EM 2015

Dennis Schröder – Teil des Problems oder der Lösung?

Der Eurobasket-Auftritt des deutschen Ballhandlers

Die deutsche Nationalmannschaft ist bereits in der Gruppenphase gescheitert und somit beginnt die Suche nach den Ursachen. Im Fokus dessen steht zumeist Dennis Schröder, der zwar viele Punkte generierte, aber auch einige Fehlentscheidungen traf. Ist Schröder Teil des Problems oder Teil der Lösung?

Trügerische Erwartungen

Dennis Schröder objektiv zu beurteilen, fällt schwer, wenn man sich die Hochstilisierung innerhalb der deutschen Medienberichterstattung ansieht. Im ZDF wurde er als „unser NBA-Star“ angekündigt, mit dem man ihn als das Flaggschiff der deutschen Mannschaft ausweisen wollte. Dieser Begriff schürt nicht nur Hoffnung, sondern auch Erwartungen. Schröder soll das Team emotional und basketballerisch führen, soll eben nicht nur Verkörperung des deutschen Basketballs sein, sondern auch durch Leistung jeden überzeugen. Auf seinen Schultern will man möglichst weit im Turnier vorstoßen.

Dass Schröder dies, bedingt durch seinen Charakter gerne annimmt und sowohl nach Verantwortung als auch nach Aufmerksamkeit strebt, ist definitiv ein Pluspunkt für den noch immer jungen Ballhandler, da diese Attribute ihn weiter antreiben und den Lernprozess ankurbeln. Schröder selbst sieht sich vielleicht sogar in dieser Rolle und hat zumindest das Selbstvertrauen eines NBA-Stars.

Die Realität ist eine andere. Schröder hat sich in der letzten Saison bei den Atlanta Hawks wichtige Minuten in der Rotation erkämpfen können und setzte sich gegen Shelvin Mack durch, um nun erster Backup von Jeff Teague zu sein. Er vertrat diesen auch gut und konnte Career Highs in Punkten (24 gegen die Lakers) und Assists (11 gegen Charlotte und Miami) feiern. Dennoch muss nochmals betont werden, dass Schröder mit Kent Bazemore der  ineffizienteste Rollenspieler der Hawks war und Coach Budenholzer ihn im wichtigsten Spiel der Saison – Spiel 3 gegen die Cleveland Cavaliers, Atlanta lag bereits 0:2 zurück und benötigte den Sieg, um in der Serie zu bleiben – für Shelvin Mack benchte. Schröder sah nur drei Minuten.

Schröder hat sich entwickelt und ist zu einem NBA-Rollenspieler geworden. Schröder übernimmt auch gerne Verantwortung. Aber Schröder macht auch Fehler, weil er noch immer lernt.

Teil des Problems?

Schröder hat das Problem, dass die Medien ihn am liebsten als Thronfolger Nowitzkis sehen würden, der alleine Spiele entscheidet und so dominant ist, dass auch ein schwächeres Team um ihn herum von seiner Performance profitieren kann. Das kann Schröder zu diesem Zeitpunkt noch nicht leisten. Er ist auch Teil des Problems, das die deutsche Nationalmannschaft hat.

Schröders Spiel ist mit 21 noch nicht lückenlos; das muss es in dem Alter auch nicht sein, aber dadurch entstehen eben auch Probleme für das deutsche Team. Gerade auf FIBA-Ebene ist es beinahe unersetzlich, dass der Wurf eines kleinen Spielers respektiert wird. Im Gegensatz zur NBA, wo man noch immer eine weitere Dreierlinie verankert hat, wird das Feld in FIBA-Turnieren noch kleiner, weil der Dreipunktekreis eben nur 6,75m beträgt. Umso wichtiger ist es, dass der Gegner zumindest annimmt, dass der Gegenspieler den Wurf so gut beherrscht, dass er nicht dauernd unterhalb des Picks verteidigt.
Bei Schröder weiß jedoch der Gegner, dass der Drei-Punkte-Wurf eindeutig nicht im Repertoire des Braunschweigers zu finden ist. Demzufolge wird das Spiel sehr viel enger gemacht, wenn Schröder den Ball dominiert. Beim DBB erwartet ihn jedoch nicht der Luxus, den er bei den Atlanta Hawks vorzuweisen hat. General Manager Danny Ferry stellte Coach Budenholzer ein Team zur Verfügung, das dieser perfekt für das Spacing konzipieren konnte. Durchgehend konnte man vier Spacing-Spieler aufs Parkett bringen. Auf Big konnte mit Millsap, Scott, Horford und Antic jeder Spieler Platz unterm Korb schaffen. Paradiesische Zustände also für Jeff Teague und Backup Schröder: Ein größeres Spielfeld als bei der FIBA und dazu kein einziger Spieler direkt unterm Korb, sondern viel Raum für Drives.

