirk Mädrich bzw. Jonas Wohlfarth-Bottermann noch zwei deutsche Big Men unter Vertrag und der Meister entschied sich mit Yassin Idbihi für die erfahrene Variante. Letztlich schien es darauf hinauszulaufen, dass Seiferth wieder zu einem Mittelklasse-Klub zurückkehren müsse, da auch Oldenburg und Frankfurt diese Stelle bereits besetzt hatten. Relativ spät vermeldete kein geringerer als der FC Bayern Basketball die Verpflichtung des Berliners. Also Euroleague statt Abstiegskampf für den entwicklungswilligen Big Man?

Bei einem Blick auf das Münchener Roster wird allerdings klar, dass Seiferth lediglich als fünfter Big Man beim deutschen Meister von 2014 eingeplant ist. Rückkehrer Deon Thompson, der in seiner ersten Zeit beim FCB nur auf der Vier spielte, ist als Backup hinter John Bryant auf der Center-Position eingeplant. Hinzukommen mit Dusko Savanovic und Maxi Kleber zwei sehr unterschiedliche, aber starke Power Forwards, die ebenfalls nur wenige Minuten Entlastung brauchen werden. Bei der Spielervorstellung von Kleber wurde sogar auch er als möglicher Teilzeit-Center ausgerufen. Bleibt also am Ende nur die Idbihi-Rolle für Seiferth, der sich im besten Alter für einen Basketballer befindet?

Seine Leistungen aus der vergangenen Saison würden dem widersprechen, allerdings hat die Beko Basketball Bundesliga nicht viel Platz für deutsche Big Men, wie der Markt auch in diesem Sommer wieder gezeigt hat.

Die Basketball-Bundesliga wird auf jeder Position immer schneller und athletischer. Besonders die Big Men müssen diese Eigenschaften meist mitbringen, um unter den Körben für Furore sorgen zu können. Wie Trevor Mbakwe eindrucksvoll gezeigt hat, müssen Center auch gar nicht so groß sein, um zur Ligaspitze zu gehören. Alleine Mbakwes Atheltik bescherte ihm den Thron unter den BBL-Ringbeschützern und machte ihn am offensiven Ende zu einer wichtigen Stütze für zweite Bälle und einfache Körbe.

Um diesen Trend fortzusetzen, hat auch die Konkurrenz in diesem Sommer im athletischen Sektor aufgerüstet. Die Bayern ersetzen die sprungschwachen Vladimir Stimac und Jan-Hendrik Jagla mit Thompson und Kleber. ALBA ließ die Mitteldistanzwurf-lastigen Marko Banic und Leon Radosevic ziehen und spielt nun mit Mitchell Watt unter den Körben. Ulm rüstet mit Raymar Morgan auf, die Bonner Fans sehen zukünftig Aaron White durch den Telekom Dome fliegen.

Was bei all diesen Namen auffällt: Es findet sich darunter nur ein einziger Deutscher. Die Liga wird also immer athletischer, die deutschen Spieler allerdings nicht und somit müssen sie dieser Entwicklung Tribut zollen. Seiferth eignet sich hier als eines der besten Beispiele. Er besitzt ein breitgefächertes Offensivarsenal, ist defensiv höchstens solide und findet somit schon nur noch ganz wenige Teams vor, die ihn mit einem Vertrag ausstatten würden. Ist es also schlecht um die deutschen Big Men in der Beko BBL gestellt?

Diesen Eindruck hinterlässt zumindest der Blick auf die Kader der Bundesligisten. Gerade mal drei (!) von 18 Mannschaften werden aller Voraussicht nach einen deutschen Starting-Center ins Spiel schicken. Dabei handelt es sich um die Skyliners mit Johannes Voigtmann, die Telekom Baskets mit Dirk Mädrich und die WALTER Tigers mit Mahir Agva. Während Mädrich lediglich startet, um dann vom stärkeren Klimavicius ersetzt zu werden, sind die anderen drei in ihren Teams unumstritten.

Die restlichen 15 Mannschaften haben die Center-Position, teilweise sogar doppelt, mit ausländischen Spielern besetzt. Das Vertrauen in athletische Big Men, die die ursprünglichen Aufgaben eines Fünfers – verteidigen und rebounden- scheint auch bei kleineren Teams immer noch deutlich größer. Die Skyliners bieten mit Voigtmann das Gegenstück. Seine Rim-Protection-Werte waren weit von der Ligaspitze weg (23/44 oppFGs, 52,27% oppFG%) und auch im Rebounding zählt er nicht zu den besten Fünfern der Liga. Allerdings zählt er zu den besten passing-Big-Men der Beko BBL und hat offensiv genug Bewegungen und auch Range, um gegen Top-Center zu bestehen. Ähnliches kann der FC Bayern Basketball auch von Andi Seiferth erwarten, allerdings wohl in einer viel kleineren Rolle.

Ein offensives Hoch im Februar

In der vergangenen Spielzeit war Andreas Seiferth als Backup für Dragons-Center Anthony King eingeplant. Als dieser sich allerdings Mitte der Saison schwerer verletzte, trat der Deutsche aus dem Schatten des bulligen Fünfers hervor und trug einen größeren Teil zum Spiel der Drachen bei. So kam er alleine im Februar auf 14,8 Punkte und 5,4 Rebounds pro Partie. Headcoach Tyron McCoy schenkte ihm nach diesen starken Vorstellungen offensiv immer mehr Vertrauen und ließ ihn beispielsweise häufiger isoliert aus dem Low-Post agieren.

