College

Blue Bloods!

Bereits vor dem Start ihrer College-Karriere stehen viele High School-Talente vor einer großen Entscheidung: Es muss die Wahl getroffen werden, welches College der richtige Ort für die persönliche und sportliche Entwicklung der jungen Athleten ist. Nicht selten tauchen unter den endgültigen Favoriten dieselben Teams auf. Dies ist auch bei Harry Giles, der Nummer 1 der Class of 2016 in den ESPN Top-100, der Fall. Unter seinen Favoriten finden wir fast ausschließlich sogenannte Blue Bloods.

Bei diesen Teams handelt es sich um die traditionsreichsten Programme und absolute Elite des Collegesports. Da es jedoch  keine klare Definition gibt, die zeigt, welche Teams zu den Blue Bloods zählen und welche nicht, so gibt es einen Kreis von ungefähr 10 Teams, die in diesem Zusammenhang genannt werden können. Oft werden ihnen Vorteile im Recruiting zugeschrieben.

In diesem Artikel soll deswegen zunächst geklärt werden, welche Colleges wirklich zu den Blue Blood-Universitäten zählen und ob diese beschriebene Recruiting-Sonderstellung mit höherer Anziehungskraft im Bezug auf die Elite-Talente tatsächlich existiert.

Die Basics

Bevor man sich damit beschäftigen kann, ob es die angesprochenen Vorteile tatsächlich gibt, muss erst einmal eine Eingrenzung der Teams vorgenommen werden. 

Ursprünglich wurde der Begriff “Blue Bloods” für den Adel genutzt. Da diese Adelsgeschlechter oft über Jahrhunderte bestehen, sollte sich dies auch auf die College Teams übertragen. Es geht also vor allem darum, eine Beständigkeit aus etwa einer Handvoll Mannschaften zu filtern, die in der Regel zu den Spitzenteams gehören und sich aus diesem Grund von den restlichen Teams abgrenzen. Da es für jedes Team nicht immer um den Titel des NCAA-Champions gehen wird, sind natürlich auch schwächere Jahre vorprogrammiert. Da es sich aber bei den “Blue Bloods” um die absolute Elite handeln soll, müssten diese Downyears möglichst selten sein. Ein konstant hohes Niveau soll schließlich gewährleistet sein. Neben den qualitativen Erfolgen sollen also auch die Konstanz der Programme als einer der entscheidenden Faktoren in die Bewertung  einfließen.

How to start?

Welche Faktoren könnten für eine solche Bewertung der Teams also zu Rate gezogen werden? Da ein elitärer Kreis geschaffen werden soll, scheinen die gewonnenen Meisterschaften (seit Beginn der Tournament-Ära 1939), zur ersten Eingrenzung, ein sinnvoller Faktor zur Bewertung zu sein.

Mit Hilfe dieses Faktors wird die Liste der potentiellen Teams schon einmal auf 35 reduziert. Da allerdings nur die besten Teams und nicht auch die One-Hit-Wonder berücksichtigt werden sollen, soll das Minimum an Titeln zwei betragen. Da es jedoch auch einige Teams gibt, welche sehr stark von einer überragenden Freshmen-Class abhängig sind, müssen zwischen den Titelgewinnen mindestens vier Jahre liegen. Aus diesem Grund scheiden unter anderem die San Francisco Dons (die mit einem Team um Bill Russell das Tournament 1955 und 1956 gewinnen konnten) und die Florida Gators (mit ihren Titelgewinnen aus 2006 und 2007) aus. 

Übrig bleibt nach der Anwendung dieser Kriterien nur noch der überschaubare Kreis, bestehend aus 10 Teams: UCLA (11 Titel), Kentucky (9 Titel), Duke, North Carolina und Indiana (je 5 Titel), Connecticut (4 Titel), Louisville und Kansas (je 3 Titel) sowie Michigan State und North Carolina State (je 2 Titel). 

Im nächsten Schritt soll nun eine Bewertung der Beständigkeit dieser 10 Teams stattfinden. Als Indikator wird hier die Anzahl der Saisons mit mindestens 50% gewonnenen Spielen herangezogen. In der Regel stellt es, gerade für die großen Schulen, kein Problem dar, die .500-Grenze zu überschreiten. Teilweise geht dies soweit, dass die Schule in schwachen Jahren mehr als die Hälfte ihrer Spiele gewinnen, wie z. B. die Indiana Hoosiers im Jahr 2014, deren Saison trotz 17-15 Bilanz als verkorkst anzusehen ist. Es muss schon wirklich viel schief laufen, damit ein renommiertes College-Team weniger als die Hälfte der Spiele gewinnt.