Die Realität beim DBB sieht anders aus. Aufgrund des Talentlevels gehört eigentlich Tibor Pleiß in die Starting Five. Der klassische Big sollte am besten direkt unterm Korb agieren. Dies wäre dann mit Schröder bereits der zweite Spieler, der in die Zone will, die mit Abstand am besten verteidigt wird. Gerade auf FIBA-Ebene wird dies zu einem Problem. Schröders Wurf wird nicht respektiert und somit muss er zwingend genau daran arbeiten, um noch viel mehr Freiräume zu bekommen. Er kann nicht erwarten, dass er auf Nationalebene dieselben Zustände wie in Atlanta vorfinden kann. Wichtig ist hierbei vor allem, dass er sich den Ruf eines guten Schützen erarbeitet, denn Milos Teodosic profitiert weiterhin davon, dass er als Schütze respektiert wird. Teodosic steht momentan bei einer Dreierquote von 16%, wird jedoch immer überm Screen verteidigt. Das muss das Ziel Schröders sein, um das Spiel zu öffnen.

Weiterhin trifft Schröder noch zu oft die falsche Entscheidung. Dies führt dazu, dass er die meisten Turnover aller Spieler bei der Eurobasket verursacht hat – insgesamt 21 und über jeden dritten der deutschen Mannschaft. Das decision making muss Schröder einfach verbessern. Er wurde sieben Mal bei Lay-ups abgeräumt, obwohl der beste klassische Rim-Protector vielleicht Semih Erden war. Zu oft attackierte Schröder den Korb, ohne eine andere Option in Betracht zu ziehen. Dabei hat Schröder die Tools, um eine Defensive kollabieren zu lassen. Es fehlt ihm jedoch noch immer die Erfahrung, um sich für den Abschluss am Korb oder dem Pass nach draußen auf den Perimeter zu entscheiden. Wenn er diese Situation mehrere hundert Mal auf NBA-Niveau gesehen hat, wird er ein besseres Gefühl dafür entwickeln.

Defensiv ist Schröder zwar kein Schwachpunkt, der so attackiert wurde wie Nowitzki gegen Italien, aber ein großes Plus ist er auch nicht. Fleming entschied sich oft, mit Tadda oder Lo den Ballhandler verteidigen zu lassen. Einerseits ist dies verständlich, weil man Schröder entlasten muss, damit er offensiv die viel zu statische Offense beleben kann; andererseits fehlt Schröder hier einfach entweder Länge oder die Erfahrung, um sich clever zu platzieren. Gerade durch die Blocks kämpfte er sich so gut wie nie und ermöglichte so ein gutes Play des Gegners. Steals stehen eigentlich nicht für Defense und sollten auch kein Synonym für gute Defense sein, doch dass Schröder nur einen Steal im gesamten Turnier verzeichnen konnte, unterstreicht zumindest, dass defensiv noch Einiges fehlt.

Teil der Lösung!

Bei all der Kritik, die Schröder traf, weil er wichtige Freiwürfe gegen Italien und Spanien nicht traf, muss man sich dennoch verdeutlichen, wie gut Schröder schon ist:

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Schröder übernahm über 30 Minuten pro Spiel die Verantwortung als klare erste Option Deutschlands. Es wurde – zu Teilen berechtigt – kritisiert, dass er Nowitzki nicht adäquat einsetzen konnte, aber dessen Europameisterschaft war auch nicht der Rede wert. Schröder wurde als zentrale Figur des Spiels integriert und demnach sollte man auch das Spiel an ihn anpassen. Jedes Team mit Erfolgserwartungen baut sein Team darum auf, wie der beste Spieler spielt. Sicherlich hätte man das Schröder-Nowitzki-Pick’n’Pop etablieren können, um Platz zu schaffen. Allerdings konnte Nowitzki kein einziges Spiel dominieren und scorte ineffizient, weil er den Weg zum Korb kaum noch suchte.  Nowitzkis größte Stärke in diesem Turnier war, dass er am Perimeter einen Spieler binden konnte. Obwohl sein Wurf nicht fiel, ließ ihn kein Gegner offen stehen.