Des Weiteren fiel Seiferth, der über die Saison gesehen schwach reboundete (3,1 RPG), immer wieder durch das Erkämpfen von zweiten Bällen auf. So ging er danach auch immer wieder ohne Furcht zum Korb und versuchte auch in Bedrängnis abzuschließen.

(www.telekombasketball.de, ART-BON)

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Ein weiterer Punkt, der den guten Punkteschnitt von Seiferth umso erstaunlicher macht, ist die Wurfverteilung bei den Dragons. Die Männer von Tyron McCoy hatten eine extrem dreier-lastige Offense. Ganze 36,15 Prozent der Würfe kamen von jenseits der Dreipunktelinie, die Big Men wurden dagegen nur ganz selten eingebunden. Anthony King fehlte zudem das nötige offensive Potenzial, um ein wichtiger Bestandteil der Offensive zu werden.

So blieben Seiferth häufig nur die Rebounds oder die seltenen Post-Ups, bei denen er aber immer wieder gute Moves bewies, um mit seiner stark präferierten linken Hand abzuschließen. Weiterhin bringt der Ex-Trierer eine solide Grundschnelligkeit mit, die es ihm erlaubt gegnerische Fünfer in der Transition-Offense hinter sich zu lassen.

(www.telekombasketball.de, ART-BON)

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Auch wenn er aufgrund des stark nach außen verlagerten Spiels der Quakenbrücker immer wieder den Mitteldistanzwurf einstreute, bleibt das Game unter dem Korb sein Hauptaufgabengebiet. Immerhin traf er aus der Midrange in der letzten Saison nur 27,6 Prozent seiner Würfe. In der Zone, von wo auch mehr als drei Viertel seiner Abschlüsse kamen, brachte er es auf beachtliche 63,6 Prozent Trefferquote. Da er nicht der athletischste Akteur auf dem Parkett ist, beliefen sich diese Würfe hauptsächlich auf Korbleger und Hakenwürfe mit der linken Hand.

Immer wieder wurde er auf der rechten Seite des Courts gesucht, damit er in der Folge über seine rechte Schulter abschließen konnte. Seine fehlende Sprungkraft glich er häufig mit seinem weichen Handgelenk aus.

Shotchart: www.korbrechnung.de

Shotchart: www.korbrechnung.de

Im Gegensatz zu dieser auffälligen offensiven Leistung, standen seine Auftritte in der Defense. Zwar gelang es ihm zuweilen sehr ordentlich, seinen direkten Gegenspieler beim Wurf zu verteidigen, allerdings zeigte er als Teil der Teamdefense immer wieder Defizite. So wurde er vermehrt von einem Backdoor-Cut überrascht oder schaltete bei Rotationen zu langsam, um die Punkte des Gegners noch verhindern zu können.

(www.telekombasketball.de, ART-BAY)

(www.telekombasketball.de, ART-BAY)

(www.telekombasketball.de, ART-BON)

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Des Weiteren kann er auch nicht als Ringbeschützer im klassischen Sinne gesehen werden. Gegen athletische Guards und Wings hat Seiferth Probleme die Würfe ernsthaft noch verhindern zu können, da es ihm hier an Sprungkraft und Koordination für Blocks mangelt. So ließ er in vier gescouteten Partien elf von 19 Würfen noch durch die Reuse (57,89%), obwohl er in unmittelbarer Nähe stand, um den Versuch zu verteidigen.

Somit bedeutet dies für den FC Bayern Basketball auch, dass sie auf Lineups mit Seiferth und Savanovic verzichten sollten, die beide keine guten Ringbeschützer abgeben. Ansonsten sollte der Vize-Meister diese defensiven Schwächen abfangen können. Wenn dies erfolgreich umgesetzt wird, ist Seiferth eine weitere offensive Waffe, die sich die Münchener dort zugelegt haben. Noch vielseitiger und auch jünger als Idbihi, flog diese Verstärkung wohl etwas unter dem Radar, passt aber zum Stil der Roten. Für Seiferth kann es ein lehrreiches Jahr werden, allerdings ist es auch möglich, dass wir ihn bereits im nächsten Sommer schon wieder in einem neuen Dress sehen. Denn die Frage für den 26-Jährigen bleibt dieselbe.

Die Andi Seiferth-Frage

Auch wenn Andi Seiferth einen neuen Klub gefunden hat und in der kommenden Saison um den Meistertitel spielt: Es bleibt die Befürchtung, dass seine Minuten extrem limitiert sein werden und er seine positive Entwicklung nicht fortsetzen kann. Ganz im Gegenteil: Es könnte für ihn auch wie eine verpasste Spielzeit werden und er steht im nächsten Sommer wieder vor derselben Frage. Ganz ähnliches machte Robin Benzing zuletzt mit und er entschied sich zu dem Schritt ins Ausland, weil der Markt für ihn in Deutschland praktisch nicht existent war.

Außerdem bleibt die Frage, inwieweit die Beko Basketball Bundesliga die jungen deutschen Big Men fördern kann. Mit der Entwicklung zur athletischeren Liga werden auch die Ansprüche an die Jugendteams verändert. Auf diese Ausbildung muss schlicht mehr Wert gelegt werden, damit wir auch zukünftig deutsche Center in der Bundesliga starten sehen können. Bislang wird diese Position vor allem von amerikanischen Spielern dominiert, weil sie zwar nicht immer moderne, aber für das Spiel in der deutschen Liga wichtige Eigenschaften mitbringen. An dem Beispiel Andreas Seiferth werden wir in den kommenden Jahren gut verfolgen können, in wie weit sich da schon eine Veränderung erkennen lässt.

Vielen Dank an den FC Bayern München Basketball für das Titelbild.

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