Winning-Seasons nach DekadenUnbenannt

Bei einem Blick auf die Winning-Seasons, ebenfalls seit Beginn des Tournament-Formates im Jahr 1939, zeigt sich, dass vier der zehn verbleibenden Teams eine Dekade hatten, in der sie mindestens genau so viele Losing- wie Winnig-Seasons aufwiesen. Wenn man eine solch schwache Dekade als K.O.-Kriterium wertet, wären es nur noch UCLA, Kentucky, Duke, North Carolina, Kansas und Louisville, die als Blue Bloods in Frage kommen würden.

Argumentativ könnte man dabei allerdings mit Sicherheit noch zwei weitere Teams eliminieren. Zum einen wären es die UCLA Bruins, die zwischen 1941 und 1950 zwei Saisons, hatten in denen sie genau so viele Spiele gewonnen wie verloren hatten. In der Grafik zählen diese zu den Winning-Seasons, man könnte diese jedoch berechtigterweise auch zu den Losing-Seasons zählen, womit UCLA aus dem Kreise der Blue Bloods herausfallen würde. 

Auf der anderen Seite könnte man zusätzlich gegen Louisville sprechen. Zugegebenermaßen fällt ein Plädoyer gegen die Cardinals jedoch deutlich subjektiver aus. Der Fakt, dass das Team aus Louisville vorwiegend in Mid-Major Conferences aktiv war, kann aber dennoch leicht gegen sie ausgelegt werden. Bis ihrem Beitritt in die Big East Conference im Jahre 2005 war das Team “nur” in den relativ unbedeutenden Conference USA, Metro oder der MVC aktiv, in denen es entsprechend leichter ist, seine Siege einzufahren, als in den Major Conferences, was eben nicht den großartigen Erfolg der Cardinals schmälern soll. Dennoch wäre die Conference-Zugehörigkeit ein Punkt, den viele am Resümee des Teams aus Louisville anzweifeln könnten.

Das Ergebnis dieser Betrachtungsweise zeigt also auf, dass sich durch die Verbindung aus dem Erfolg der gewonnen Championships und der Konstanz über die Jahrzehnte seit dem Bestehen des Tournament-Formates ein elitärer Kern von sechs Teams gebildet hat. Die Blaublüter des Colleges Basketballs wären demzufolge Kentucky, Duke, North Carolina, Louisville, Kansas und UCLA. 

Ein alternativer Ansatz?    

Doch ist es überhaupt sinvoll, die Blue Bloods direkt an sportlichen Erfolgen zu messen? Oder steht mehr der Einfluss, den die Programme auf den College-Sport hatten/haben, im Vordergrund? Eine Kopplung mit den Coaches, die den größten Einfluss auf das Spiel hatten, wäre für diesen Fall sinnvoll, da sie nicht derselben Einschränkung von maximal vier Spielzeiten unterliegen wie die Spieler. Bei diesem Definitionsansatz würde es entsprechend darum gehen, welche Trainer das Spiel nachhaltig beeinflusst haben. Aber auch hier fällt es schwer, eine klare Definition zu schaffen.

Dabei gibt es jedoch mit Sicherheit einige unumstrittene Kandidaten, die in dieses Muster passen würden. Neben John Wooden (UCLA), der sich die meisten Titel aller College-Coaches sicherte, wären hier Mike Krzyzewski, der die meisten Siege einfahren konnte, und James Naismith, der Vater des Basketballes und erste Trainer der Kansas Jayhawks, unumstritten. Weiterhin wären wohl auch der Begründer der ersten kleinen Dynastie des College Basketballs, Adolph Rupp (Kentucky) und UNC-Legende Dean Smith, der seiner Zeit weit voraus war und den Begriff “points per possession” prägte, mögliche Kandidaten. Zudem wäre wohl auch Bob Knight ein Kandidat. Dem ehemaligen Trainer der Indiana Hoosiers ist der letzte Coach, dem es gelungen war, ungeschlagen durch eine Saison zu gehen (36:0 im Jahr 1975/1976).

Natürlich könnte hier noch weitere Namen genannt werden, allerdings sollte durch diese Aufzählung etwas anderes gezeigt werden: Die Elite des College Basketballes ist auch losgelöst von den Bilanzen nahezu deckungsgleich mit den Teams, die nach den angewandten Kriterien zu den Blue Bloods zählen. Es scheint also einen direkten Zusammenhang zwischen den Coaching-Legenden und dem nachhaltig hohen Niveau der Blue Bloods zu geben.  

Does it matter?