Schröder war jedoch der beste Spieler der Deutschen – und der Abstand zu Dirk war nicht klein. Dies kann man an verschiedensten Werten aufzeigen, die in der obigen Grafik zusammengetragen wurden.  Schröder schulterte weit mehr Verantwortung als bei den Hawks. Nicht nur hatte er eine größere Usage Rate, er hatte auch größere Spielanteile als bei den Hawks. Normalerweise nimmt man an, dass durch mehr Spielzeit die Effizienz leidet. Bei Schröder ging dies im Gegensatz zur NBA aber hoch. Das heißt, dass er effizienter bei größerem Volumen war. Warum dies so ist, sieht man an der letzten Zeile: Schröder versteht es immer besser, bei seinen Drives den Kontakt zu suchen und so an die Linie zu gehen. Sein Verhältnis von Feld- und Freiwürfen hat sich im Gegensatz zum Jahr in Atlanta verbessert. Dadurch, dass Schröder ein guter Freiwerfer ist, kreiert er mit weniger Possessions mehr Punkte.
Dass er effizienter agierte, ist vor dem Hintergrund, dass er ein viel schwächeres Team um sich hatte als der Regular Season-Sieger der Eastern Conference, ein gutes Zeichen. Auch im Vergleich zum durchschnittlichen Offensive Rating der deutschen Mannschaft, das nur knapp 100 Punkte betrug, ist es toll, dass die erste Option effizienter war als das gesamte Team im Schnitt. Schröders Offense half dem Team signifikant. Nowitzki blieb bspw. unter dem Schnitt des Teams – ein klares Zeichen dafür, dass er dem Team nicht so wie erhofft helfen konnte.

Offensiv konnte Schröder vor allem durch seinen unnachahmlichen Drive überzeugen. Sein erster Schritt ist unglaublich schnell. Nach einem gesetzten Pick geht er unverzüglich und unaufhaltsam zum Korb. Ja, er trifft dort nicht immer die richtige Entscheidung, aber sein Impact durch seine Schnelligkeit ist unübersehbar. Er ist der einzige Kreative im deutschen Team, das sonst viel zu sehr von Systemspielern besetzt ist. Deshalb ist es auch unumgänglich, dass Schröder weiter so versucht, zu scoren. Wer meint, dass der primäre Ballhandler ein reiner Ballverteiler ist, hat seit Jahren nicht verstanden, worum es beim Basketball geht: größtmöglichen Impact auf das Spiel ausüben. Natürlich wäre es noch besser, wenn Dennis Schröder zum Scoring auch noch eine außergewöhnliche Übersicht hätte und in der ganzen Geschwindigkeit auch noch den freien Mann finden könnte. Dennoch ist das, was er auf FIBA-Level für das Team tut, schon jetzt das Richtige: Dribble-Penetration, den Gegenspieler im Eins-gegen-Eins schlagen, um die Defensive unter Druck zu setzen und zum Rotieren zu zwingen. In den nächsten Jahren wird es die Aufgabe jedes Coaches sein, ein DBB-Team um Schröder aufzubauen, das die Stärken des Ballhandlers betont.

Fazit

Dennis Schröder ist die Zukunft des deutschen Basketballs als Ballhandler. Er kann schon jetzt zuweilen das Spiel dominieren, auch wenn er noch nicht immer die richtige Entscheidung trifft. Er hat jedoch schon jetzt – trotz riesiger Usage – einen positiven Impact auf das Spiel der Deutschen und kann ihnen helfen. Schröder mag kein reiner Ballverteiler sein, aber dies muss er auch nicht – das Spiel hat sich entwickelt und kann mit solchen Spielertypen eigentlich sehr gut umgehen.
Nichtsdestotrotz sollte er weiter an seinem Spiel arbeiten. Er wird sich noch jahrelang auf seine Schnelligkeit verlassen können, aber um das Spiel zu öffnen und bestmögliche Synergien mit Tibor Pleiß zu erzielen, muss ein verlässlicher Wurf – zumindest aus der Mitteldistanz – antrainiert werden. Zudem fehlt Schröder weiterhin die Erfahrung, um defensiv spürbaren Impact zu entwickeln.

