Cleveland Cavaliers, NBA

Die Lizenz zum Angriff

Wo steuern die Cleveland Cavaliers hin?

In this fall I’m gonna take my talents to South Beach and join the Miami Heat.

Nach diesen Worten von LeBron James mussten sich die Verantwortlichen und Fans der Cleveland Cavaliers sofort eine Sache eingestehen: Nach sieben Jahren mit dem talentiertesten Spieler der NBA waren sie wieder ganz unten angekommen. Aus dem besten Team der Regular Season wurde nach einem Satz eine Mannschaft ohne Identität und ohne Perspektive. Das Management bekam die Quittung dafür, dass es ihnen nicht gelungen war, James eine titelfähige Mannschaft zur Seite zu stellen.

Ein Quantum Glück

Doch der Basketballgott hatte ein Nachsehen mit den Cavaliers. Zur Trading-Deadline 2011 konnte Chris Grant, der Nachfolger vom ehemaligen Cavaliers-General Manager, der wie James die Mannschaft 2010 verlassen hat, einen Deal mit den Los Angeles Clippers einfädeln. Für Maurice Williams und Jamario Moon musste man den Vertrag von Baron Davis schlucken und bekam dafür einen ungeschützten First-Rounder. Die Aussage vom damaligen Clippers-GM Neil Olshey im Anschluss des Trades:

“The drill is, as always, is ‘Is the player you’re getting back more valuable than the potential you could get in the draft?’ Our analysis at this point in February is that it was more valuable to get a 28-year-old All-Star point guard that we have for the next few years, cap flexibility to make sure we take care of business and re-sign DeAndre Jordan and have flexibility to take care of Eric Gordon as well, as opposed to speculating on another kid that’s 19 years old with one year of college experience.”

kyrieirvingcavsfreethrowDen Namen des Jungen, von dem Olshey sprach, kennt jeder NBA-Fan: Kyrie Irving. Letzten Endes wurde aus dem First-Rounder tatsächlich Irving, obwohl die Wahrscheinlichkeit für den ersten Pick in der Draft Lottery bei nur 2,8% lag. Ein bittere Pille, die man rückblickend in Los Angeles schlucken musste, allerdings ist es ihnen ja noch gelungen, Chris Paul an Land zu ziehen, sodass man am Ende auch mit diesem Deal leben konnte.

Irving ist seitdem die große Hoffnung und der neue Franchise Player in Cleveland. Er ist natürlich kein LeBron James, aber ein hochtalentierter Aufbauspieler mit dem Charisma eines Superstars. Nachdem er letztes Jahr als Rookie mit 117 von 120 1st-Place-Stimmen zum besten Neuling der NBA gewählt wurde, stand er diese Saison bereits als All-Star in der Auswahl des Osten. Als einer der besten Scorer der NBA (23 Punkte, ligaweit auf Platz 7; True Shooting 56.5%) und guter Ballverteiler (knapp sechs Assists). Zudem erfreut er sich dank beliebter Werbespots, einer sehenswerten Spielweise und einiger starker Leistung in der Crunchtime nicht nur bei den Anhänger der Cavaliers großer Beliebtheit.

Das Grundstück scheint gefunden. Dies war die Metapher im Artikel ‘The Blueprint’ zum Aufbau einer Mannschaft.

Liebesgrüße aus Cleveland

Derzeit sind die Cavaliers von der Bilanz eines der fünf schlechtesten Mannschaften. In diesem Artikel soll es aber um die Perspektive der Cleveland Cavaliers gehen. Zunächst einen Blick auf den restlichen Kader:

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Einen Vertrag über diese Saison hinaus haben natürlich Kyrie Irving, Anderson Varejao, Marreese Speights, Tristan Thompson, Dion Waiters, Alonzo Gee, C.J. Miles, Tyler Zeller und Kevin Jones. Zudem kommen der eigene 1st Rounder, der eigene 2nd Rounder sowie der 1st Rounder der Miami Heat, der allerdings gegen den 1st Rounder der Lakers getauscht werden kann – sofern Kobe Bryant und Co. es in die Playoffs schaffen – und der 2nd Rounder der Orlando Magic. Weitere zukünftige Draft-Rechte können dieser Seite von RealGM.com entnommen werden. Unterm Strich sind es neun Spieler und vier Draft-Picks.