Nachdem diese Abgrenzung jetzt vorgenommen wurde, geht es an die ursprüngliche Frage, wie bedeutend es auch heute noch ist, ein Blue Blood zu sein. Bringt es wirklich Vorteile oder ist es im modernen College Basketball bedeutungslos? Aufschluss darauf soll eine Betrachtung der Top-Rekruten der vergangenen Jahre geben. Bewusst findet eine Bewertung also nicht am sportlichen Erfolgen statt. Der Grund darin liegt vor allem daran, dass in den sportlichen Erfolgen eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle spielen. Es soll aber weniger darum gehen, wie gut ein Trainer ein Team taktisch einstellt oder einzelne Spieler entwickelt, sondern vielmehr, wie sehr es den Programmen gelingt, die ganz großen Fische an Land zu ziehen. Da das Recruiting immer mehr zu einer Business Entscheidung wird, bei der mitunter auch die nationale Bedeutung eines Programms ein wichtiges Entscheidungskriterium ist, wäre es zu erwarten, dass die genannten Programme, durch deren großen Stellenwert, hier allen anderen voraus sind. Wie sieht es also tatsächlich aus?

Top-10 Rekruten 2015-2007

Rec

 * Zu den Blue Bloods zählen alle Schulen, die auf der Grundlage der ersten Betrachtung als Blue Bloods klassifiziert wurden (UCLA, Kentucky, Duke, UNC, Kansas und Louisville). Den erweiterten Kreis bilden die Schulen, welche durch das zweite Kriterium ausgeschlossen worden sind (Indiana, UConn, Michigan St. und NC St).

Bereits der erste Blick auf die Grafik zeigt ein deutliches Ergebnis auf: Die Hälfte der 90 Top-10 Rekruten aus den Jahren 2007 bis 2015 gingen auf eine die renommiertesten Schulen des Landes. Die andere Hälfte entschied sich zwischen 24 unterschiedlichen Schulen. Betrachtet man jetzt nicht die realen Zahlen, sondern setzt sie in ein Verhältnis, so wird es noch einmal deutlich, wie groß der Unterschied zwischen den Blue Bloods und den sonstigen Schulen ist. 1,8 Top-10 Spieler bekam jede der 24 “normalen” Schulen in dem betrachteten Zeitraum. Bei den sechs Blue Blood-Schulen waren es hingegeben 7,5 – Ein Wert, mit dem nicht einmal die Spitzenreiter der weiteren Schulen mithalten können (Texas liegt bei fünf und Arizona, Florida sowie Memphis bei je vier Top-10 Rekruten in den letzten neun Jahren). 

Der klare Trend, der durch dieses Ergebnis entsteht, sollte trotz allem weiterhin kritisch betrachtet werden. Denn es liegt schließlich nicht nur an der Tradition der Programme, sondern viel mehr auch an den überragenden Recruiting-Skills eines Calipari oder Krzyzewski. Entsprechend sind ihre beiden Programme die Spitzenreiter, was die Anzahl der Toprekruten angeht. So konnten sich Kentucky 17 (davon 16 und Calipari) und Duke immerhin neun Top-10 Spieler angeln, und sind somit maßgeblich beteiligt an dem guten Ergebnis der Blue Bloods. Im Vergleich zu den anderen Schulen (Kansas und UNC mit jeweils sieben, UCLA mit vier und Louisville mit nur einem Top-10 Spieler) sticht dabei vor allem Kentucky noch einmal deutlich hervor. Es liegt also nicht nur an der Bedeutung, die die jeweiligen Programme besitzen, sondern eben auch an den Trainern. 

Gerade das Beispiel von John Calipari zeigt jedoch, was für einen Effekt die Blue Bloods auf das Recruiting haben können. Während er sich in seinen Jahren im Memphis (2007 und 2008) jeweils “nur” einen Top-10 Spieler schnappen konnte, gelang es ihm seit dem Wechsel an die University of Kentucky nur in zwei von sieben Jahren nicht mindestens zwei Top-10 Spieler nach Lexington zu locken. Bedeutet im Klartext: Das ohnehin schon übertragende Recruiting von Coach Cal hat durch diesen Wechsel sogar noch mal einen Push bekommen. Seine Möglichkeiten Spieler zu rekrutieren sind besser als je zuvor.

Fazit

Der Begriff der Blue Bloods spielt in der modernden Ära noch immer eine Bedeutung. Auch wenn sich der Begriff an sich nur schwer eingrenzen lässt, gibt es circa sechs Programme, die aufgrund ihrer vergangenen Erfolge und der Konstanz als die Blue Bloods angesehen werden könnten. Die Frage, sich aus dieser, recht objektiven, Zugehörigkeit auch heute noch Vorteile ableiten lassen, lässt sich nicht klar beantworten. Es mag zwar weiterhin ein wichtiger Aspekt in der Außendarstellung eines Programmes sein, in den erlesenen Kreis der Blue Bloods zu gehören; es sind jedoch weniger die reinen Programme, sondern vielmehr die Coaches, die einem Team helfen, Rekruten ans Land zu ziehen. Wobei eine Mischung aus einem traditionsreichen Programm und einem Coach, der das Recruiting-Geschäft perfekt beherrscht, natürlich eine optimale Kombination ist, um die Vorteile im Kampf um die größten Talente des Landes voll und ganz auszukosten. 

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