Vorsichtig sollte man jedoch sein, wenn man versucht, diese EuroBasket als Gradmesser für das Abschneiden Schröders in der nächsten NBA-Saison zu nutzen. Von den 100 besten NBA-Spielern treten vielleicht eine Hand voll in diesem Turnier an. Wie Schröder sich in einem anderen System mit einer anderen Rolle und gegen – im Schnitt – viel bessere Gegenspieler anstellt, werden wir erst wieder Ende Oktober beobachten können.

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2 comments

  1. Fabian Thewes

    Lesenswerter Artikel.

    Vielleicht noch etwas Allgemeines zu Dennis Schröder bzw. der Berichterstattung über den Jungen (insbesondere im Fernsehen während des Turniers):

    Ich habe mir ja alle Spiele der Deutschen angeschaut und Schröder war – mit Abstand – der beste Spieler. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass seine Fehler – die für einen Spieler seines Alters auf der PG-Position im Übrigen völlig normal sind – deutlich mehr in den Vordergrund gerückt worden sind als all die positiven Dinge, die klar in der Überzahl vorhanden sind. Siehe Fernseh-Berichterstattung oder Aussagen von Frank Buschmann oder Steffen Hamann.
    Das errinnert mich ein wenig an die Berichterstattung und (früheren) Einschätzungen der Qualitäten eines (jüngeren) Russell Westbrook, der leider auch häufiger darunter leidet bzw. lange Jahre darunter litt, dass Siege eher mit Kevin Durant, Niederlagen eher mir RW in Verbindung gebracht werden/worden sind. Und auch Schröder spielte für die deutsche Nationalmannschaft mit extrem viel Selbstbewusstsein, schultererte ungemein viel Verantwortung (siehe usage-Werte im Artikeel), agierte mit viel Zug zum Korb. Leider war das – wie beim jüngeren Westbrook – auch mit einigen Ballverlusten und zu lascher Verteidigung verbunden. Dass aber unterm Strich viel positiver Impact erzeugt worden ist, vergessen die Leute viel zu schnell. Insofern hätte ich mir gewünscht, dass die Kritik in dem Maße vorhanden gewesen wäre, wie sie auch im Verhältnis zu den gelungengen Aktionen gerechtfertigt gewesen wäre. Wie gesagt: Kritik ist natürlich in Ordnung, aber wenn sie Überhand nimmt und er sich permanent rechtfertigen muss, ist das einfach ein Unding…

    Sonst muss man sich vielleicht nicht wundern, wenn sich Schröder dazu entschließen sollte, die kommenden Sommer nicht mehr mit der Nationalmannschaft zu verbringen.

  2. Artur Kowis

    Unterschreibe ich zu 100%, Fabian.

    Die Fehler des Spielers, der den Ball in der Hand halt, sprich dem, auf dem alle ständig ihre Augen haben sind natürlich offensichtlicher als die eines Anton Gavel oder Alex King, die mit dem Ball kaum was machen. Wenn das Turnier dann in einer Enttäuschung endet, wird das als einfachste Erklärung für das Ausscheiden hervorgeholt.

    Das Schröder mit Abstand der beste Spieler war – was IMO auch offensichtlih war – wurde mir von den Medien auch viel zu selten…. bzw. gar nicht :(…. hervorgehoben.

    Dank neuer FIBA-Regeln werden wir Schröder vielleicht sowieo nur sehr selten im deutschen Dress sehen bzw. würde Sie ihm eine bessere Erklärung liefern, darauf zu verzichten: http://basketball.de/dbb/wm/die-nationalmannschaft-als-lokomotive

    Ich hoffe/denke jedoch, dass er wirklich Lust darauf hat, in Zukunft ein Leader dieser Mannschaft zu sein. Was ich von ihm hier gesehen habe hat mir sehr gefallen und ich denke, dass er mit etwas Erfahrung, dem NBA-Drill und ein wenig besserem Spacing im DBB ein echter Killer/fast nicht zu verteidigen auf FIBA-Niveau sein kann. Erinnert ein wenig an John Wall.


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