Die beiden größeren Talente neben Irving sind die beiden #4-Picks der Jahre 2011 und 2012, namentlich Thompson und Waiters. Zwei Spieler, die zum Zeitpunkt der Draft als Reach – als ein zu früh gewählter Spieler – verschrien wurden. Bisher gibt es für das Management keinen Grund, diese Entscheidungen besonders zu bereuen.
Thompson, Power Forward, scheint ein Spieler zu sein, der bereit ist an sich zu arbeiten. Dies lässt sich zumindest von seiner spielerischen Entwicklung im Vergleich zum letzten Jahr ableiten. Seine Saisonwerte liegen bei 11.4 Punkten und 9.3 Rebounds, im Jahr 2013 erzielt er durchschnittlich sogar ein Double-Double. Er mag nicht ein Spieler mit einer steilen Karriere und regelmäßigen Auftritten im All-Star-Spiel werden, aber einen Spieler, der langfristig eine wichtige Rolle in einer erfolgreichen Mannschaften einnehmen kann, dürfte man in ihm gefunden haben. Ob die Big Men, die nach ihm gedraftet worden sind (Jonas Valanciunas #5, Bismack Biyombo #7, Markieff und Marcus Morris #13 bzw. #14, Nikola Vucevic #16, Kenneth Faried #22) eine wesentlich bessere Karriere abliefern werden, ist zumindest bis hierhin nicht ersichtlich.

Waiters ist der diesjährige Rookie und hat aktuell den zweithöchsten Punkteschnitt unter allen Neulingen. Bei der Draft gab es Verwunderungen, dass nicht Harrison Barnes stattdessen als Flügel (siebter Pick) gewählt wurde – welcher von den beiden Spielern langfristig die Oberhand behalten wird, lässt sich noch nicht sagen. Wie es derzeit scheint, wird Andre Drummond, neunter Pick, der große Steal des 2012er Jahrgangs sein. Sollte er konstant umsetzen, was er andeutet, werden allerdings mindestens sechs andere Mannschaften ebenfalls ihre Entscheidung bereuen.
Über die komplette Saison gesehen sind Waiters Quoten natürlich sehr überschaubar, allerdings war im Februar ein klarer Trend noch oben vorhanden (49.4% aus dem Feld seit Anfang Februar). Seine Dreier- und Freiwurfquote sind ebenfalls verbesserungsbedürfig, wobei man es bei einem Rookie nicht zu kritisch sehen. Wenn er langfristig der Shooting Guard an der Seite von Irving sein will, muss er allerdings zum konstanten Schützen reifen.

andersonvarejaoDie vierte wichtige Personalie im Team ist der brasilianische Big Man, Anderson Varejao. Vor seiner Verletzung war er Führender bei den Rebounds pro Spiel und galt als heißer Kandidat für seine erste Berufung ins All-Star-Team. Wie seine Zukunkt in Cleveland aussieht, ist unklar. Aufgrund seiner starken Leistungen würde er mit Trades in Verbindung gebracht, da davon ausgegangen wurde, dass er sein Level vielleicht nicht halten kann und zudem mit seinen 30 Jahren nicht optimal zum Kern des Teams passt. Dem Alter sollte jedoch nicht zuviel Beachtung geschenkt werden, denn auch junge Mannschaften in der Entwicklung brauchen erfahrene Spieler und nicht zu viele Prospects, die sich noch entwickeln müssen. Da muss vom Management eine vernünftige Mischung gefunden werden. Nach dieser Saison steht er noch zwei Jahre unter Vertrag und er sollte eigentlich nur bei einem hervorragenden Angebot abgegeben werden. Seit 2004 ist er in der NBA und ist noch für keine andere Franchise aufgelaufen, er ist bei den Fans sehr beliebt und ist eine Art Spieler, die jeder Trainer gerne im Kader hat, ob nun als Starting-Center oder als wichtiger Backup, falls ein besserer Center in die Stadt gelotst werden kann.

Gee wird man als guten und günstigen Rollenspieler, der insbesondere aufgrund seiner Verteidigung seine Daseinsberechtigung erlangt, sicherlich behalten wollen. Er hat auch Coach Byron Scott auf seiner Seite, der sich diese Saison überschwänglich über dessen Verteidigungsfähigkeiten geäußert hat. Ähnlich wie bei Varejao ein Spieler, den man gerne im Kader. Mit steigenden Ambitionen vielleicht mit einer etwas kleineren Rolle. Speights hat eine Spieleroption für die kommende Saison und könnte mit seinen 13 Punkten und sechs Rebounds, die er seit dem Trade zu Cavaliers erzielt, versuchen, den Markt zu testen und auf einen langfristigen Vertrag zu hoffen. Zeller, Miles und Jones sollen an dieser Stelle keine eigenen Zeilen gewidmet werden.

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Skyless

Um weitere (größere) Schritte nach vorne zu machen, werden sich die Cavaliers nicht allein auf eine originäre Entwicklung der Spieler verlassen können. Insbesondere ein Co-Star für Irving muss gefunden werden – einen Luxus, den LeBron James in Cleveland nie hatte. Könnte gar der König der Star an der Seite vom jungen Point Guard werden? Twitter und diverse Foren liefen heiß, als kürzlich gemunkelt wurde, dass ein Rückkehr von James in seine Heimat möglich wäre.

Executives and agents around the league are convinced the Cavaliers won’t do anything to jeopardize their ability to sign a free agent to a max contract during the summer of 2014, when LeBron James can again become a free agent. [Jason Lloyd]

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Bericht allerdings bloß von Schreiberlingen stammen, die ihre Lese- und Klick-Zahlen in die Höhe treiben wollen, dürfte nicht allzu gering sein. Die finanziellen Mittel bzw. Flexibilität hätte die Mannschaft von Besitzer Dan Gilbert allerdings schon.

Ein anderer Free Agent, der mit den Cavaliers in Verbindung gebracht wird: Greg Oden, auch bekannt als der Spieler, der vor Kevin Durant gedraftet wurde. Damals zurecht. Aktuell ist er aber nur ein Spieler, der nach vielen Verletzungen auf ein Comeback hofft. Sollte es zu einer Verpflichtung kommen, dürfte man sich nichts erhoffen, aber es wäre zumindest den Versuch wert. Low Risk, High Reward. Das Talent Odens hat bisher nämlich kaum jemand in Frage gestellt, selbst wenn er bloß noch zu einer Karriere als solider defensivorientierter Center reichen würden. Eine ehemalige – im wahrsten Sinne des Wortes – Cavaliers-Größe, Zydrunas Ilgauskas, musste zu Beginn seiner Karriere auch mit vielen Verletzungen kämpfen. Im zweiten und vierten Jahr kam er zusammen auf 29 Spiele, seine dritte Saison musste er gar komplett aussetzen. Vielleicht ein gutes Omen.

Hinsichtlich der 2013er Free Agency dürften Dwight Howard und Andrew Bynum theoretisch die interessantesten Personalien sein. Theoretisch. So langsam scheint sich Howard in Los Angeles zu akklimatisieren und die Lakers können mehr Geld und den größeren, interessanten Markt für Superman bieten. Wenn er sich wider Erwarten gegen die Stadt der Engel entscheiden würde, dürften die Houston Rockets ebenfalls größere Chancen als Cleveland haben, da die Rockets bereits einen Schritt weiter in ihrer Entwicklung sind und in James Harden auch einen starten Co-Star für ihn hätten. Der andere wäre Bynum. Der Bynum der Saison 2011/12 wäre für ein Traum für diese Mannschaft. Ein 20/10-Center, der ein starkes Inside-Out mit Irving spielen könnte und zudem die Verteidigung zusammenhalten sowie mit Thompson ein athletisches Duo am Brett bilden würde. Die 2013er Version von diesem potentiellen Hoffnungsträger hat allerdings kein einziges Spiel absolviert. Ob General Manager Grant das Risiko eingehen und Bynum ein lukratives Angebot unterbreiten würde? Denn trotz der Verletzungsgeschichte des zweifachen Champions scheint es nicht ausgeschlossen, dass irgendeine Mannschaft ihm einen Maximum-Deal anbieten wird.

Die anderen beiden Free Agents, die ansonsten in Frage kommen könnten: Al Jefferson und Josh Smith, wobei ersterer wohl wesentlich wahrscheinlich als letzterer sein dürfte. Mit Jefferson, 28, hätte man eine richtige Scoring-Option direkt am Brett, die sich mit Varejao (All-Defensive 2nd Team 2010) ergänzen könnte. Bei einer primären Dreierrotation am Korb würde auch Thompson nicht zu kurz kommen.

Die andere Alternative den Kader von außen zu verstärken, ist natürlich die Draft – insbesondere für Franchises, die nicht ganz oben auf der Liste der Top-Free Agents stehen. Im kommenden Sommer dürfen die Cavaliers viermal einen Spieler auswählen (wie der obigen Verlinkung zu entnehmen ist, bekommen sie in den nächsten Jahren noch weitere Picks von anderen Mannschaften). Vor der Draft-Lottery und den ganzen Workout sind Vorhersagen für die Draft präsize wie Kaffeesatzlesen. Aktuell würden den Cavs der vierte Pick zustehen und bis auf die Wahl eines Point Guards kann eigentlich keine andere Position ausgeschlossen werden, auch wenn Thompson und Waiters erst kürzlich sehr hoch gedraftet wurden sind. Man sollte nicht zwanghaft nach “Need”, also nach Bedarf, draften, es sei denn, der Talentunterschied zwischen den Spielern ist gering. In dem Fall sollte natürlich der Spieler gewählt werden, der von der Position besser in die Mannschaft passt. Sollten die Scouts der Cavaliers bspw. der Meinung sein, dass Ben McLemore (kleiner Flügel, Kansas) oder Shabazz Muhammad (kleiner Flügel, UCLA) wesentlich mehr Potential haben als Waiters oder andere potentielle Draftees wie Otto Porter (großer Flügel, Georgetown), wäre es ein Fehler, nach Bedarf zu draften. Man könnte mit Waiters als sechsten Mann planen oder ihn traden. Manch einer würde von einer Verschwendung eines vierten Picks sprechen, allerdings ist der Erwartungswert eines vierten Picks nunmal nicht Star. Die eigentliche #1 der 2013er Draftclass, Nerlens Noel, könnte trotz Kreuzbandriss eine Alternative sein. Risiko und Glück gehören zum Aufbau einer guten Mannschaft.

Die Playoffs sind nicht genug

Wo stehen die Cavaliers nun? Bisher wurden seit dem Abschied von James und dem zwangsläufig gefolgten Rebuild keine gravierenden Fehler begangen. Man hätte Barnes statt Waiters oder Valanciunas statt Thompson wählen können, aber wie geschrieben ist bis zum jetzigen Zeitpunkt kein deutlicher Niveauunterschied zwischen den Spielern erkennbar. Das Management hat bisher eine gute Grundlage geschaffen. Man hat einen Ausnahmespieler auf einer wichtigen Spielposition (Irving), man hat talentierte junge Spieler, die eine wichtige Rolle einnehmen können (Thompson, Waiters), sowie viele Draftpicks zur Verstärkung, zudem ist man finanziell flexibel aufgestellt und hat passende Rollenspieler mit guten Verträgen (Varejao, Gee). Die nächsten beiden Sommer werden aber entscheidend für die Zukunft. Wird man eine Mannschaft, die bloß um die Playoffs spielt, oder kann man eine Mannschaft auf die Beine stellen, die größere Ambitionen haben kann? Er wird vom glücklicken oder weniger glücklichen Händchen bei der Draft und bei der Free Agency abhängen. Oder vielleicht von der Rückkehr des Königs.

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1 comment

  1. pistolpete

    Klar, wenn Lebron zurückkommt sind die Cavs sofort ein Titelanwärter, mit Kyrie und den vielen Assets, die vorhanden sind. Sollte das nicht klappen, bin ich ganz bei dir, braucht es einen elitären Big-Man, der Defensiv den Ton angibt und Offensiv mit Kyrie ein Tandem bilden könnte (Varejao und Thompson sind da doch eher limitiert).


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